Interview mit Alexander Brenner Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlins attackiert die FDP

Nur wenige Juden in Deutschland werden bei der Bundestagswahl die Liberalen wählen, glaubt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Alexander Brenner. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt er die FDP davor, im "rechten Sumpf" zu fischen.


Alexander Brenner, 72, ist seit einem Jahr Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin, mit 13.000 Mitgliedern die stärkste in Deutschland. Über Umwege kam der Chemiker in den siebziger Jahren ins Auswärtige Amt. Acht Jahre lang war er an der Deutschen Botschaft in Israel tätig, neun Jahre mit Unterbrechungen an der deutschen Vertretung in Moskau. Brenner ist auch Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland.
DDP

Alexander Brenner, 72, ist seit einem Jahr Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin, mit 13.000 Mitgliedern die stärkste in Deutschland. Über Umwege kam der Chemiker in den siebziger Jahren ins Auswärtige Amt. Acht Jahre lang war er an der Deutschen Botschaft in Israel tätig, neun Jahre mit Unterbrechungen an der deutschen Vertretung in Moskau. Brenner ist auch Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Brenner, die FDP hat nach innerparteilichen Irritationen über die Äußerungen ihres Vizes Jürgen Möllemann auf ihrem letzten Parteitag ausdrücklich das Existenzrecht Israels bekräftigt. Ist damit Ihre Sorge genommen, eine der etablierten Parteien in Deutschland könnte nach Rechts abrücken?

Alexander Brenner: Ich habe mich darüber gefreut. Doch wäre mir eine noch deutlichere Distanzierung lieber gewesen. Auf jeden Fall hat mich der Brief von Frau Hamm-Brücher gefreut, in dem sie ihre Partei vor antisemitischen Spielereien warnte.

SPIEGEL ONLINE: Die Altliberale Hildegard Hamm-Brücher ist aber nur eine Stimme unter vielen.

Brenner: Richtig, aber sie ist eine moralische Instanz. Trotzdem bleibt es doch merkwürdig, dass eine Partei, die ja immerhin auch die Partei von Ignatz Bubis war, solch einen Beschluss überhaupt fassen musste. Die Anerkennung des Existenzrechts Israels klingt ein wenig nach dem Motto: Leben lassen wollen wir euch schon. Ich kann nur hoffen, dass die Möllemanns, die mit ihren Äußerungen im rechten Sumpf fischen wollen, scheitern werden. Ich befürchte aber, Sie werden am Ende doch Erfolg haben.

SPIEGEL ONLINE: Wird das Verhalten der FDP Auswirkungen auf das Wahlverhalten der Juden in Deutschland haben?

Brenner: Wir sind ja zahlenmäßig eine kleine Minderheit in Deutschland...

SPIEGEL ONLINE: Aber eine, die hohe öffentliche Aufmerksamkeit genießt...

Brenner: Ja, wegen der Vergangenheit. Noch einmal: Wir haben in Deutschland viele nicht-jüdische Freunde, die genauso gegen antisemitische Äußerungen empfindlich sind. Solche Äußerungen wie die von Herrn Möllemann werden sicherlich nicht dazu beitragen, dass die jüdischen Stimmen in großer Zahl seiner Partei zukommen.

SPIEGEL ONLINE: Als der Kanzler am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, mit dem Schriftsteller Martin Walser über die Nation diskutierte, hat der Zentralrat der Juden darüber seine Verwunderung ausgesprochen. Wird dadurch nicht den Antisemiten neue Nahrung gebeben?

Brenner: Nein. Der Antisemitismus ist etwas völlig Irrationales. Wir vom Zentralrat haben nur unsere Irritation darüber zum Ausdruck gebracht, dass der Kanzler einem Mann wie Walser die Chance zur Selbstdarstellung bietet.

NPD-Demo in Berlin: Nazis vor der Synagoge
DPA

NPD-Demo in Berlin: Nazis vor der Synagoge

SPIEGEL ONLINE: Warum aber soll der Kanzler nicht mit einem Schriftsteller wie Walser, der ja nun wahrlich kein Rechtsextremist ist, debattieren?

Brenner: Herr Walser hat durch seine früheren Äußerungen, etwa die, dass Auschwitz eine Moralkeule sei, bei vielen Mitgliedern unserer Gemeinde alte Wunden aufgerissen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Verhältnis der SPD zum Zentralrat der Juden nun belastet?

Brenner: Auf jeden Fall hat es Missverständnisse hervorgerufen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich schon die Hetzbriefe gezählt, die Sie diese Woche erhalten haben?

Brenner: Nein. Das tue ich mir schon seit langem nicht mehr an. Manche lese ich natürlich, einige hebe ich auf, die meisten wandern in den Papierkorb.

SPIEGEL ONLINE: Kommen seit Beginn der jüngsten Nahost-Krise mehr Briefe?

Brenner: Oh ja. Auffallend ist dabei, dass immer mehr Briefschreiber ihren Namen und ihre Adresse angeben. Der Nahost-Konflikt bietet jetzt die schöne Gelegenheit, endlich einmal den Antisemitismus in die Kritik an Israel zu verpacken, der Antizionismus beziehungsweise Antiisraelismus dient als Ventil für den akkumulierten Antisemitismus.

SPIEGEL ONLINE: Aber Israel macht es ja selbst seinen Freunden in diesen Tagen nicht leicht, es zu verteidigen.

Altliberale Hildegard Hamm-Brücher warnte die FDP vor antisemitischen Tendenzen
AP

Altliberale Hildegard Hamm-Brücher warnte die FDP vor antisemitischen Tendenzen

Brenner: Israel wehrt sich gegen terroristische Angriffe. Über die Art und Weise der Reaktion kann man natürlich geteilter Meinung sein. Doch was ich in den letzten Woche in manchen deutschen Medien lesen musste, war schon sehr einseitig, um mich zurückhaltend auszudrücken.

SPIEGEL ONLINE: Woran denken Sie dabei?

Brenner: Nehmen Sie das angebliche Massaker von Dschenin. Ungeprüft wurden die Angaben der arabischen Seite übernommen, es seien 1000 Menschen umgebracht worden. Dann schrumpfte die Zahl immer weiter. Jetzt ist von einem Massaker plötzlich keine Rede mehr, jetzt wird schon danach gefragt, ob nicht vielleicht auch die palästinensischen Quellen unglaubwürdig waren.

SPIEGEL ONLINE: Früher hat sich Ignatz Bubis dagegen gewehrt, für die Taten der israelischen Regierung in Haftung genommen zu werden. Jetzt demonstrieren die jüdischen Gemeinden offen für Israel. Hat sich da eine Wandlung vollzogen?

Brenner: Das glaube ich nicht. Unser Verhältnis zu Israel war immer ein besonderes. Die Demonstrationen waren eine Reaktion auf die zum Teil völlig überzogene Kritik an der Politik der israelischen Regierung, die immerhin von den beiden größten Parteien des Landes gestützt wird. Vergessen Sie nicht, dass Israel die einzige Demokratie, der einzige Rechtsstaat im Nahen Osten ist, mit allen positiven wie negativen Seiten. Wo gibt es Vergleichbares in den arabischen Ländern? Wo werden die Aktionen der Armee untersucht, wo so scharfe Kritik an der Regierung geübt?

SPIEGEL ONLINE: Auffällig war, dass sowohl bei den Pro-Israel-Kundgebungen in Berlin und Frankfurt wie auch bei den Pro-Palästina-Demonstrationen die jeweiligen Staatsfahnen demonstrativ geschwenkt wurden. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass sich beide Gruppen innerhalb der deutschen Gesellschaft abschotten?

Brenner: Entschuldigen Sie, aber Sie können die Demonstrationen doch nicht gleichsetzen, nur weil Fahnen mitgeführt wurden. Auf den Pro-israelischen Kundgebungen herrschte eine friedliche Stimmung, während auf den Pro-Palästina-Demonstrationen Parolen des Hasses gerufen wurden. Das ist ein elementarer Unterschied. Denken Sie nur an das Bild des Vaters, dessen Kinder Sprengstoffattrappen umgebunden hatten.

Jüdische Synagoge im Stadtteil Kreuzberg in Berlin: Immer wieder Ziel von Angriffen
DPA

Jüdische Synagoge im Stadtteil Kreuzberg in Berlin: Immer wieder Ziel von Angriffen

SPIEGEL ONLINE: Die Stimmen der Kritik an der Politik Israels kommen ja nicht nur aus den Medien. In Berlin hat ein Überlebender des Holocaust in einer Pressekonferenz den Aufstand der Palästinenser mit dem Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto 1943 verglichen.

Brenner: Dieser Vergleich ist pervers und abstoßend, um es milde auszudrücken. Es ist mit einer Verharmlosung der Nazi-Verbrechen gleichzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Aber er wurde von einem Juden getan.

Brenner: Dies ist eine altbewährte Methode, bei der man Juden findet, die das sagen, was man selbst - noch - nicht zu sagen wagt. Wissen Sie, es gibt eine jüdische Krankheit, die ich den Hang zum Objektivismus nenne.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Brenner: Gerade weil sie Juden sind, wollen manche unter uns umso schärfere Kritiker sein. Sie hoffen dadurch in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Das ist ein Irrglaube. Sie sind nur die Fassade, hinter der sich ganz andere Kräfte verstecken. Selbst in der Sowjetunion kamen die schärfsten Angriffe in der Stalin-Ära gegen den so genannten Kosmopolitismus, der nichts anderes als die jüdischen Intellektuellen meinte, von Juden.

SPIEGEL ONLINE: Also sollten die Kritiker Israels in dieser Ausnahmesituation lieber schweigen?

Brenner: Das habe ich nicht gesagt. Es ist das selbstverständliche Recht eines jeden, die Politik der Regierung Israels zu kritisieren. Wer aber den Kampf der Palästinenser mit dem Aufstand im Ghetto vergleicht, der verharmlost die Taten Hitlers. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Allein die Frage, wie die Juden, die doch selbst so unter den Nazis gelitten hätten, nun so gegen die Palästinenser vorgehen könnten, leistet der Verharmlosung der Nazi-Verbrechen Vorschub.



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