Interview mit Rentenexperte Raffelhüschen "Die Jahrhundertreform ist nur ein Tippelschritt"

Das Renten-Notpaket der Koalition hält er für Flickwerk: "Es zielt in die völlig falsche Richtung", sagt der Finanzexperte Bernd Raffelhüschen im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Er verlangt mehr Mut von der Politik. Sonst sei der aktuelle Ärger nur ein "laues Lüftchen im Vergleich zu dem Orkan, der uns erwartet".


Bernd Raffelhüschen ist Volkswirtschafts-Professor an der Uni Freiburg und einer der profiliertesten Rentenexperten Deutschlands. Sein Name wird gehandelt für die Reformkommission von Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD), die bis kommendes Jahr Vorschläge erarbeiten soll für den Umbau des Renten- und Gesundheitssystems.

SPIEGEL ONLINE: Herr Raffelhüschen, die Super-Ministerin Ulla Schmidt will eine Super-Kommission für eine Super-Reform bei Rente und Gesundheit. Doch kaum deutet der Kommissions-Chef Bert Rürup erste harte Wahrheiten an, regt sich in der SPD-Fraktion Widerstand. Bekommen Rente und Gesundheit in dem Gremium nur eine Beerdigung erster Klasse, weil der Politik am Ende doch der Mut fehlt?

Bernd Raffelhüschen: Diese harten Wahrheiten über Rente und Gesundheit kommen ja nicht über Nacht. Wir wissen das seit langem und sprechen es auch aus. Es war nur nicht zur Kenntnis genommen worden. So gesehen kann die Kommission ja nichts aufregend Neues erforschen oder herausfinden. Es liegt alles auf dem Tisch.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Kommission ist überflüssig und die Koalition versucht nur Zeit zu gewinnen?

Raffelhüschen: Nein. Eine Kommission ist nicht das Dümmste. Aber es muss ein klarer Auftrag her. Die Kommission sollte mit Verpflegung für ein halbes Jahr eingeschlossen werden, um die Erkenntnisse der verschiedenen Experten zusammenzufügen. Dann gehören Ergebnisse auf den Tisch - und die muss die Politik dann umsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sie den Mut dazu hat...

Raffelhüschen: Bisher hat sie Angst, mit der Botschaft rauszukommen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie denn von den Notgesetzen, die die Koalition gerade durch den Bundestag gebracht hat?

Raffelhüschen: Um es kurz zu sagen: gar nichts. Es ist Flickwerk. Das geht genau in die falsche Richtung. So stopft man kurzfristig Löcher, um später noch größere zu erzeugen. Höhere Beiträge führen bei diesem System ja auch zu höheren Ansprüchen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Jahrhundertreform Riester-Rente...

Raffelhüschen: ... ist kein Jahrhundertwurf, sondern ein Tippelschritt. Allerdings ist sie ein Wendepunkt hin zu einer stärkeren privatwirtschaftlichen Orientierung in der Alterssicherung. Ein Anfang, der noch nicht besonders akzeptiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, das alte System hat ausgedient?

Raffelhüschen: Das alte System funktioniert in fetten Jahren. Jetzt haben wir schwierige Zeiten.

SPIEGEL ONLINE: Droht uns ein Verteilungskrieg Jung gegen Alt?

Raffelhüschen: Einen Krieg möchte ich das nicht nennen. Aber wenn wir die Probleme jetzt nicht lösen, ist alles, was wir jetzt erleben nur ein laues Lüftchen im Vergleich zu dem Orkan, der uns dann erwartet. Die Stellschrauben sind ja bekannt: Entweder die Höhe der Rentenzahlung sinkt oder die Menschen arbeiten länger. Wir müssen die Rentenformel so ändern, dass eine Erhöhung der Beiträge die künftigen Rentenzuwächse stärker bremst als bisher.

SPIEGEL ONLINE: Wir müssen länger und mehr vorsorgen und werden am Ende weniger bekommen?

Raffelhüschen: Darauf läuft es hinaus.

SPIEGEL ONLINE: Gehören Beamte und Selbständige einbezogen?

Raffelhüschen: Bei den Beamten ist das Problem, dass sich die Höhe der Pension an den letzten drei Arbeitsjahren bemisst. Das ist sehr teuer. Sie jetzt einzubeziehen würde für den Staat erst mal noch teurer: Er müsste in der Übergangszeit die alten Pensionen weiterbezahlen und bei den anderen ja den Arbeitgeberanteil einzahlen.

SPIEGEL ONLINE: Eine andere Möglichkeit ist: Den rund 18 Millionen Rentnern an die Geldbörse zu gehen.

Raffelhüschen: Wenn man es sich traut. Die Generation der heutigen Rentner hat wahnsinnig viel geleistet: lange gearbeitet, viele Kinder erzogen. Aber eine Wahrheit ist auch, dass es dieser Generation noch nie so gut ging. Das gilt sicher nicht für alle. Aber die Wahrscheinlichkeit, auf ein Kind in der Sozialhilfe zu treffen, ist heute zwei- bis dreimal höher, als auf einen armen Rentner zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Zumutungen kosten Zustimmung. Haben die Älteren kraft Masse die Jüngeren im Griff, weil sie wissen, dass sich die Politik nicht traut?

Raffelhüschen: Dann kostet es ihre Kinder und Enkel die Zukunft. Wir sitzen alle in einem Boot.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von der Politik?

Raffelhüschen: Den Mut zur Wahrheit.

Die Fragen stellte Markus Deggerich

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