Verhandlung zur Euro-Rettung "Das Grundgesetz lässt uns noch Spielraum"

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt heute über die Klagen gegen den Euro-Kurs der Regierung. Ursula von der Leyen gibt sich gelassen: Die Politik habe den Rahmen des Grundgesetzes noch längst nicht ausgeschöpft, sagt die Arbeitsministerin im Interview - und fordert mehr europäische Integration.
Von der Leyen: "Jetzt schöpfen wir erst mal das 'weitgehend' aus"

Von der Leyen: "Jetzt schöpfen wir erst mal das 'weitgehend' aus"

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin, das Bundesverfassungsgericht verhandelt an diesem Dienstag über Eilanträge, mit denen Kläger die Gesetze zum Rettungsfonds ESM und zum Fiskalpakt stoppen wollen. Lässt sich die Politik der Bundesregierung bei der Euro-Rettung noch mit dem Grundgesetz vereinen?

Von der Leyen: Davon bin ich überzeugt. Wenn man schaut, was die Gründungsväter und -mütter unserer Verfassung für eine Weitsicht hatten, dann würde ich sagen: Die waren damals weiter, als es manche in der heutigen Diskussion sind. In der Präambel des Grundgesetzes steht: "von dem Willen beseelt, … als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen". Das ist der Auftrag unserer Verfassung, und den haben wir noch nicht erfüllt. Das Grundgesetz lässt uns noch Spielraum. Wir müssen es noch nicht in Frage stellen, sondern wir sollten erst mal seinen Auftrag umsetzen. Der ist gewaltig: ein vereintes Europa!

SPIEGEL ONLINE: Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, hatte in der Vergangenheit gesagt, er halte den Rahmen des Grundgesetzes für weitere Kompetenzübertragungen nach Brüssel für weitgehend ausgeschöpft.

Von der Leyen: Jetzt schöpfen wir erst mal das "weitgehend" aus.

SPIEGEL ONLINE: In dem Wort steckt ja drin, dass nicht mehr viel Spielraum übrig ist.

Von der Leyen: Je mehr ich darüber lerne, desto größer wird mein Respekt für diese Männer und Frauen, die unser Grundgesetz geschrieben haben. Wie weit haben die gedacht! Die Präambel hat denselben Stellenwert wie die Artikel dahinter. Und sie sollte uns Auftrag sein.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Sie haben keine Angst davor, dass das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung bremst?

Von der Leyen: Die historische Erfahrung in 60 Jahren Bundesrepublik ist, dass die Verfassungsorgane einander nicht blockiert haben. Wir dürfen in dieser tiefen Krise den Blick fürs große Ganze nie verlieren. Wir müssen sicher um den gemeinsamen Weg ringen, aber dass wir das Aufbauwerk Europa zu Fall bringen, sehe ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie setzen sich für mehr europäische Integration und das Ziel der Vereinigten Staaten von Europa ein. Müsste nicht in einem Europa, das noch mehr Kompetenzen von den Nationalstaaten erhält, der Kommissionspräsident direkt vom Volk gewählt werden?

Von der Leyen: Bei Detailfragen zur technischen Umsetzung der europäischen Integration bin ich heute leidenschaftslos. Die müssen wir lösen, wenn wir so weit sind. Wichtig ist: Wenn wir ein starkes Europa wollen, dann brauchen wir auch starke europäische Institutionen. Wir müssen das Europäische Parlament stärken, wir müssen die demokratische Legitimation der Kommission verstärken. Aber es müssen sich die Nationalstaaten auch wiederfinden, wenn sie Kompetenzen auf die europäische Ebene abgeben sollen. Vorstellbar ist etwa eine europäische Länderkammer, vergleichbar dem deutschen Bundesrat, in dem sich die Nationalparlamente wiederfinden.

SPIEGEL ONLINE: Braucht es eigentlich noch nationale Parlamente in den Vereinigten Staaten von Europa?

Von der Leyen: Ja, ohne jeden Zweifel. Europa wird nie alles regeln können, ebensowenig wie die Bundesregierung das in Deutschland kann oder der Schweizer Bundesstaat in den Kantonen. Deshalb haben wir Landes- und Kommunalparlamente, die die regionalen Belange besser regeln, als das der Bund zentral je könnte.

SPIEGEL ONLINE: Bundespräsident Joachim Gauck hat gerade Kanzlerin Angela Merkel ermahnt, sie müsse den Bürgern ihre Politik zur Euro-Rettung besser erklären. Ist es nicht Zeit für eine Volksabstimmung über den Kurs?

Von der Leyen: Gegenfrage: Welche Frage wollen Sie in einer Volksabstimmung stellen? Das ist nämlich die Schwierigkeit. "Mehr Europa" ist keine Frage - denn was heißt "mehr"? Ich schätze Joachim Gauck sehr, trotzdem muss ich sagen, dass wir nie zuvor als Politiker, Angela Merkel voran, so viel mit den Bürgern über Europa diskutiert haben, und das ist auch gut so. Richtig ist, dass wir alle nicht nachlassen dürfen, zu erklären, warum das alles notwendig ist, was wir machen. Dass es letztlich nicht um die Frage geht, wie weit spannen wir welchen Schirm, sondern um die Frage, ob wir Europa als Schutzraum für unsere Kinder und Enkel in einer globalisierten Welt erhalten wollen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch scheint ein großer Teil der Bevölkerung Angst vor mehr Europa zu haben. Wie wollen Sie diese Menschen überzeugen?

Von der Leyen: Ich würde ihnen sagen: Stellt euch vor, nach dem Zweiten Weltkrieg hätte man unsere europäischen Nachbarn gefragt: "Wollt ihr Europa aufbauen?" Dann hätten sie gesagt: "Ja, aber ohne Deutschland." Hätte die amerikanische Regierung ihr vom Krieg ausgezehrtes Volk gefragt: "Wollen wir für Deutschland einen Marshall-Plan machen?", sie hätte eine krachende Absage erteilt bekommen. Gott sei Dank gab es damals weitsichtige Männer und Frauen, die bei aller schrecklichen Vergangenheit gesehen haben: Unsere Zukunft kann nur gemeinsam sein. Wir werden alle stärker durch die Gemeinschaft. Diesen Grundgedanken müssen wir immer wieder wachrufen. Er beruht auf der Erkenntnis, dass wir die großen Risiken am besten gemeinsam bewältigen und unsere Zukunft so besser gestalten können.

Das Interview führte Markus Dettmer
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