Interview Teil 2 Warum sich Wulff immer noch als junger Wilder fühlt


SPIEGEL ONLINE:

Sie haben vor einigen Tagen gesagt, Sie halten die Finanzen der CDU für sanierungsbedürftig. Billigere Wahlkämpfe, weniger Personal, wie lässt sich das realisieren?

Wulff: Wir haben die Landespartei in Niedersachsen in den letzten Jahren saniert. Wir haben Personal reduziert, sparsam Wahlkämpfe geführt und die Ausgaben den Einnahmen angepasst. Es ist auch in der Bundespartei angesagt, dass man gewisse finanzielle Engpässe durch solche Maßnahmen in den nächsten Jahren in den Griff bekommt, dass 2002 der Bundestagswahlkampf angemessen finanziert werden muss. Insofern ist Niedersachsen auch ein Beispiel für die Bundespartei. Ich habe die Partei 1994 in Niedersachsen mit hohen Schulden übernommen. Sie ist heute schuldenfrei, weil wir eben diese Maßnahmen ergriffen haben. Solche Maßnahmen müssen sein.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wulff, Sie zählen ja zu den jungen Wilden...

Wulff:...na ja, ich denke, das Etikett sollte man langsam ablegen, wenn man mal 40 geworden ist. Ich fühle mich in der Definition wild, wie sie uns seinerzeit verpasst worden ist. In Sachen Steuerreform oder Rente waren wir damals relativ ungestüm, und daran hat sich nichts geändert.

SPIEGEL ONLINE: 1984 sind Sie aufgestanden in der Flick-Affäre und haben deutlich Ihre Meinung gesagt.

Wulff: Ich war beim Thema Parteifinanzen immer der Meinung, dass dies kein parteiinternes Thema ist, sondern die Öffentlichkeit in hohem Maße und zu Recht interessiert. Dass hier absolute Transparenz und eine präzise Einhaltung der Gesetze notwendig ist - das habe ich damals gefordert, und deshalb kämpfe ich auch jetzt für eine rückhaltlose Aufklärung ohne Ansehen von Personen. Weil nur das die Chance gibt, den entstandenen Schaden so gering wie möglich zu halten. Der Verlust von Vertrauen in das Parteiensystem ist immens.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es mit Ihrem Vertrauen in Helmut Kohl?

Wulff: Wir haben jetzt unabhängige Wirtschaftsprüfer beauftragt, die Lage zu sondieren. Wenn die ihren Bericht vorgelegt haben, wird man weiter sehen.

SPIEGEL ONLINE: Besteht nicht jetzt die Chance, die Machtgewichte neu zu ordnen, hin zu Neuem – zu Ihnen?

Wulff: Ich halte dies für eine ziemlich gefährliche Debatte. Wir haben mit der Wahl unseres neuen Parteivorstands unseren Kurs eingeschlagen, da hat insofern eine neue Zeit begonnen. Eine künstliche Debatte über das "Ende einer Ära" und "Abnabeln" - davon halte ich wenig. Wir gehen unseren Weg für unsere Amtszeit, und wir müssen garantieren, dass es heute und in Zukunft solche Dinge nicht geben kann, wie es sie gegeben haben soll. Das ist unsere Pflicht, und das machen wir.

SPIEGEL ONLINE: Thema Niedersachsen: Herr Glogowski ist zurückgetreten, nun ist Sigmar Gabriel an der Reihe. Welcher Kandidat wäre Ihnen zur Landtagswahl 2003 lieber gewesen?

Wulff: Herr Gabriel ist ein reiner Parteisoldat, er ist erst im zweiten Wahlgang in den SPD-Bundesvorstand gewählt worden. Die Bevölkerung kennt ihn nicht, die Partei will ihn nicht. Er ist bisher nicht in Erscheinung getreten. Wir sind da sehr zuversichtlich, bei der nächsten Landtagswahl eine exzellente Chance zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sagen doch zumindest, dass Sie seinen rhetorischen Fähigkeiten Respekt zollen.

Wulff: Seiner rhetorischen Polemik in jedem Fall. Er ist in der Lage, zu jeder Zeit jeden runterzumachen. Nur - Niedermachen qualifiziert ihn nicht für das Amt des Ministerpräsidenten. Dazu braucht es ein bisschen mehr als rhetorische Polemik.

Das Gespräch führte Kristina Jagemann



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