Interview zu Kohl-Memoiren "Das grenzt an bewusste Geschichtsfälschung"

"Schmarrn" - so urteilt der Erlanger Historiker und Frankreich-Experte Schabert über den zweiten Band der Kohlschen Memoiren, der jetzt erscheint. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview wirft er dem früheren Bundeskanzler vor, Fakten zu ignorieren und Legendenbildung zu betreiben.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Professor Schabert, Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl bezichtigt den französischen Staatschef François Mitterrand im zweiten Band seiner Erinnerungen, deren Vorabdruck derzeit in der FAZ zu lesen ist, 1989 "eine Art Doppelspiel" getrieben zu haben. Für ihr Buch "Wie Weltgeschichte gemacht wird. Frankreich und die deutsche Einheit" haben Sie die französischen Akten aus dieser Zeit studiert und mit vielen Zeitzeugen gesprochen. Wie lautet Ihr Urteil?

Kohlsche Erinnerungen: "Strickte schon an seiner Legende"

Kohlsche Erinnerungen: "Strickte schon an seiner Legende"

Schabert: Helmut Kohl muss in einer ganzen Reihe von Punkten widersprochen werden. Nicht nur zum angeblichen "Doppelspiel" Mitterrands ist seine Darstellung einseitig, teilweise unrichtig und im Ganzen parteiisch. Schon zur Zeit der Wiedervereinigung hat Kohl den historischen Ablauf und das Verhalten der wichtigsten Akteure, darunter Mitterrand natürlich, in einer Weise gedeutet, die den Tatsachen keineswegs gerecht wird. Er strickte schon an einer - seiner - Legende. Die wiederholt er nun in seinen Memoiren, ohne sich offenbar um die mittlerweile zahlreich vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, Darlegungen und Analysen zu kümmern. Hätte er das getan, hätte er das, was nun als Vorabdruck in der FAZ zu lesen ist, so nicht schreiben können.

SPIEGEL ONLINE: Mitterrand konnte kaum begeistert sein von der Vorstellung, dass Frankreich ein wiedervereinigtes Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern zum Nachbarn haben würde.

Schabert: Begeistert nicht. Aber entgegen all dem, was die auf sorgfältige Quellenarbeit in Archiven gestützte Geschichtsschreibung herausgefunden hat, spannt Kohl nun wieder Mitterrand und Margaret Thatcher als das Paar zusammen, welches sich gegen die deutsche Wiedervereinigung stellte - mit dem ungeheuren Vorwurf an Mitterrand, ein "Doppelspiel" getrieben zu haben. Das grenzt an bewusste Geschichtsfälschung. Kohl weiß es besser. Warum erzählt er dann diesen Schmarrn? Thatcher war dagegen, aber Mitterrand verweigerte sich ihr in dieser Hinsicht durchweg. Er mokierte sich vielmehr über ihre Sturheit.

SPIEGEL ONLINE: Kohl schreibt zu dem Treffen von Mitterrand und Thatcher am 1. September 1989, der Franzose habe die britische Premierministerin mit den Worten beruhigt, die Sowjetunion werde "niemals ... ein vereintes Deutschland in der Nato akzeptieren". Aus einem im Kohl-Vorabdruck nicht näher identifizierten Protokoll wird der französische Staatschef mit den Worten zitiert: "Also machen wir uns keine Sorgen".

Schabert: An dem Treffen nahmen nur sehr wenige Personen teil, darunter als Protokollant auf englischer Seite Frau Thatchers Privatsekretär Charles Powell, auf französischer Elisabeth Guigou, die Beraterin Mitterrands für europäische Fragen. Aus den Aufzeichnungen, die Guigou von diesem Gespräch anfertigte, gehen keineswegs die doppelzüngigen Aussagen von Mitterrand hervor, wie sie Kohl behauptet und als wörtliches Zitat wiedergibt. Im französischen Protokoll findet sich kein Satz Mitterrands, wonach die Sowjetunion "niemals ein vereintes Deutschland in der Nato akzeptieren" werde. Aus welchem Protokoll hat Helmut Kohl zitiert? Oder hat er nur auf die Erinnerungen von Thatcher zurückgegriffen? Als ich Kohls Text las, habe ich sofort Frau Guigou angerufen und sie zu dem Gespräch noch einmal befragt. Sie widersprach entschieden dem, was uns Kohl als wörtlich zitierte Aussagen von Mitterrand wiedergibt.

SPIEGEL ONLINE: Ein weiteres Schlüsseldatum ist der informelle Gipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs in Paris am 18. November 1989, gut eine gute Woche nach dem Mauerfall. Folgt man Kohl, dann wurde beim gemeinsamen Abendessen über die Wiedervereinigung "noch nicht mal geflüstert", auch er habe das Thema bewusst vermieden. Doch dann fiel Margaret Thatcher quasi über ihn her, nach Kohls Eindruck mit der Billigung Mitterrands.

Schabert: Kohl hat bei dem Abendessen am 18. November sehr wohl die deutsche Frage angesprochen. Und die Haltung Mitterrands kann man bestens aus einer authentischen Quelle ersehen, nämlich seiner handschriftlichen Notiz, die in meinem Buch nach dem Original wiedergegeben ist, über den Ablauf des Diner-Gesprächs für die anschließende Pressekonferenz. Da konstatierte Mitterrand ein "Gefühl der Freude: die Freiheit" und notierte: "Die deutsche Frage ist eine europäische Frage". Das war sein Schlüsselsatz zur Wiedervereinigung, und den will Kohl überhört oder etwa nicht verstanden haben?

SPIEGEL ONLINE: Also hält Kohls Darstellung insgesamt den Quellen nicht stand?

Schabert: Schon die ganze Chronologie der Kohlschen Darstellung stimmt nicht. Ihr könnte Datum für Datum widersprochen werden. Sie dient nur seiner Legende. Etwa die Behauptung, nur der US-Präsident George Bush senior habe von Anfang an und unbeirrt die deutsche Wiedervereinigung begrüßt und unterstützt. Mitterrand hat sich schon im Oktober 1989 positiv über die Wiedervereinigung geäußert, Bush ließ sich erst im November dazu herab.

SPIEGEL ONLINE: Dann aber stand der US-Präsident fest hinter Kohl.

Schabert: Aber doch nicht "vorbehaltlos". Bush stellte - wörtlich -"Bedingungen", und zwar nicht verhandelbare: Dass eine Wiedervereinigung an der Mitgliedschaft Deutschlands in der Nato ausgerichtet sei, allmählich und friedlich vor sich gehe und die Interessen anderer Europäer berücksichtige, insbesondere die Unverletzlichkeit von Grenzen. Demgegenüber sprach Mitterrand mit Blick auf die Einheit von "Regelungen" oder "Voraussetzungen".

Das Interview führte Hans Michael Kloth



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