Ex-SPD-Chef im Interview Dürfen Politiker Schwäche zeigen, Herr Beck?

Die SPD liegt am Boden - aber Kurt Beck glaubt an die Rückkehr seiner Partei zu alter Stärke: mit Martin Schulz, den der Ex-Vorsitzende dafür lobt, "Momente der Schwäche" zu zeigen.
Sozialdemokrat Beck

Sozialdemokrat Beck

Foto: Dominik Butzmann/ DER SPIEGEL

SPIEGEL ONLINE: Herr Beck, 20,5 Prozent bei der Bundestagswahl - wie tief soll es für die SPD noch gehen?

Beck: Aus meiner Sicht sind wir beim absoluten Kernbereich der sozialdemokratischen Wählerschaft angekommen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Beck: Wir müssen jetzt alles dafür tun, damit es wieder nach oben geht.

Zur Person
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ picture alliance / Klaus-Dietmar

Kurt Beck, Jahrgang 1949, ist seit 2013 Vorsitzender der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Von 1994 bis 2013 war er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, von 2006 bis 2008 Bundesvorsitzender der SPD.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gelingen?

Beck: Defätismus hilft jedenfalls nicht weiter. Wir müssen die Niederlage sorgsam analysieren und dann die richtigen Schlüsse ziehen. Ich glaube aber auch, dass die Basis stimmt, auf der wir aufbauen können - sowohl personell als auch inhaltlich.

SPIEGEL ONLINE: "Aber wenn nichts anderes ginge, können wir das Land nicht unregiert lassen", haben Sie im Juni in einem Interview gesagt. War es also ein Fehler Ihrer Partei, die Neuauflage einer Großen Koalition noch am Wahlabend auszuschließen?

Beck: Nein, denn das Land ist nicht unregierbar: Es gibt eine klare Mehrheit für eine Koalition, zu der sich im Grundsatz alle möglichen Partner dieses sogenannten Jamaika-Bündnisses bereit erklärt haben. Die SPD hat das Signal bekommen "Große Koalition, nein danke" - also gehen wir logischerweise in die Opposition. Eine wichtige Aufgabe, gerade vor dem Hintergrund, dass andernfalls die AfD die Opposition im Bundestag anführen würde.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Jamaika nicht zustande kommt?

Beck: Was-wäre-wenn-Fragen sind immer schwierig. Aber es wird natürlich nicht so sein können, dass die SPD zum Rettungsanker degradiert wird. Da sind jetzt andere Parteien zur Regierungsbildung aufgefordert. Dass schon die beiden Unionsparteien intern so gespalten sind, ist nicht unser Problem.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Personal: Ist die SPD aus Ihrer Sicht da wirklich gut aufgestellt?

Beck: Es war wichtig, schnell handlungsfähig zu sein. Die neue Fraktionschefin Andrea Nahles hat als Ministerin einen hervorragenden Job gemacht, das wird ihr auch in ihrer künftigen Aufgabe gelingen. Und es ist gut, dass Martin Schulz sich auf seine Aufgabe als Parteichef konzentrieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber wäre es nicht gerade in der Opposition besser, Fraktions- und Parteivorsitz in einer Hand zu vereinen?

Beck: Darüber kann man nachdenken. Aber die Parteiführung hat sich unmittelbar nach der Wahlniederlage sehr gründlich mit der Frage beschäftigt, das weiß ich aus Gesprächen mit allen Beteiligten. Die so getroffene Entscheidung trage ich voll und ganz mit.

Beck, Schulz

Beck, Schulz

Foto: Fredrik von Erichsen/ picture alliance / dpa

SPIEGEL ONLINE: Die Doppelspitze Schulz-Nahles kann aus Ihrer Sicht funktionieren?

Beck: Absolut. In einem guten Miteinander können die beiden es schaffen, die SPD wiederaufzurichten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dem SPIEGEL vergangenen November gesagt: "Man hat es als Politiker in Fleisch und Blut, dass man keine Schwächen zeigen darf." SPD-Chef Schulz hatte sich auf eine Wahlkampf-Nahaufnahme im SPIEGEL eingelassen , die Momente von Schwäche und Verletztheit zeigt. Hätten Sie ihm davon abgeraten?

Beck: Nein. Mein Zitat war ja ein warnender Hinweis: Wir dürfen in der Politik nicht so weitermachen, dass wir Menschen in die Unfehlbarkeit hineinjagen und aus allem dann sofort personelle Konsequenzen fordern. Ich halte das nicht für eine Stärke unserer politischen Landschaft. Natürlich muss man sich immer fragen: "Hab ich meinen Job ordentlich gemacht?" Aber Martin Schulz, das will ich ausdrücklich sagen, hat seinen Job ordentlich gemacht. Deshalb gibt es überhaupt keinen Grund dafür, dass die Hoffnungen, die in ihn gesetzt wurden, jetzt in eine Verdammnis verkehrt werden. Meine Unterstützung hat er in vollem Umfang.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden Politikern also raten, Momente der Schwäche auch öffentlich zuzulassen, so wie Schulz es getan hat?

Beck: Wenn jemand zeigt, dass da ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen Politik macht, ist das ein Zeichen von Ehrlichkeit. Vielleicht tut es uns ganz gut, wenn mehr Politiker so wie Martin Schulz zeigen, dass sie keine Rollen spielen, inklusive aller Zweifel, die sie haben. Ich habe vor den Menschen am meisten Angst, die immer voller Selbstbewusstsein sind und nie Selbstzweifel zugeben. Da haben wir schon Schreckliches erlebt in anderen Teilen der Welt und in der Geschichte Deutschlands. Dadurch, dass man Momente der Schwäche zeigt, wird man jedenfalls kein schwächerer Politiker. Im Gegenteil: Wer versucht, den Menschen hinter dem Politiker zu zeigen, hat Anerkennung verdient.

SPIEGEL ONLINE: Muss sich die SPD auch programmatisch hinterfragen?

Beck: Nicht grundsätzlich. Aber es ist offenbar nicht gut genug gelungen, unsere Themen für die Wähler herunterzubrechen - darüber muss sich die SPD natürlich Gedanken machen. Soziale Gerechtigkeit ist ein Megathema, aber trotz unserer konkreten Antworten haben wir die Menschen offenbar nicht erreicht. Oder Thema Digitalisierung: Auch da waren wir zu wenig überzeugend.

SPIEGEL ONLINE: Bundespräsident Steinmeier hat bei seiner Rede zum 3. Oktober eine neue Definition von Heimat verlangt. Liegt da auch ein Defizit der SPD, weil sie in dieser Frage aus einem linken Reflex immer zurückzuckt?

Beck: Der Anstoß des Bundespräsidenten hat mir sehr gut gefallen: Mit dem Begriff Heimat hat die rheinland-pfälzische SPD zwei Landtagswahlkämpfe bestritten. Mit einem Ansatz, der nicht aus- oder abgrenzend wirkt, sondern die Menschen mitnimmt. Ausgehend von der Idee, dass viele in Zeiten der Globalisierung erst recht festen Boden unter den Füßen brauchen: im Bundesland, der Kommune, dem Stadtteil. Und dass dies keine Gegnerschaft zu denen bedeutet, die anders leben wollen. Das ist am Ende ein sehr sozialdemokratischer Ansatz. Aber da hat die SPD insgesamt sicher noch Lernbedarf.

SPIEGEL ONLINE: Hat die SPD vielleicht auch ein bisschen das Gefühl für die Provinz verloren in Deutschland?

Beck: Manche Entwicklung in diesem Land haben wir zu wenig wahrgenommen, manche Sorgen zu wenig beachtet - gerade in den ländlichen Gebieten. Aber das geht anderen Parteien ja genauso.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst ein Mann der Provinz - zu Ihrer Zeit als Parteichef hat man Sie dafür belächelt. Spüren Sie Genugtuung, wenn plötzlich alle wieder von Heimat und Provinz sprechen?

Beck: Ich hätte mich über ein besseres Wahlergebnis meiner Partei sehr viel mehr gefreut. Aber dass die Berliner Käseglocke eben nicht reicht, um Deutschland zu verstehen, ist ganz sicher eine Lehre dieses Wahlergebnisses.

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