Interview mit Andrea Fischer "Kühlköfferchen voll Embryonen"

Während die Politik über die Embryonenforschung debattiert, schaffen Wissenschaftler mit Zellimporten Tatsachen. Um die Lage zu retten, fordert Ex-Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) im SPIEGEL-ONLINE-Interview eine Melde- und Genehmigungspflicht für Forschungsprojekte mit embryonalen Stammzellen.


Andrea Fischer
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Andrea Fischer

Damit hat die Gentechnik-Expertin der grünen Bundestagsfraktion im Streit zwischen SPD und Grünen jetzt erstmals eine Kompromisslösung vorgeschlagen. Auch Importe von Zelllinien, die aus Embryonen gewonnen wurden, sollten einer Melde- und Genehmigungspflicht unterworfen werden.

Im Gegensatz zu Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) hatten Fischer und mit ihr die Grünen-Fraktion sich bislang stets gegen jede Forschung ausgesprochen, für die Embryonen verbraucht werden. Beim gestrigen Koalitionsgespräch hatten die beiden Regierungsparteien eine Entscheidung über ein mögliches Verbot der Zellimporte auf den Herbst vertagt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Fischer, deutsche Forscher haben mindestens schon zweimal embryonale Stammzellen aus den USA importiert. Kommt die Debatte über Verbot oder Erlaubnis der Forschung mit solchen Zellen also zu spät?

Fischer: Ja, leider. Ich habe vor anderthalb Jahren vorgeschlagen, mit einem Fortpflanzungsmedizingesetz alle damit zusammenhängenden Fragen zu klären. Aber auf meine Bitte, das Vorgehen im Bundestag zu koordinieren, haben die Fraktionsvorsitzenden nicht reagiert. Letztes Jahr war es wohl noch zu früh - jetzt ärgern sich alle.

SPIEGEL ONLINE: Und nun stellen die interessierten Wissenschaftler die Politik vor vollendete Tatsachen.

Fischer: Das können wir nicht zulassen. Wir dürfen uns nicht der normativen Kraft des Faktischen ergeben, bloß weil die Politik ihr eigenes Timing hat. Sie muss darauf bestehen, dass sie zu ihrem Recht kommt.

SPIEGEL ONLINE: Doch gestern Abend hat die Koalitionsrunde beschlossen, gesetzgeberisch erst mal gar nichts zu unternehmen und das von der CDU geforderte Moratorium abzulehnen. Der Import von und die Arbeit mit embryonalen Stammzellen bleiben legal, die Forschung kann weitergehen.

Fischer: Wir appellieren an die beteiligten Wissenschaftler, dass sie das Votum des Nationalen Ethikrates und des Bundestages im Herbst abwarten sollen. Dann allerdings müssen Regierung und Parlament klar sagen, wie es mit dieser Forschung in Deutschland weitergehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Wozu diese Verzögerungstaktik? Es läuft doch ohnehin darauf hinaus, das der Kanzler und sein Genosse Ministerpräsident Clement ihre Linie durchsetzen und die Forscher machen lassen.

Fischer: In einer Demokratie geht es doch genau darum, dass das Parlament die Entscheidung trifft, und dafür braucht es noch Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es nach Ihnen ginge, dann würde die Arbeit mit embryonalen Zelllinien abgebrochen?

Fischer: Mit Blick auf die großen Fortschritte bei der Forschung mit anderen Zellen meine ich, dass wir es uns erlauben können, weiterhin auf den Verbrauch von Embryonen für die Forschung verzichten zu können.

Die Frage, wo Embryonen verbraucht werden, ist irrelevant

SPIEGEL ONLINE: Warum eigentlich? Die importierten Zellen sind doch gar keine Embryonen.

Fischer: Aber für ihre Gewinnung wurden Embryonen verbraucht. Es ist Selbstbetrug, zu sagen, es gebe kein Problem, weil aus diesen Zellen kein Mensch erwachsen könne in dem Moment, wo sie bei uns importiert werden. Es geht um die Frage, ob man grundsätzlich Embryonen als Ressource verwenden darf. Die Frage, wo die Embryonen verbraucht wurden, ist irrelevant.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sie nicht für die Forschung genutzt werden, wandern überschüssige Embryonen in den Abfall.

Fischer: Es gibt aber einen qualitativen Unterschied. Denn es stellt sich die Frage, ob wir den Menschen überhaupt als Material verwenden dürfen. Es ist übrigens mitnichten so, wie uns die Forscher glauben machen wollen, dass wir nur ein paar Stammzellen von überzähligen Embryonen benötigen, die sich dann unendlich vermehren lassen. Wir werden dafür sehr viele brauchen. Und wenn man einmal anfängt, Embryonen als Ressourcen für die Forschung zu erschließen, hat man bald kein Argument mehr zu sagen, wir nehmen nur die überzähligen. Bald wird man dann auch eigens welche herstellen. Diese mögliche Konsequenz muss bei der Entscheidungsfindung mitbedacht werden.

Wurstigkeit sozialdemokratischer Männer

SPIEGEL ONLINE: Der frühere SPD-Politiker Peter Glotz meint, es sei heuchlerisch, das embryonale Leben im Zusammenhang mit der Forschung für absolut schutzwürdig zu erklären, gleichzeitig aber 134.000 Abtreibungen pro Jahr hinzunehmen.

Fischer: Ach, das ist so diese Wurstigkeit sozialdemokratischer Männer, die das eine mit dem anderen rechtfertigen. Eine ernsthafte Ethik-Debatte erfordert mehr Überlegung. Wenn wir das Kind nicht gegen den Willen seiner Mutter schützen, ist das doch etwas völlig anderes, als wenn Dritte menschliches Leben benutzen, um damit zu forschen. Das ist eine Instrumentalisierung von menschlichem Leben.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr dogmatisch. Wäre es nicht besser, unter strikter Kontrolle die Forschung zuzulassen, als die interessierten Forscher ins Ausland zu treiben?

Fischer: Sicherlich muss es in einer pluralistischen Gesellschaft mit unterschiedlichen Werten Kompromisse geben. Aber mit Pragmatismus können wir keine ethischen Grenzen definieren. Die Forschung mit embryonalen Stammzellen zu therapeutischen Zwecken ist doch nicht ohne Alternative. Ich finde es bemerkenswert, dass die Forderung nach dieser Forschung umso härter verfochten wird, je häufiger man in internationalen Fachzeitschriften liest, dass in Sachen adulter Stammzellenforschung richtig was vorangeht, also mit Zellen, die aus dem Gewebe von Erwachsenen gewonnen werden.

SPIEGEL ONLINE: Unsere hiesigen Wissenschaftler sagen genau das Gegenteil.

Fischer: Nun, immerhin begründet die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihre geforderte Freigabe der Embryonenforschung vor allem damit, dass im Vergleich die Funktionsweise adulter Stammzellen besser verstanden werden könnte. Wenn man mir ein überzeugendes Konzept vorlegen könnte, das die Arbeit mit embryonalen Stammzellen auf diese vergleichende Grundlagenforschung begrenzt, könnte man darüber noch mal reden.

SPIEGEL ONLINE: Solange, bis mit adulten Stammzellen all das machbar sein wird, was man sich nun von den embryonalen verspricht?

Fischer: Genau. Dafür wäre ich noch am ehesten empfänglich.

Embryonen sind kein Rohstoff

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, die Forschergemeinde und ihre Förderer bei SPD und FDP werden sich auf einen solchen eng gefassten Kompromiss einlassen?

Fischer: Also selbst diejenigen, die wollen, dass wir dauerhaft an Embryonen forschen, können sich der Forderung nach Kontrolle nicht entziehen. Embryonen sind kein Rohstoff. Wir müssen einen Minimalkonsens finden. Auch bei einer Änderung des Embryonenschutzgesetzes haben wir vermutlich juristisch keine Handhabe, den Import von embryonalen Stammzellen zu verbieten. Das Mindeste ist, Regeln aufzustellen, dass das nicht permanent passiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen die Regeln aussehen?

Fischer: Erst mal muss es eine grundsätzliche Meldepflicht geben, auch für die Privatwirtschaft. Zudem sollte verpflichtend sein, dass Ethikkommissionen über diese Forschungsprojekte entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Diese Hürden hat die Bonner Forschergruppe längst genommen.

Fischer: Ja, vermutlich werden wir auch eine Genehmigungspflicht einführen müssen. Sonst kann ja jeder hier mit dem Kühlköfferchen voll Embryonen über die Grenze kommen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Genehmigungspflicht verlangt doch ein Gesetz!

Fischer: Das ist die Schwierigkeit. In dieser Legislaturperiode werden wir das wohl nicht mehr hinbekommen.

Das Interview führten Harald Schumann und Alexander Schwabe

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