Interview mit Jürgen Trittin Platzt der Bonner Klimagipfel?

In Bonn soll diese Woche das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz gerettet werden. Doch die Aussichten werden immer düsterer. Seit den USA das Weltklima egal ist, schwankt auch Japans Position und damit die benötigte Mehrheit. Nun bietet Umweltminister Trittin Japan Kompromisse an.


Umweltminister Trittin: "Es kann auch schief gehen"
DPA

Umweltminister Trittin: "Es kann auch schief gehen"

SPIEGEL ONLINE:

Die meisten Fachleute erwarten das Scheitern der Klimaverhandlungen in Bonn. Glauben Sie noch an einen Erfolg?

Jürgen Trittin: Wir haben eine reale Chance, zu einem Ergebnis zu kommen. Es kann aber auch schief gehen, das stimmt. Unser Ziel lautet, zu einer Vereinbarung zu kommen, die es uns und anderen erlaubt, danach das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren. Dafür bedarf es einer Mehrheit der Verschmutzer dieser Erde, und ohne die USA ist das sicherlich nicht einfach. 55 Prozent der Verursacher von Treibhausgasemissionen müssen sich unter dem Dach dieses Protokolls finden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das rechnerisch aufgehen?

Trittin: Wenn neben der Europäischen Union, Mittel- und Osteuropa, Norwegen und Neuseeland auch Russland und vor allem Japan dabei sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber Japan wackelt.

Trittin: Das Land muss seine Emissionen um sechs Prozent reduzieren, obwohl es dort einen rapiden Anstieg der Emissionen gab, anders als hier. Es wird dann aber auch eine Entscheidung der japanischen Seite sein, ob sie das erste große völkerrechtliche Abkommen, das unter japanischer Präsidentschaft erarbeitet worden ist, scheitern lassen wird oder nicht. Ich denke, dass wir die Probleme lösen können, die Japan bei der Erfüllung seiner Verpflichtung aus dem Kyoto-Protokoll hat.

SPIEGEL ONLINE: Besteht dann nicht die Gefahr, dass das Kyoto-Protokoll an Substanz verliert, wenn sich Ausnahmeregelungen und "Schlupflöcher" in der Vereinbarung immer weiter ausdehnen?

Trittin: Die Substanz des Kyoto-Protokolls heißt: Wir wollen ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen, das zu wirklichen Reduktionen führt. Wichtig beim Klimaschutz ist nicht so sehr, ob der Ausstoß von Treibhausgasen bis 2012 um fünfeinhalb oder um sechs Prozent gesenkt wird. Wichtiger als dies ist zunächst, dass es generell einen Deckel auf den weiteren Anstieg geben muss, um wirkliche Reduktionen gegenüber der realen Entwicklung zu erreichen. In der ersten Verpflichtungsperiode bis 2012 mag es da noch Spielräume geben.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Können sich Länder anrechnen lassen: Wälder als CO2-Speicher
AP

Können sich Länder anrechnen lassen: Wälder als CO2-Speicher

Trittin: Etwa bei Wäldern, die Kohlendioxid wie ein temporärer Speicher binden und als so genannte Senken angerechnet werden können. Ein Wald ist jedoch keine CO2-Vernichtungsmaschine, sondern speichert Kohlendioxid nur eine begrenzte Frist. Nämlich nur solange ein Baum lebt, danach setzt er das C02 wieder frei. Also könnte man durch Anrechnung solcher temporären Speicher bestimmte Kompromisse finden. Sie müssen aber streng limitiert sind und auf die erste Verpflichtungsperiode bis 2012 beschränkt bleiben. Darin liegt meines Erachtens die Lösung des japanischen Problems.

SPIEGEL ONLINE: Nun warnen Wissenschaftler, dass das Kyoto-Protokoll seine Reduktionsvorgaben so niedrig ansetzt, dass auch damit nur von "aktiver Sterbehilfe" für die Umwelt geredet werden kann. Müssten die bislang angedachten Verpflichtungen nicht viel weiter gehen?

Trittin: Die Verpflichtungen reichen bis 2012 aus. Aber sie müssen danach sehr viel weiter gehen. Das Entscheidende beim Klimaschutz ist, dass die Handlungen, die wir heute unterlassen, Wirkungen erst in 20, 30 oder 50 Jahren zeigen. Wir haben es nicht mit einem Chemieunfall wie in Seveso zu tun, der unser ganzes Emissionsrecht begründet hat. Das war nachsorgender Umweltschutz. Jetzt geht es darum, das Eintreten einer Umweltkatastrophe vorbeugend zu bekämpfen, so dass sich jetzt Vorbeugung und Nachsorge überschneiden. Selbst an unserer Küste.

SPIEGEL ONLINE: Konkret?

Trittin: Schleswig-Holstein hat jüngst beschlossen, seine Deiche einen halben Meter zu erhöhen, weil uns die Erkenntnisse der Wissenschaft voraussagen, dass die Meeresspiegel auf Grund der durch Menschen verursachten Erwärmung steigen werden. Schleswig-Holstein kostet das Investitionen von einer halben Milliarde Mark. Übersetzen Sie das mal für die Inselstaaten im Pazifik, wo die höchste Erhebung meine Körpergröße hat.

SPIEGEL ONLINE: Deren Untergang ist folglich sicher?

Von wegen Badespaß - die zunehmende Meereserwärmung und der Anstieg des Meeresspiegels beunruhigen Experten zutiefst
GMS

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Trittin: Wenn dort der Meeresspiegel 80, 90 Zentimeter steigt, und das sind keine unrealistischen Szenarien, dann muss erst recht gehandelt und geholfen werden. Das ist einer der Gründe, weshalb die Bundesrepublik in Bonn darauf drängt, zu einem Ergebnis zu kommen. Denn mit dem Kyoto-Protokoll werden auch die Investitionsmittel frei, um bei diesen kleinen Inselstaaten und den Ärmsten der Armen als Hauptbetroffene der Klimakatastrophe tatsächlich akute Nothilfe leisten zu können.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben die USA einerseits gesagt, dass sie tolerieren wollen, was in Bonn erarbeitet wird, andererseits ist die Rede davon, dass die Amerikaner Länder wie Japan oder Australien unter Druck setzen...

Wie verhalten sich die USA?
Bitte klicken Sie hier und lesen Sie im zweiten Teil, wie Minister Trittin in Bonn verhandeln will!

Das Interview führte Holger Kulick



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