Interview mit Syriens Botschafter "Sie wollen den Nahen Osten destabilisieren"

Der syrische Botschafter in Deutschland, Mohammed Walid Hezbor, widerspricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE den Vorwürfen der USA und Großbritanniens, sein Land beherberge frühere Mitglieder der irakischen Führung und besitze Massenvernichtungswaffen. Für solche Anschuldigungen macht er dogmatische Kräfte innerhalb der US-Regierung verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Botschafter, Syrien ist kurz nach dem Fall Saddam Husseins von den USA augenscheinlich als neues Angriffsziel ins Visier genommen worden. Wie beurteilen Sie die jetzige Lage?

Hezbor: Wir in Syrien kennen genau das eigentliche Ziel solcher von einigen Offiziellen der amerikanischen Administration ausgesprochenen haltlosen Anschuldigungen und Drohungen. Sie zielen vor allem darauf ab, die internationale Aufmerksamkeit von dem abzulenken, worunter das irakische Volk seit dem Beginn des Krieges leidet. Des Weiteren zielen sie darauf ab, von den Praktiken der Besatzungsmacht in Bagdad und anderen irakischen Städten abzulenken.

SPIEGEL ONLINE: Viele Iraker haben den Sturz des Regimes offenkundig begrüßt. Worunter leidet denn das irakische Volk aus Ihrer Sicht?

Hezbor: Die Besatzung an sich stellt ein großes Leid dar für ein Volk, das seine Souveränität, sein Recht auf die Gestaltung der eigenen Zukunft und auf die Verwaltung seiner Belange wahren will.

SPIEGEL ONLINE: Die USA beschuldigen Ihr Land, Mitglieder der früheren irakischen Regierung zu beherbergen. Befindet sich Saddam Hussein oder eines der führenden Angehörigen der irakischen Baath-Partei auf dem Staatsgebiet Syriens?

Hezbor: Die USA wissen genau, dass ihre Anschuldigungen jeder Grundlage entbehren und nicht gerechtfertigt sind. Diese wiederholten Anschuldigungen gehen von einer dogmatischen Strömung innerhalb der amerikanischen Administration aus. Sie will - entgegen den allgemeinen Interessen des Westens und der USA selbst - den Nahen Osten destabilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Ihr Außenminister noch vor wenigen Wochen eine Niederlage der Alliierten öffentlich gewünscht?

Hezbor: Wir haben den Krieg gegen den Irak abgelehnt. Dabei waren wir nicht allein. Eine große Mehrheit der Staaten in Europa sowie in anderen Teilen der Welt hat die gleiche Haltung eingenommen und war der Meinung, dass es für den Krieg keine internationale Legitimation gab.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihre Führung geglaubt, der Irak könnte als Sieger aus dem Krieg hervorgehen?

Hezbor: Wie bereits erwähnt, sind wir bei unserer Beurteilung davon ausgegangen, dass dieser Krieg dem Prinzip nach ungerechtfertigt und ohne Legitimation ist.

SPIEGEL ONLINE: Oder waren die Erklärungen Ihres Außenministers ein Tribut an die pro-irakischen Emotionen in der eigenen Bevölkerung?

Hezbor: Unser Volk stand nicht allein gegen den Krieg. Die öffentliche Weltmeinung überall verurteilte den amerikanischen Kriegskurs. Nicht nur in Europa, sondern auch in den meisten amerikanischen Städten selbst demonstrierten die Massen gegen den Krieg.

SPIEGEL ONLINE: Muss Syrien, das von den USA finanzpolitisch seit fast 20 Jahren keine Hilfen erhält, fürchten, künftig noch stärker isoliert zu werden?

Hezbor: Syrien geht bei seinen Entscheidungen von objektiven Faktoren aus und nicht von irgendwelchen Hilfen, die es erhalten könnte.

SPIEGEL ONLINE: Die Alliierten werfen Syrien vor, Massenvernichtungswaffen zu besitzen, insbesondere chemische Waffen. Der britische Außenminister Jack Straw hat jüngst erklärt, ihr Land müsse eine Reihe von sehr ernsthaften Fragen beantworten. Syrien soll laut US-Angaben mit dem Nervengas Sarin experimentiert haben. Besitzt Ihr Land solche Waffen?

Hezbor: Diese Vorwürfe sind absolut nicht richtig. Selbst diejenigen, die diese Anschuldigungen aussprechen, wissen das. Sie wissen auch, dass die Massenvernichtungswaffen aller Art, einschließlich der nuklearen Waffen, in Israel angehäuft sind.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, die Lage spitzt sich zu: Wäre Ihr Land gegebenenfalls bereit, Uno-Inspektoren zur Kontrolle ins Land zu lassen?

Hezbor: Stets haben wir dazu aufgerufen, den Nahen Osten in eine von Massenvernichtungswaffen freie Zone umzuwandeln. Vor einigen Tagen haben wir gemeinsam mit anderen arabischen Staaten einen diesbezüglichen Resolutionsentwurf beim Uno-Sicherheitsrat eingebracht. Israel allein hat dieses Ansinnen stets abgelehnt.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, solange Israel sich nicht in der Sache bewegt, bewegt sich auch Syrien nicht?

Hezbor: Der Resolutionsentwurf, den Syrien und die arabische Gruppe eingebracht haben, zielt auf ein internationales Abkommen ab, das unter der Aufsicht der Uno alle verpflichtet, den Nahen Osten von sämtlichen Massenvernichtungswaffen frei zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle sollten Ihrer Ansicht nach Frankreich, Deutschland und Russland in dem Konflikt mit Syrien einnehmen?

Hezbor: In der Ablehnung des von den USA gegen den Irak geführten Krieges haben Frankreich, Deutschland und Russland und die Mehrheit der Weltgemeinschaft eine objektive und prinzipientreue Haltung eingenommen. Sie lehnten den Krieg ab und sind auch gegen dessen Ausweitung. Die Haltung der genannten drei Staaten wird in unserem Land und darüber hinaus mit großem Respekt beobachtet.

SPIEGEL ONLINE: Spanien hat jüngst seine guten Beziehungen zu Syrien betont. Sehen Sie darin ein Zeichen, dass ein Krieg gegen ihr Land unwahrscheinlich ist, weil die Allianz der Kriegsbefürworter gegen den Irak aufbricht?

Hezbor: Unsere Beziehungen zu Spanien waren stets gut. Wir beobachten, dass die von Washington erhobenen Vorwürfe niemanden überzeugen. Deswegen werden diese Anschuldigungen und Drohungen auf Ablehnung und Missbilligung stoßen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde geschehen, wenn sich die USA und Großbritannien doch zu einem Krieg gegen Ihr Land entschließen würden?

Hezbor: Diese Drohungen zielen nur darauf ab, von den Schwierigkeiten und Problemen der USA im Irak abzulenken.

SPIEGEL ONLINE: Zu einem Thema, das eng mit der Irak-Frage zusammenhängt. Die israelische Regierung betrachtet Ihr Land schon lange als einen Staat, der radikale palästinensische Organisationen beherbergt und unterstützt. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Hezbor: Israel hält palästinensische, syrische und libanesische Territorien besetzt. Das Völkerecht räumt jedem Menschen, dessen Land unter Okkupation steht, das Recht ein, die Befreiung seines Landes anzustreben, die Besatzung abzulehnen und dagegen Widerstand zu leisten. Israel kann nicht die Okkupation fortsetzen und von den Betroffenen Unterordnung verlangen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Staatspräsident Baschar al-Assad hat noch kürzlich in einem Interview mit einer libanesischen Zeitung erklärt, solange es Israel gebe, werde es keinen Frieden im Nahen Osten geben. Ist das eine Absage an das Existenzrecht Israels?

Hezbor: Israel unterdrückt die Menschen in den palästinensischen Gebieten und begeht tagtäglich Massaker an ihnen. Es versucht, durch Sprengung der Wohnhäuser der Palästinenser und die Ausweitung der israelischen Siedlungen, seine Besatzung zu konsolidieren. All diese Praktiken sind gegen den Frieden gerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Nochmals die Frage: Lehnen Sie Israel als Staat ab oder eine bestimmte Strömung der israelischen Politik?

Hezbor: Die Konferenz von Madrid von 1991 hat das Prinzip "Land für Frieden" bestätigt. Die arabische Gipfelkonferenz in Beirut verabschiedete im Frühjahr 2002 eine Initiative, in der die Araber die volle Bereitschaft zum Frieden erklärten, wenn sich Israel aus den besetzten arabischen Gebieten zurückzieht. Doch Israel lehnt die Umsetzungen der Uno-Resolutionen ab. Es lehnt den Rückzug aus den arabischen Territorien und das Angebot der Araber ab, das da lautet: voller Frieden gegen vollen Abzug Israels. Was aber war die israelische Antwort auf das arabische Angebot von Beirut? Ein Massaker in Dschenin, das Hunderten von Palästinensern das Leben gekostet hat.

SPIEGEL ONLINE: Muss sich Ihre Regierung nach dem Sieg über Saddam Hussein nicht flexibler zeigen? Immerhin stehen US-Truppen im Irak, auch die Türkei und Jordanien sind Verbündete der USA.

Hezbor: Unsere Positionen beruhen auf prinzipiellen und festen Fundamenten. Die vergangenen Tage beweisen auch, dass unsere Haltung arabisch und international Unterstützung genießt.

SPIEGEL ONLINE: US-Außenminister Colin Powell hat einen Besuch Syriens angekündigt. Befürchten Sie, mit einer harten Forderungsliste von Seiten der Amerikaner konfrontiert zu werden?

Hezbor: Es gibt seit langem einen Dialog zwischen Syrien und den USA, natürlich auch durch die direkten Kanäle, die zwischen den beiden Ländern existieren. Wir glauben fest an die Nützlichkeit des direkten Gesprächs. Den Besuch von Herrn Powell in Damaskus sehen wir in diesem Rahmen. Er wird dazu dienen, den Dialog und den Gedankenaustausch zwischen unseren Ländern fortzusetzen.

Die Fragen stellte Severin Weiland