Cohn-Bendit zum Grünen-Streit "Friede, Freude, Eierkuchen - das ist Quatsch"

Die Grünen streiten über die Aufstellung zur Bundestagswahl - aus Sicht von Daniel Cohn-Bendit kein Problem: Solche Debatten gehörten zur Politik, sagt der Chef der Grünenfraktion im Europaparlament. In Sachen Urwahl allerdings zeigt er sich skeptisch.

Grüne Trittin, Roth: Können zwei vom linken Flügel die Partei in den Wahlkampf führen?
DPA

Grüne Trittin, Roth: Können zwei vom linken Flügel die Partei in den Wahlkampf führen?


SPIEGEL ONLINE: Verspielen die Grünen im Moment ihren Kredit bei den Wählern?

Cohn-Bendit: Nein. Warum?

SPIEGEL ONLINE: Weil sie ihren Personal-Zoff so öffentlich zur Schau stellen , wie es Jahre nicht mehr der Fall war. Was läuft da falsch?

Cohn-Bendit: Gar nichts. Es liegt doch in der Natur der Sache, dass es Auseinandersetzungen um Posten gibt. Das ist so in der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Umfragen zufolge honorieren die Wähler aber Personalquerelen nicht, sie wollen keine zerstrittenen Parteien.

Cohn-Bendit: Friede, Freude, Eierkuchen - das ist Quatsch. Die Wähler sind genervt, wenn die falschen Personalentscheidungen getroffen werden. Aber diese ganze Argumentation, es käme nicht auf die Personen, sondern nur die Inhalte an - das ist Humbug. Ein Programm ohne überzeugende Personen funktioniert nicht. Nehmen wir mal ein Beispiel: In Berlin waren die Grünen inhaltlich sicher gut aufgestellt, aber im Wahlkampf hat Renate Künast als Spitzenkandidatin nicht funktioniert. Das passte am Ende nicht mehr zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Dann schauen wir uns doch mal den anstehenden Bundestagswahlkampf an: Mit welchen Spitzenkandidaten sollten denn die Grünen aus Ihrer Sicht 2013 antreten?

Cohn-Bendit: Ich hatte nichts gegen eine Vierer-Combo einzuwenden. Aber da hab ich mich von den Gegenargumenten überzeugen lassen, vor allem mit Blick auf die beinahe unmögliche Koordinierung.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Problem hätte man mit einem Spitzenkandidaten nicht. Was spricht gegen Fraktionschef Jürgen Trittin, die starke Figur bei den Grünen, als Solist im Wahlkampf?

Cohn-Bendit: Die Solo-Lösung gab es bei uns ja nur ein einziges Mal, 2005 mit Joschka Fischer. Und nun muss man einfach mal feststellen, dass Jürgen Trittin eben nicht so ein Wahlkampfschwein wie Joschka ist. Der ist im Wahlkampf so richtig aufgeblüht, das habe ich bei keinem anderen Politiker beobachtet. Ja, Trittin verkörpert die Grünen im Jahr 2012 so wie niemand sonst in der Partei - aber mit ihm alleine im Wahlkampf würde etwas fehlen. Vor allem das emotionale Moment.

SPIEGEL ONLINE: Da fällt einem doch sofort Parteichefin Claudia Roth ein. Sie plädieren also für das Wahlkampf-Duo Trittin/Roth?

Cohn-Bendit: Nein. Aber das ist eine reale Möglichkeit. Denn das Problem ist doch derzeit: Es gibt kaum eine Alternative. Renate Künast, die 2009 gemeinsam mit Trittin antrat, ist nach dem gescheiterten Berlin-Projekt angeschlagen. Aber natürlich kann man sich auch noch ganz anders orientieren. Denken wir mal an Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, die frühere Fraktionschefin - oder Rebecca Harms, meine Co-Fraktionsvorsitzende im Europa-Parlament.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen nicht gerade begeistert mit Blick auf das mögliche Duo Trittin/Roth. Was spricht aus Ihrer Sicht gegen diese Kombination?

Cohn-Bendit: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Aber das hat gar nichts damit zu tun, dass ich als Realo grundsätzlich etwas gegen ein Spitzenduo zweier Politiker vom linken Parteiflügel hätte. Mir geht es um etwas anderes: Sowohl Trittin als auch Roth sind beide Grüne, die sich schwer mit klaren Positionen tun, weil sie keinen Konflikt mit dem grünen Mainstream haben wollen. Das sehe ich schon als Problem.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Urwahl aus Ihrer Sicht das richtige Instrument, um das Spitzenduo zu küren?

Cohn-Bendit: Da bin ich mir nicht sicher. Sie ist zwar maximal demokratisch, aber eine Urwahl bietet auch keine Garantie für eine gute Entscheidung: In Frankreich haben wir Eva Joly mit großer Mehrheit zur grünen Präsidentschaftskandidatin gewählt - ein Riesenfehler. Sie ist eine tolle Frau, aber die falsche Kandidatin. Vielleicht wäre es doch besser, wenn am Ende ein Bundesparteitag über das grüne Spitzenduo entscheidet.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen so, als seien Sie ganz froh, mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben.

Cohn-Bendit: Das ist auch so. Aber als Mitglied der Grünen schaue ich natürlich schon sehr interessiert auf die weitere Entwicklung in dieser Sache. Am Ende zählt nur eines: dass der Bundestagswahlkampf funktioniert.

Das Interview führte Florian Gathmann

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
limauniform 22.03.2012
1. Demokratie nur wenn es passt
Zitat von sysopDPADie Grünen streiten über die Aufstellung zur Bundestagswahl - aus Sicht von Daniel Cohn-Bendit kein Problem: Solche Debatten gehörten zur Politik, sagt der Chef der Grünenfraktion im Europaparlament. In Sachen Urwahl allerdings zeigt er sich skeptisch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822856,00.html
Wenn das Ergebnis von Demokratie nicht sicher so ausfällt, wie es sich Cohn-Bendit und seine grünen Heilsbringer vorstellen, dann verzichten sie lieber darauf. Gut zu wissen, wenn die Grünen einmal wieder andere Parteien zu mehr Demokratie ermahnen.
weghorn1 22.03.2012
2. Bitte eine Unklarheit beseitigen, Cohn-Bendit!
Zitat von sysopDPADie Grünen streiten über die Aufstellung zur Bundestagswahl - aus Sicht von Daniel Cohn-Bendit kein Problem: Solche Debatten gehörten zur Politik, sagt der Chef der Grünenfraktion im Europaparlament. In Sachen Urwahl allerdings zeigt er sich skeptisch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822856,00.html
Ich teile die Ansicht von Cohn-Bendit, dass ein Partei keinen Schaden dadurch nimmt, dass ihre Mitglieder über das Führungspersonal diskutieren und sich dabe auch in die Haare kriegen (sollten). Für mich ist die öffentliche Alimentierung von Parteien nur dann verfassungsgemäß, wenn diese auch den Art. 21 GG mit Leben erfüllen, der ihnen vorschreibt, "bei der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken." Mitwirken aber kann man nicht, wenn eine von oben verordnete Meinung als "Richtlinie der Politik" vorgeschrieben und ein intelligenter Abweichler als Verräter behandelt wird. Beispielsweise. Auch teile ich die Auffassung von Cohn-Bendit, dass (auch) in Deutschland Politik mit Persönlichkeiten und nicht mit Programmen gemacht wird, weil zwei Trends unübersehbar dominant geworden sind, und zwar zum einen die Auffassung der Führungskräfte aller im Bundestag vertretenen Parteien, dass die Richtlinien der Politik nicht mehr im Bundestag festgelegt , sondern von der Wall Street (Metapher!) bestimmt werden, insofern durch den Schuldendienst der Steuerzahler die Spielräume für Sozialpolitik im weitesten Sinne reduziert werden - und zum zweiten durch die Tatsache, dass diese politische Ohnmacht nur durch den Zauber zirzensischer Theaterinszenierungen auf der offenen Bühne der Leit- und Boulevardmedien kaschiert werden muss. Und dazu braucht es halt eine Schauspieltruppe, die vor dem Vorhang des Weltgeschehens mit verteilten Rollen den Blender, den Egoisten, den Trottel, den Tölpel, die Schrille und die Intellektuelle spielen kann (und darf). Insofern unterscheiden sich also die Grünen in nichts von den übrigen Parteien, die auf den sogenannten Wahlparteitagen ihre Castingshows veranstalten und ihrem (vom Parteiestablishment vorbestimmten/"vorgeschlagenen") Superstar für Deutschland Beifall zollen. Das sind die "amerikanischen Verhältnisse", die dort allerdings direkt vom Super-Pack (kein Tippfehler) des finanzkapitalistischen-bürokratischen-militärischen-rüstungsindustriellen "Komplex" vorstrukturiert und gemanagt werden. Was im Dunkeln bleibt, dass sind diese Worte von Cohn-Bendit: "Sowohl Trittin als auch Roth sind beide Grüne, die sich schwer mit klaren Positionen tun, weil sie keinen Konflikt mit dem grünen Mainstream haben wollen. Das sehe ich schon als Problem." Was nämlich versteht der Busenfreund von Joschka Fischer, diesem Reanimateur der Antisemitismus-Lüge ("kein zweites Auschwitz" in Jugoslawien), dem Fellow Traveller des Imperiums, der mit der Lüge von der "humanitären Militärintervention" das strikte, nämlich strafbewehrte Verbot der deutschen Teilnahme an einem (auch völkerrechtswidrigen) "Angriffskrieg" (Art. 26 GG) auszuhebeln trachtet (kein Tippfehler: trachtet!), was also versteht das Freundchen Cohn-Bendit unter einer "klaren Position"?! Ja was wohl?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.