Interview mit Amerika-Beauftragtem Voigt "Beziehungen werden schlechter gemacht als sie sind"

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen würden schlechter gemacht als sie sind, wirft der Amerikabeauftragte im Außenministerium, Karsten Voigt, der Opposition unter Angela Merkel und Teilen der Presse vor. Im Irak-Konflikt hält der SPD-Außenpolitiker "negative Entwicklungen für wahrscheinlich".


Karsten Voigt (SPD): "Rhetorische Fehler und Entgleisungen auf beiden Seiten"
REUTERS

Karsten Voigt (SPD): "Rhetorische Fehler und Entgleisungen auf beiden Seiten"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Voigt, Sie sind im Auswärtigen Amt Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Wird überhaupt noch mit Ihnen geredet, oder lächeln amerikanische Gesprächspartner nur noch müde über Gesprächspartner aus der Bundesregierung?

Karsten Voigt: Lassen Sie sich durch manche Stimmungsmache nicht täuschen. Insbesondere auf Fachebene haben wir nach wie vor hervorragende Verbindungen und verzeichnen Übereinstimmung in zahlreichen Punkten - auch in der Frage der Bekämpfung des internationalen Terrorismus.

SPIEGEL ONLINE: Und auf Regierungsebene?

Voigt: Je näher man an Washington und das Weiße Haus herankommt, desto mehr ist das zurzeit ein Problem, aber nur bei diesem Thema. Unsere Kontakte bestehen dennoch weiter und stecken nicht im Dauerfrost.

SPIEGEL ONLINE: Was stimmt Sie so optimistisch?

Voigt: Es hat sicherlich im Lauf der letzten Monate und Wochen rhetorische Fehler und Entgleisungen auf beiden Seiten gegeben, die das Verhältnis belastet haben. In der Sachauseinandersetzung, dem Thema Irak, geht es aber zu wie unter politischen Freunden und Partnern üblich. Wir ringen um gegensätzliche Positionen. Die trennen uns auch unterhalb der Ebene der politische Rhetorik, aber entzweien uns nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Opposition sieht das anders. So ist Angela Merkel in die USA gereist, weil sie zerschlagenes Porzellan wieder kitten will. Stiehlt Sie ihnen jetzt die Schau als deutsch-amerikanische Verständigungsministerin?

Voigt: Ich kann nur jeden politischen Vorstoß begrüßen, der dazu dient, das deutsch-amerikanische Verhältnis zu pflegen. Bislang hat aber jede Opposition in der Bundesrepublik behauptet, sie werde das noch besser tun als die jeweilige Regierung. Das gehört zum politischen Geschäft. In der Sache bin ich mir aber sicher, wird Angela Merkel wissen, wo ihre Grenzen sind und dass sie auf die Wirkung ihrer Äußerungen nicht nur in Washington, sondern auch Deutschland achten muss.

SPIEGEL ONLINE: Sie hat aber bereits sehr offensiv eigene deutsch-amerikanische Politik in der US-Presse betrieben.

Voigt: Das möchte ich lieber nicht kommentieren.

SPIEGEL ONLINE: Spricht Sie Ihnen nicht aus dem Herzen?

Voigt über Angela Merkels "Wahington-Post"-Artikel: "Das möchte ich lieber nicht kommentieren"
DPA

Voigt über Angela Merkels "Wahington-Post"-Artikel: "Das möchte ich lieber nicht kommentieren"

Voigt: Nein. Denn wer seinen Kopf benutzt, wird feststellen, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen derzeit schlechter gemacht werden, als sie sind.

SPIEGEL ONLINE: Skeptiker warnen aber sogar schon vor Einbrüchen im deutsch-amerikanischen Handel.

Voigt: Ich habe keine Anhaltspunkte hierfür. Ich fürchte es auch deshalb nicht, weil die Sympathien beider Völker und die Interessen der Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks die Stabilität des wechselseitigen Netzwerks der Beziehungen auch gegenwärtig garantieren.

SPIEGEL ONLINE: US-Zeitungen lästern jedoch neuerdings viel über die Deutschen. Wird der hiesige Anti-Amerikanismus nun mit Deutschlandfeindlichkeit gekontert?

Voigt: Es dominiert weder das eine noch das andere. Allerdings gibt es vereinzelt Zuspitzungen und Übertreibungen, die selektiv verstärkt wahrgenommen und instrumentalisiert werden. Auf der anderen Seite wird die deutsche Haltung zum Irak-Krieg in den USA vielfach auch respektvoll kommentiert. Darüber wird jedoch weniger berichtet.

SPIEGEL ONLINE: Im Rahmen einer regen Reisediplomatie stimmt sich US-Außenminister Powell momentan mit wankelmütigen Uno-Sicherheitsratsmitgliedern ab. Wird Deutschland dabei isoliert?

Voigt: Dass Deutschland das nicht ist, belegen die jüngsten Verhandlungen auf europäischer Ebene und das anhaltend positive Echo im Uno-Sicherheitsrat auf die deutsche und französische Position. Powells Reisediplomatie beweist eher, dass die US-Regierung sich ihrer Position in der Uno gegenwärtig nicht sicher ist und in die Defensive geraten ist.

SPIEGEL ONLINE: Erobern sich die USA gerade die Meinungshoheit zurück?

"Ich empfehle Pessimisten, die nächste Sicherheitsratssitzung erst einmal abzuwarten"
AFP

"Ich empfehle Pessimisten, die nächste Sicherheitsratssitzung erst einmal abzuwarten"

Voigt: Nicht solange Gerhard Schröder weiterhin gemeinsam mit Außenminister Joschka Fischer und Verteidigungsminister Peter Struck für die deutsche Position wirbt, die von zahlreichen Europäern aber auch anderen Staaten breit unterstützt wird. Daher empfehle ich Pessimisten, die nächste Sicherheitsratssitzung erst einmal abzuwarten.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Irak-Krieg nicht längst schon beschlossenen Sache?

Voigt: In diesem Kontext bin ich analytischer Pessimist und intentionaler Optimist zugleich. Das heißt: Selbst wenn ich negative Entwicklungen für wahrscheinlich halte, tu ich alles, um positive Entwicklungen doch noch wahrscheinlicher werden zu lassen.

Das Gespräch führte Holger Kulick

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