Interview mit Vize der Türkischen Gemeinde "Anschlag auf den modernen Islam"

Der Vizevorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, hält die Anschläge in Istanbul für einen Versuch, die Demokratisierung der Türkei zu stören. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE befürchtet das Mitglied im Berliner SPD-Landesvorstand nun ein Aufbäumen der autoritären Kräfte.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kolat, Sie haben vor kurzem mit Ihrer 85-Jährigen Mutter in Istanbul gesprochen, deren Wohnung nur 200 Meter von der HSBC-Bank entfernt liegt, die Opfer eines Anschlags wurde. Wie geht es Ihrer Mutter?

Kenan Kolat: Sie hat einen Schreck bekommen. Aber sie ist wieder wohlauf. Es muss eine starke Bombe gewesen sein, wie sie erzählte. Das Gebäude, in dem meine Mutter lebt, hat gezittert wie bei einem Erdbeben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mutter hatte Glück, denn kurz zuvor war sie in der Nähe der HSCB-Bank.

Kolat: Ja. Eine Stunde vor dem Anschlag war sie in der Umgebung der Bank einkaufen. Dort gibt es eine Reihe von Supermärkten. Als sie nach Hause kam und die Sachen auspackte, gab es einen großen Knall. Sie dachte, es sei wieder einmal ein Erdbeben. Aus Furcht hat sie sich sofort auf den Boden geworfen. Zum Glück war eine Reinigungskraft zuhause, die sie sofort aufgehoben hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Türken in Deutschland auf den Anschlag?

Kolat: Ich habe viel telefoniert, mit vielen gesprochen. Die Reaktionen sind fast einmütig. Wir sind sprachlos. Die Menschen denken an die achtziger Jahre, als der Rechts-Links-Terrorismus das Land überzog. Dann kam der Militärputsch, danach begannen die Anschläge unter anderem der kurdischen Separatisten. Und jetzt erleben wir, mitten in der Phase der Demokratisierung, diese neue Form des Terrors.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird die Türkei angegriffen?

Kolat: Diese Anschläge haben internationale Züge - darauf deutet der Angriff gegen das britische Konsulat hin. Ein Motiv ist die Demokratisierung des Landes. Das passt vielen Kräften nicht - die sehr unterschiedliche Interessen haben. Nun wird bereits offen über verstärkte Polizeimaßnahmen gesprochen, es wird bereits im Radio über einen Ausnahmezustand spekuliert. Man befürchtet ja weitere Anschläge. Das sind keine guten Anzeichen.

SPIEGEL ONLINE: Die Türkei versucht, in die EU zu kommen. Könnte es sein, dass die Terroristen durch die Anschläge einen Rechtsruck bewirken wollen, in der Hoffnung, durch einen Ausnahmezustand den von der jetzigen gemäßigt islamisch-konservativen Regierung forcierten Weg nach Westen zu verbauen?

Kolat: Das könnte man so interpretieren. Es gibt aber auch andere Erklärungen. Die Türkei arbeitet seit Jahren eng mit Israel zusammen. Das stört manche. Ihnen passt die ganze Richtung nicht. Die Türkei ist ein Brückenland zwischen Orient und Okzident, ein muslimisches Land mit einer demokratischen Grundordnung. Das passt den Gegnern einer sich wandelnden Türkei nicht. Insofern interpretiere ich diese Attentate auch als Anschläge gegen den modernen Islam.

Das Interview führte Severin Weiland