Interview mit Stammzellenforscher Brüstle "Hätte mir einen offeneren Beschluss gewünscht"

Der Bonner Mediziner Oliver Brüstle hat die Entscheidung des Bundestages mit "Erleichterung, aber ohne Begeisterung" aufgenommen. Brüstle sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, er hätte sich einen unbegrenzten Import von embryonalen Stammzellen gewünscht mit der Option, diese Zellen auch in Deutschland herzustellen. Als Wissenschaftler wolle man neu etablierte Zelllinien nutzen.


Brüstle: Fürchtet weitere Verzögerungen
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Brüstle: Fürchtet weitere Verzögerungen

SPIEGEL ONLINE:

Herr Brüstle, darf man Ihnen nach der Entscheidung des Bundestages gratulieren?

Brüstle: Dies ist für uns eine wichtige und positive Entscheidung. Ich hätte mir allerdings einen offeneren Beschluss gewünscht, so wie er von Frau Flach eingebracht worden war. Letztlich ist der gefasste Beschluss aber ein positives Signal für die medizinische Forschung.

SPIEGEL ONLINE: Wann und wo werden Sie die ersten embryonalen Stammzellen bestellen?

Brüstle: Wir werden wie geplant Zellen aus Haifa beziehen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft muss noch über den Antrag abstimmen. Dann kommt es darauf an, diesen Beschluss rasch umzusetzen. Ich habe Sorge, dass die Umsetzung der zahlreichen Einschränkungen sich über Monate hinziehen könnte. Ein weiterer zeitlicher Aufschub darf nicht passieren.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, dass die Stammzelldebatte im Bundeswahlkampf erneut aufflammen könnte?

Brüstle: Diese Sorge habe ich. Deshalb sollte es jetzt keinen Aufschub geben.

SPIEGEL ONLINE: Das Forschungsministerium hatte sich auf diesen Ausgang bereits vorbereitet, um das Votum des Bundestages möglichst rasch verwirklichen zu können. Waren Sie an diesen Vorbereitungen beteiligt?

Brüstle: Nein, das ist für uns als Wissenschaftler einer akademischen Institution nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Falls alles glatt geht - wie schnell könnten die ersten ES-Zellen in Deutschland eintreffen?

Brüstle: Das ist eine Sache von wenigen Tagen.

SPIEGEL ONLINE: Was wären Ihre ersten Forschungsziele?

Brüstle: Es geht darum, Verfahren zu entwickeln, die es ermöglichen, diese Zellen in Gehirnzellen umzuwandeln. In einem zweiten Schritt sollen diese Zellen in Ratten und Mäuse transplantiert werden, um ihre Funktionsfähigkeit zu prüfen.

SPIEGEL ONLINE: Taugen die ES-Zellen, um die es geht, dafür?

Brüstle: Ja. Doch die so genannte Stichtagsregelung, die jetzt mit verabschiedet worden ist, bringt Nachteile mit sich. Damit unterwerfen wir uns einer qualitativen Einschränkung. Es ist nicht auszuschließen, dass in Großbritannien oder Schweden in den nächsten Monaten neue Zelllinien erzeugt werden, die qualitativ hochwertiger sind. Dann befänden wir uns in der paradoxen Situation, dass wir auf Zelllinien der ersten Generation zurückgreifen müssten. Als Wissenschaftler will man natürlich neu etablierte Zelllinien nutzen können.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie in Deutschland bleiben?

Brüstle: Man sollte die Person nicht vor die Sache stellen. Der heutige Beschluss zeigt, dass es auch in Deutschland möglich sein wird, dieses Forschungsgebiet weiter zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Geht Ihnen der Prozess nicht viel zu langsam?

Brüstle: Natürlich. Das steht außer Frage. Nach zwei Jahren Wartezeit können wir immer noch nicht mit den Arbeiten beginnen. Doch wir haben immerhin das Aus für diese Forschung verhindert.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie einen Gang der Importgegner zum Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe?

Brüstle: Dies wäre wahrscheinlicher gewesen, wenn der Bundestag anders entschieden hätte. Ein Importverbot wäre verfassungsrechtlich gar nicht möglich gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Die Gegner der Forschung an embryonalen Stammzellen haben erneut vor einer Instrumentalisierung menschlichen Lebens gewarnt und von einer Bagatellisierung des Tötens gesprochen.

Brüstle: Das sind drastische Anschuldigungen. Doch es geht nicht um verbrauchende Embryonenforschung im großen Stil. Es geht nicht um Herstellung von Embryonen zur Forschung. Es geht einzig und allein um die Nutzung von Zelllinien, die aus überzähligen Embryonen gewonnen wurden, die sonst weggeworfen worden wären. Hier von einem Tötungsdelikt zu sprechen ist absurd.

SPIEGEL ONLINE: Weltweit sind derzeit 64 Stammzelllinien registriert. Reichen die aus?

Brüstle: Aus wissenschaftlicher Sicht ist eine Beschränkung auf die Arbeit an nur einer Stammzelllinie nicht sinnvoll. Denn man muss verschieden Linien vergleichen können. Das soll aber nicht heißen, dass eine große Anzahl von Zelllinien erforderlich ist.

Das Interview führte Alexander Schwabe



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