Interview Kohl muss unter Realitätsverlust leiden

Ende der achtziger Jahre bemühte er sich im Kieler Untersuchungsausschuss um Aufklärung in der Barschel/Pfeiffer-Affäre - und fiel bei seinen Parteifreunden der CDU in Ungnade. Jetzt tritt Trutz Graf Kerssenbrock auf Listenplatz 28 zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein an. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihm über Nackenschläge aus Berlin, Neuanfang und Kohls Psychologie.


SPIEGEL ONLINE:

Sie stehen auf der Landesliste der CDU für die Landtagswahl Ende Februar. Wenn Sie sich die letzte Entwicklung an der Parteispitze ansehen - Schäuble bleibt Vorsitzender, und die gesamte Führung stellt sich hinter ihn - fassen Sie als Wahlkämpfer wieder neuen Mut?

Graf Kerssenbrock
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Graf Kerssenbrock

Graf Kerssenbrock: Das ist für mich nicht das Kriterium. Den Mut beziehe ich aus der Tatsache, dass unser Spitzenkandidat nach wie vor unbelastet ist und wir in Schleswig-Holstein nichts zu verbergen haben. Das was in Berlin passiert ist, ist nach wie vor wenig ermutigend.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Spitzenkandidat Volker Rühe hatte sich schon frühzeitig von Helmut Kohl distanziert, ihn für den Wahlkampf nicht mehr vorgesehen. War es ein Fehler, dass andere prominente Parteimitglieder da eher zögerlich vorgingen?

Graf Kerssenbrock: Ja. Es wäre besser gewesen, gleich konsequent zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Nun hat die CDU Helmut Kohl inzwischen sozusagen die Gelbe Karte gezeigt - worauf er prompt den Ehrenvorsitz niederlegte. Wie bewerten Sie diese Reaktion?

Graf Kerssenbrock: Das kann ich nur so kommentieren: Da muss jemand furchtbar schlecht beraten sein und möglicherweise auch unter Realitätsverlust leiden.

SPIEGEL ONLINE: Die Partei will nun verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Was ist da Ihrer Meinung nach alles zu tun?

Graf Kerssenbrock: Wir werden auf mittlere Frist bundesweit mit einer völlig neuen Politikergeneration antreten müssen. Die gesamte Politikergeneration, die die Kohl-Ära verkörpert hat, wird diesen Neuanfang nicht mehr durchführen können.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine reine Generationenfrage? Gerade Weggefährten, die oft mit Kohl über Kreuz lagen, wie etwa Heiner Geißler, treiben die Aufklärung heute massiv voran...

Graf Kerssenbrock: Ich denke nicht, dass Heiner Geißler den Anspruch erhebt, die neue CDU der Zukunft zu verkörpern. Geißler hat immer einen moralisch sehr aufrechten Gang gepflegt, wie im Übrigen auch Kurt Biedenkopf. Beide haben unter der Parteistruktur in der Kohl-Ära gelitten. Dass sie das jetzt auch zum Ausdruck bringen, ist wichtig - sozusagen als Geburtshilfe für die neue Politikergeneration in der Union. Aber sie selbst werden es nicht verkörpern können.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren im Kieler Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Barschel/Pfeiffer-Affäre aktiv - eine Rolle, die Ihnen in der CDU nicht nur Sympathien eingetragen hat..

Graf Kerssenbrock: ... das ist noch vorsichtig ausgedrückt.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird Aufklärungseifer bestraft?

Graf Kerssenbrock: Das ist ein psychologisches Phänomen, das in solchen Fällen immer wieder auftritt. Und das gegenwärtig auch Angela Merkel zu spüren bekommt. Obwohl sie sich unanfechtbar verhält, wird sie dennoch angegriffen. Es scheint, dass dieser Mechanismus in einer großen politischen Partei unvermeidbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Rücksichtslose Aufklärung oder Loyalität zur Partei, zu politischen Freunden - wie löst man ein solches Dilemma?

Graf Kerssenbrock: An sich müsste uns die Erfahrung aus der Barschel-Affäre 1987 mit dem dramatischen politischen Einbruch, den die CDU damals erlebt hat, Lehre genug sein. Lehre dafür, dass jedes Abweichen vom ganz klaren Kurs der Aufklärung bösestes Unheil für die Partei bedeutet. Das hat Frau Merkel aus meiner Sicht vollständig begriffen. Sie fährt den richtigen Kurs. Es gibt keine Wahl in dieser Frage. Oder es gibt diesen gewaltigen Flurschaden, den wir jetzt bundesweit und in der Bundespartei zu beklagen haben. Wir als Landespartei versuchen uns als diejenigen, die in diesem Bereich überhaupt nichts zu verantworten haben, verzweifelt dagegen zu wehren und kämpfen.

Das Interview führte Rita Kohlmaier



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