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Rudolf Seiters: Vertrauter von Kanzler Kohl

Foto: Bundespresseamt/ picture-alliance / dpa

Interview mit Kohl-Vertrautem Seiters "Wir hatten auch Glück"

Er war einer der zentralen Unterhändler der Wiedervereinigung. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Kohl-Vertraute Rudolf Seiters über den Kanzlerfilm des ZDF, die Konkurrenz mit Genscher - und warum 1989/90 nicht nur die SED, sondern auch der Westen Probleme mit der Einheit hatte.

SPIEGEL ONLINE: Millionen Deutsche kennen die Szene, in der Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft im September 1989 den DDR-Flüchtlingen "Ihre Ausreise" verkündet und seine Ansage von gellendem Jubel unterbrochen wird. Nur wenige Menschen wissen, dass Sie entscheidende Verhandlungen mit dem SED-Regime führten, die Genschers Auftritt erst ermöglichten. Sie standen neben Genscher auf dem Balkon - haben aber geschwiegen. Bereuen Sie, nicht das Wort ergriffen zu haben?

Seiters: Hans-Dietrich Genscher war Vizekanzler, Außenminister und Hausherr in der Prager Botschaft. Ich habe nie ein Problem damit gehabt, dass er das Gemeinschaftswerk der Bundesregierung damals verkündete. Wir haben beide unseren Beitrag geleistet, damit die Flüchtlinge in den Westen ausreisen durften. Er hat ja auch gesagt: "Wir sind zu Ihnen gekommen..."

SPIEGEL ONLINE: Es ehrt Sie ja, dass Sie das im Rückblick alles so harmonisch Revue passieren lassen. Aber zur diesjährigen Feier in der Prager Botschaft anlässlich des historischen Balkon-Auftritts waren Sie zunächst einmal gar nicht eingeladen worden. Ein gezielter Fauxpas?

Seiters: Der Botschafter hat mich angerufen und sich entschuldigt. Ein Missverständnis. Letztlich haben auf der Veranstaltung dann der tschechische Staatspräsident Klaus, der sächsische Ministerpräsident Tillich, Hans-Dietrich Genscher und ich gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Genscher hat Ihre Rede nicht abgewartet. Er ging vorher.

Seiters: Er hat mir gesagt, dass er leider unmittelbar nach seiner Rede zu einem dringenden anderen Termin müsse.

SPIEGEL ONLINE: Was hat damals in den Verhandlungen mit dem DDR-Außenministerium den Durchbruch gebracht?

Seiters: Die DDR hat irgendwann gemerkt, dass wir ihrer Forderung nicht nachkommen würden, die Botschaftsflüchtlinge auf die Straße zu schicken. Sie wurde immer nervöser, weil die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR und der Besuch von Michail Gorbatschow näher rückte. Dieser Besuch wäre von der Botschaftskrise überlagert worden, das wollte Honecker nicht. Die Bilder gingen doch um die Welt: DDR-Flüchtlinge kletterten über Metallzäune in unsere Botschaften, mit nichts in der Hand, unter Zurücklassung all ihrer Habe.

SPIEGEL ONLINE: Spielte Geld eine Rolle?

Seiters: Wir haben der DDR klar gemacht, dass mit wirtschaftlichen und finanziellen Hilfen der Bundesregierung Deutschland, die von Ost-Berlin dringend gewünscht wurden, erst zu rechnen wäre, wenn die Flüchtlingsfrage gelöst ist. Am 5. Dezember habe ich dann in Ostberlin mit Ministerpräsident Modrow einen Reisedevisenfonds vereinbart, in dem wir seitens der Bundesrepublik 750 Millionen Mark eingezahlt haben. Finanzielle Vereinbarungen wären nicht zustande gekommen ohne die Regelung der Flüchtlingsfrage.

SPIEGEL ONLINE: Wann waren Sie zum ersten Mal davon überzeugt, dass die deutsche Einheit kommt?

Seiters: Nicht am 30. September in Prag, auch nicht am 9. November. Wir gingen damals noch von einer ganz anderen Zeitschiene aus. Der entscheidende Tag war der 19. Dezember in Dresden an der Frauenkirche. Bundeskanzler Helmut Kohl sprach dort vor hunderttausend Menschen. Die Stimmung war unglaublich. Es wehten schwarz-rot-goldene Fahnen. Ich habe in meinem ganzen politischen Leben noch nie erlebt, dass eine Staatsführung den Staatsgast mit der eigenen Bevölkerung alleine lässt. Offensichtlich, weil man Beifall für Helmut Kohl und Pfiffe für die SED fürchtete. Da merkten wir: Mit dem Regime geht es zu Ende. Wir sahen eine realistische Chance auf die deutsche Einheit.

SPIEGEL ONLINE: Helmut Kohl hatte Ende November noch einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt, der von einer konföderativen Zusammenarbeit mit der DDR ausging. Seinen Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher hat er darüber nicht informiert. War die Konkurrenz zwischen Kanzleramt und Außenamt so groß?

Seiters: Hans Dietrich Genscher hat in seinen Memoiren geschrieben, dass dies eine sehr gute Initiative gewesen ist. Aber es stimmt: Der Bundeskanzler hat mit Ausnahme des US-Präsidenten Bush weder die europäischen Verbündeten informiert noch den Koalitionspartner FDP. Kohl wollte den Überraschungseffekt nutzen. Seine Rede wurde ja auch im Parlament als sensationell empfunden. Einige Journalisten waren allerdings am Vorabend des 28. November von Horst Teltschik Eduard Ackermann und mir im Kanzleramt vorab vertraulich informiert worden.

SPIEGEL ONLINE: Außenminister Genscher war aber nicht irgendwer, sondern der Vizekanzler.

Seiters: In der ganzen Frage der Wiedervereinigungspolitik gab es einen engen Schulterschluss zwischen Bundeskanzleramt und Außenministerium. Über den Zehn-Punkte-Plan schreibt Helmut Kohl in seinen Memoiren jedoch, er hätte verhindern wollen, dass seine Initiative bei einer Vorabinformation gegenüber den Verbündeten und der Koalition zerredet worden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Kohls Leistungen bei der Deutschen Einheit sind unbestritten. Dennoch wurde die entscheidende Tür zur Einheit nicht von ihm, sondern während der Begegnung von Bush und Gorbatschow in Washington am 30. Mai aufgestoßen. Gorbatschow entließ die DDR faktisch aus dem Warschauer Pakt – damit war der Weg frei für ein Gesamtdeutschland in der Nato. Wie viel eigene Leistung, wie viel internationale Hilfe steckt in der Deutschen Einheit?

Seiters: Ohne das günstige internationale Umfeld hätten wir die Wiedervereinigung sicher nicht erreicht, nicht zu dem frühen Zeitpunkt und nicht zu diesen Bedingungen. Wir hatten auch Glück, keine Frage. Die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc in Polen hat Unendliches geleistet. Den Ungarn, die die Grenzen für DDR-Flüchtlinge als erstes öffneten, sind wir zu Dank verpflichtet. Bush hat uns uneingeschränkt unterstützt. Dazu gehört aber auch, dass es Helmut Kohl gelungen war, 1989/90 systematisch ein enges Vertrauensverhältnis zu Michail Gorbatschow aufzubauen. Das war sehr, sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Es gab nicht nur Befürworter, viele westliche Staatsmänner haben die Einheit abgelehnt, manche geradezu bekämpft. Wo waren die größten Widerstände?

Seiters: Die Haltung von Margaret Thatcher mit ihren erheblichen Bedenken und Einwendungen gegen die Widervereinigung ist bekannt. Es gibt den Spruch vom italienischen Politiker Andreotti, der damals sagte: "Wir lieben Deutschland so sehr, dass wir am liebsten zwei davon haben." Mitterrand selber war später einer unserer engsten Freunde und Unterstützer. Im Jahr 1989 allerdings hatte er auch noch Bedenken. Ich erinnere an seinen Besuch Ende 1989 in Ost-Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Mitterrand wollte der DDR-Führung den Rücken gegen Kohl stärken?

Seiters: Zumindest hatte er es damals noch nicht so eilig mit der deutschen Einheit. Aber in Ost-Berlin wurde er dann von einer völlig unbedeutenden Persönlichkeit, nämlich dem amtierenden Staatsratsvorsitzenden Gerlach, empfangen. Er ist dann sehr ernüchtert und desillusioniert nach Paris zurückgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Wovor haben sich unsere Nachbarn gefürchtet?

Seiters: Es gab im westlichen Ausland gegenüber dem Gedanken der Wiedervereinigung Ängste und Sorgen. Ein wiedervereinigtes Deutschland, so glaubten manche Europäer, könnte möglicherweise die Koordinaten seiner Politik verändern. Kohl hat später in seinen Erinnerungen geschrieben, er habe noch nie einen europäischen Gipfel in so eisiger Atmosphäre erlebt wie den am 9. Dezember in Straßburg, 14 Tage nach seinem Zehn-Punkte-Plan.

Seiters über den Kohl-Film im ZDF und Befürchtungen des Papstes

SPIEGEL ONLINE: Um dieser Skepsis zu begegnen, hat Bundeskanzler Kohl damals immer von einer deutschen Einheit in einem vereinigten Europa gesprochen. Was war davon Ihrer Meinung nach taktisch motiviert und was war echte Überzeugung des Europäers Kohl?

Seiters: Wir haben damals im Kanzleramt jeden Tag über die Einheit gesprochen. Für Helmut Kohl war immer klar, dass ein wiedervereinigtes Deutschland sich einbinden müsse in den gesamteuropäischen Prozess. Deutsche Einheit und europäische Einigung waren für ihn zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das war seine tiefe Überzeugung. Er glaubte auch fest daran, dass es der ganz engen Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland bedürfe, um Europa voranzubringen. Und er wusste, dass man die kleinen Länder Europas mitnehmen muss.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie damals am meisten überrascht?

Seiters: Überrascht war ich im Herbst und Winter 1989 von der Hilflosigkeit der DDR-Führung und ihrem rapiden Autoritätsverlust. Die SED war hilflos bei der Frage der Flüchtlinge. Sie war hilflos bei der Öffnung der Mauer, die so zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewollt war. Und sie war hilflos auch in Dresden. Alles ging wahnsinnig schnell. Als ich im April 1989 Kanzleramtsminister wurde, hat niemand gewusst oder geahnt, dass ein paar Monate später die Mauer fällt und anderthalb Jahre später die Einheit kommt. Das war mehr als überraschend. Das war fast ein Wunder.

SPIEGEL ONLINE: Gestern lief im ZDF ein viel beachteter dokumentarischer Spielfilm über Helmut Kohl und die Ereignisse vom September 1989 bis zum Frühjahr 1990. Auch Sie spielten darin als sein Kanzleramtschef natürlich eine Rolle. Fühlten Sie sich, den Kanzler und die Darstellung der historischen Abläufe gut getroffen?

Seiters: Über Einzelheiten kann und wird man sicherlich streiten. Wichtig ist, der Film zeigt Helmut Kohl zu Recht als Kanzler der deutschen Einheit. Und schauspielerisch ist er gut gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Helmut Kohl wird oft vorgehalten, er hätte den DDR-Bürgern vor allem blühende Landschaften versprochen – und sich zu wenig um die schwierigen Seiten der Einheit gekümmert. Waren Sie damals im Überschwang der Ereignisse zu unkritisch, was die wirtschaftlichen Probleme betrifft?

Seiters: Wir haben damals die katastrophale ökologische und ökonomische Hinterlassenschaft der SED unterschätzt. Wir alle, die Amerikaner, die Briten, die Geheimdienste, die Banken. Die DDR zählte offiziell zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt. Wie marode das System ist, stellte sich erst später heraus. Dann brachen die Ost-Märkte weg, das traf vor allem die Werften an der Ostseeküste und den Schwerindustrieraum Sachsen, Sachen-Anhalt, Bitterfeld.

SPIEGEL ONLINE: Kam die D-Mark zu früh?

Seiters: Wir mussten handeln. Die DDR-Bevölkerung wollte die Währungsunion so schnell es geht. "Wenn die D-Mark nicht kommt, kommen wir zu ihr", das war eine unmissverständliche Forderung. Es gab viele Probleme. Aber heute gibt es, um mit den Worten unseres Bundestagspräsidenten zu sprechen, eine Fülle von blühenden Landschaften. Es gibt so viele schöne Städte im Osten. Ich wünsche mir, dass alle Westdeutschen sich das einmal ansehen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist die Wirtschaftsleistung im Osten meilenweit von der Produktivität des Westens entfernt.

Seiters: Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte, aber man darf nicht blind sein dafür, dass es noch wichtige Aufgaben gibt, die wir weiterhin solidarisch zu bewältigen haben. Aber wenn es noch mangelt, ist das eben nicht eine Folge der deutschen Einheit, sondern eine Hinterlassenschaft der deutschen Teilung. Vielleicht hätten wir aber damals, wenn wir das Ausmaß der Wirtschaftskrise und das Ausmaß der bevorstehenden Pleite der DDR in vollem Umfang erkannt hätten, die Mittel der Steuererhöhung doch nicht ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Die DDR wird von vielen Ostdeutschen im Rückblick verklärt. Warum?

Seiters: Für die Menschen in der DDR hat sich 1989/90 alles verändert. Auf der einen Seite standen die neue Freiheit und die Beseitigung einer Diktatur, auf der anderen Seite aber ganz neue Herausforderungen, die mit der Marktwirtschaft verbunden sind. Wirtschaftliche Eigenverantwortung, die sie ja gar nicht gewohnt waren. Ich kann mich gut an ein Gespräch mit Papst Johannes Paul II erinnern, der mich damals ganz nachdenklich gefragt hat, wie Menschen, die Jahrzehnte unter einer Diktatur gelebt haben, fertig werden mit dieser so schnell gewonnenen Freiheit. Natürlich gibt es auch Ungeduld und manche Enttäuschung, vielleicht auch genährt durch zu hohe Erwartungen. Zu Ostalgie gibt es aber keinen Grund. Die DDR war ein Unrechtsstaat, und sie war pleite.

SPIEGEL ONLINE: Auch im Westen gab es Enttäuschungen – vor allem bei den Vertriebenenverbänden, die der Union eigentlich immer nahe standen. Die Wiedervereinigung hat den Verlust der ehemaligen Ostgebiete auf immer besiegelt. Wie schwer war es, dass der eigenen Klientel zu vermitteln?

Seiters: Es war für Helmut Kohl klar, dass ein wiedervereinigtes Deutschland die Oder-Neiße-Grenze bestätigt. Daran hat in den Gesprächen mit Gorbatschow, Bush und Mitterrand nie ein Zweifel bestanden.

SPIEGEL ONLINE: Hat Kohl mit dieser Entscheidung nicht auch die Ostpolitik von Willy Brandt bestätigt, die von der Union Anfang der 70er Jahre bitter bekämpft wurde?

Seiters: Es ist gar keine Frage, dass die Politik der kleinen Schritte, die Willy Brandt damals eingeführt hat, richtig war. Die CDU hat ja auch im Verlauf späterer Jahre durchaus anerkannt, welchen Weg damals die sozialliberale Koalition beschritten hat. Ohne jede Frage ist auch der Kniefall Brandts 1970 in Warschau ein ganz wichtiger und emotionaler Schritt gewesen, wie ja überhaupt Bilder das Bewusstsein von Menschen prägen. Das gilt für den Händedruck von Kohl und Mitterand über den Gräbern von Verdun, und das gilt natürlich auch für die Botschaft vom Balkon des Palais Lobkowitz in Prag.

Mit Rudolf Seiters sprachen Gerd Langguth und Claus Christian Malzahn

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