Interview mit Infratest-dimap-Chef Hilmer CDU kann frustrierte SPD-Wähler nicht überzeugen

Der Umfragevorsprung der Union schmilzt: Richard Hilmer, Chef des Wahlforschungsinstitutes Infratest dimap, erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum sich immer mehr Wähler von der Union abwenden - und warum Gerhard Schröder wieder punkten kann.


Richard Hilmer: "Merkel steht ja nicht ganz alleine"
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Richard Hilmer: "Merkel steht ja nicht ganz alleine"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hilmer, die Umfragewerte für die Union bröckeln, die SPD legt zu, die Mehrheit der Bürger ist laut Umfragen gegen einen Machtwechsel - Sie sprechen von einem "Stimmungstrend auf breiter Front": Wie kann eine Wechselstimmung so schnell verloren gehen?

Hilmer: An Zustimmung verloren hat die Union zuletzt vor allem in den neuen Ländern. Dort hat die Ankündigung, nach einem Wahlsieg die Mehrwertsteuer zu erhöhen und Feiertagszuschläge und die Pendlerpauschale abzuschaffen, erkennbar Enttäuschung ausgelöst. Viele auch von der SPD enttäuschte Wähler sind deshalb von der CDU gleich zu der PDS/WASG weitergewandert. Die Ankündigung von Neuwahlen unmittelbar nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen verstanden zudem viele Wähler als Kapitulationserklärung Schröders. Bis zuletzt waren sich viele verunsicherte SPD-Wähler nicht im Klaren darüber, ob Schröder sich wirklich noch einmal ernsthaft um einen Regierungsauftrag bemühen würde. Spätestens seit dem Interview bei Sabine Christiansen in der ARD wissen sie es: Der Kanzler will es noch einmal wissen. Daher rührt vor allem der jüngste Zulauf der SPD, denn in der Kanzlerpräferenz lag Schröder zuletzt deutlich vor Merkel.

SPIEGEL ONLINE: Die Union erklärt die neuen Zahlen mit dem Sommereffekt: In den Stammländern der Christdemokraten hätten die Ferien begonnen, viele Unionsanhänger seien im Urlaub. Dagegen seien sozial schlechter gestellte Wählergruppen, die traditionell links wählten, in den Befragungen überrepräsentiert. Ein berechtigter Einwand?

Hilmer: Nein, der Einwand scheint mir nicht stichhaltig. Wahlen finden bei uns in der Regel unmittelbar nach den Sommerferien statt, die von Wählern aller Parteien zu Urlaubsreisen genutzt werden. Kontrolluntersuchungen haben bislang keinerlei Hinweise für die oben genannte These ergeben. Die Demoskopen haben noch vor jeder Wahl die politische Stimmung auch in den Urlaubsmonaten richtig ermittelt.

SPIEGEL ONLINE: Allein Angela Merkels Brutto-netto-Fehler soll die Union 400.000 Wähler gekostet haben. Braucht Gerhard Schröder gar keine Hochwasserkatastrophe in Ostdeutschland, sondern muss nur auf weitere Fehler Merkels warten, um die Stimmung zu drehen?

Hilmer: Derartige Fehler passieren immer wieder mal, entscheidend ist dabei, wie die betreffende Person oder die betreffende Partei und wie auch die Medien damit umgehen. Wir werden erst in den kommenden Wochen sehen, ob dadurch auch die Kompetenzwerte der CDU Schaden genommen haben. In den Werten der vergangenen Woche dürften diese Sachverhalte kaum eine entscheidende Rolle gespielt haben. Kompetenzverluste hat hier die Union vor allem in der Rentenpolitik erlitten, und dabei spielte der beschriebene Lapsus überhaupt keine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Fehler des Kanzlerkandidaten/der Kanzlerkandidatin derartige Veränderungen in der Parteipräferenz der Wähler auslösen, spricht vieles für einen personen-orientierten Wahlkampf. Trägt der zeitlich knappe Wahlkampf dazu bei, dass die Parteien die Auseinandersetzung auf die Frage "Er oder Sie" verkürzen, statt Themen in den Vordergrund zu rücken?

Hilmer: Schon 2002 spielten die Spitzenkandidaten eine ganz entscheidende Rolle im Wahlkampf und auch später bei der Wahlentscheidung. Die dürfte durch die aktuelle Konstellation "männlicher Amtsinhaber aus dem Westen und weibliche Herausfordererin aus dem Osten" eher noch eine Steigerung erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist die Wahlkampferfahrung des Spitzenpersonals? Schröder hat schon zahlreiche Wahlen gewonnen, Merkel war noch nie Spitzenkandidatin.

Hilmer: Merkel steht ja nicht ganz alleine, sie hat ja eine durchaus wahlkampferprobte Mannschaft zur Seite.

Das Interview führte Björn Hengst



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