Abweichende Umfragen vor Sachsen-Anhalt-Wahl »Ostdeutschland ist einfach ein Sonderfall«

Die Umfragen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt lagen zum Teil weit neben dem tatsächlichen Ergebnis. Der Wahlforscher Rüdiger Schmitt-Beck erklärt, was beim Umgang mit den Erhebungen schiefläuft.
Ein Interview von Sophie Garbe
Wahlplakate in Sachsen-Anhalt: »In den Ostbundesländern sind Parteibindungen schwächer«

Wahlplakate in Sachsen-Anhalt: »In den Ostbundesländern sind Parteibindungen schwächer«

Foto: Florian Gaertner/photothek.de / imago images/photothek

Rund 16 Prozentpunkte lag die AfD in Sachsen-Anhalt am Ende hinter der CDU. Die Umfragen vor der Wahl hatten die Stimmungslage ganz anders eingeschätzt – nie waren die Christdemokraten so deutlich vorn. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL etwa kam die CDU vier Tage vor der Wahl auf 29 Prozent, die AfD auf 28. Auch die Demoskopen von INSA sahen die beiden Parteien noch wenige Tage vor der Wahl so eng beieinander. Am nächsten dran, aber immer noch weit entfernt vom Wahlergebnis, war die Forschungsgruppe Wahlen mit 30 Prozent für die CDU und 23 für die AfD.

SPIEGEL: Herr Schmitt-Beck, können wir uns auf Umfragen vor Wahlen noch verlassen?

Schmitt-Beck: Entscheidend ist, wie die Ergebnisse solcher Umfragen interpretiert werden. Ein weitverbreiteter Irrtum ist, dass Umfragen vor der Wahl tatsächlich als Prognosen zu sehen sind. Das stimmt nicht. Umfragen kurz vor der Wahl geben keinen Ausblick auf das Wahlergebnis, sondern zeigen eine politische Momentaufnahme. Viele Journalistinnen und Journalisten ordnen das nicht richtig ein, weil sie nicht das nötige methodische Verständnis besitzen und übersehen, dass bis zur Wahl auch noch Änderungen möglich sind. Zudem gibt es auch Umfrageinstitute, die wenig Interesse daran haben, das geradezurücken. Umfrageforschung ist ein Markt, den man durch zu viel Relativierung nicht unattraktiv machen will. Seriöse Institute weisen aber darauf hin, mit welchen Einschränkungen ihre Zahlen zu interpretieren sind.

SPIEGEL: Bei der Publikation der Civey-Umfrage am vergangenen Donnerstag haben wir explizit erklärt, warum es sich nicht um eine Prognose handelt, wir haben auf das große Potenzial taktischer Wähler am Wahltag selbst hingewiesen, wie wir das insbesondere bei anderen Landtagswahlen im Osten erlebt haben, sowie auf den statistischen Fehler von +/- 3,9 Prozent. Auf den ersten Blick blieb natürlich das enge Rennen hängen, aber denkbar waren zu diesem Zeitpunkt also auch 33 Prozent für die CDU und 24 Prozent für die AfD. Da stimmt die Tendenz, aber es ist immer noch entfernt vom tatsächlichen Ergebnis. Wie erklären Sie sich das?

Schmitt-Beck: Die Ergebnisse von Wahlumfragen entsprechen nicht exakt den Daten, die erhoben wurden. Umfrageinstitute bereinigen und gewichten ihre Daten später, um die Ergebnisse belastbarer zu machen. Zudem sind Wahlumfragen vor Landtagswahlen schwieriger durchzuführen. Denn die Zahl der durchgeführten Umfragen ist deutlich geringer als bei Bundestagswahlen und das Erstellen guter Stichproben kostspieliger und aufwendiger. Deshalb werden vor Landtagswahlen weniger Umfragen gemacht. Und dann kommt noch hinzu, dass Ostdeutschland beim Thema Wahlverhalten einfach ein Sonderfall ist.

SPIEGEL: Warum?

Schmitt-Beck: In den Ostbundesländern sind Parteibindungen schwächer, weil dort das Parteiensystem nicht so tief verwurzelt ist. Entsprechend gibt es dort auch mehr Fluktuation bei den Wählerinnen und Wählern. Zwischen Umfrage und Wahl kann sich also noch Einiges tun. Die Ergebnisse von Wahlumfragen werden aber erfahrungsgemäß belastbarer, je näher die Wahl rückt. Aufpassen sollte man also vor allem bei Umfragen, die lange vor der Wahl veröffentlicht werden.

SPIEGEL: Ist es denkbar, dass die Umfragen als Momentaufnahmen korrekt waren, dass also CDU und AfD kurz vor der Wahl tatsächlich näher beieinander waren? Und dass genau dieses Stimmungsbild dann dazu beigetragen hat, dass Wählerinnen und Wähler CDU gewählt haben, um einen möglich scheinenden ersten Platz für die AfD zu verhindern?

Schmitt-Beck: Das kann sein. Umfrageergebnisse können taktisches Wählen beeinflussen – gerade in einem Land wie Deutschland, wo das Parteiensystem immer komplexer wird. Es reicht nicht mehr, sich zu überlegen, welche Partei man gut findet, sondern man muss sich auch fragen: Hat diese Partei überhaupt eine Chance zu regieren und mit welchen anderen Parteien würde sie dann zusammenarbeiten? Und ebenso kann es natürlich auch darum gehen, eine Partei zu verhindern, wie es vielleicht jetzt bei der AfD der Fall war. Solche Überlegungen basieren dann natürlich auf Umfrageergebnissen, was der CDU hier geholfen haben könnte.

SPIEGEL: Welche Rolle hat der Amtsinhaberbonus für Reiner Haseloff gespielt?

Schmitt-Beck: Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Generell kann man aber bei Landtagswahlen mit besonders starken Effekten zugunsten amtierender Landeschefs rechnen, weil die Gegenkandidaten oft nicht bekannt genug sind, um Wahlentscheidungen zu motivieren. Da hatte die CDU in Sachsen-Anhalt also eher einen Vorteil.

SPIEGEL: Im Gegensatz zur CDU wurde die AfD in den Umfragen vorher eher überschätzt. Woran liegt das?

Schmitt-Beck: Das ist auf jeden Fall ungewöhnlich. Normalerweise werden radikal rechte Parteien in Umfragen meist unterschätzt, das konnte man auch bei der AfD schon häufiger beobachten. Das liegt vermutlich unter anderem daran, dass die Wählerschaft solcher Parteien ihre Wahlpräferenz weniger offen in Umfragen angibt und auch weniger bereit ist, an Umfragen teilzunehmen. In Sachsen-Anhalt gab es aber vielleicht eine Konstellation, die dieses Phänomen neutralisiert hat: Die AfD behauptet ja inzwischen von sich selbst, eine Volkspartei zu sein. Dieses Auftreten und auch der bisherige Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt haben möglicherweise dazu geführt, dass sich mehr Leute von vornherein zur AfD bekannt haben – und die Umfrageinstitute die Werte der AfD später zu weit nach oben korrigiert haben.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von den Umfragen vor der Bundestagswahl?

Schmitt-Beck: Weniger Überraschungen als bei Landtagswahlen. Dennoch können methodische Mängel und sich ändernde Wahlpräferenzen immer zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Zudem erschwert zum Beispiel auch die Zunahme der Briefwähler das Geschäft für die Wahlforscher erheblich.

SPIEGEL: In einigen europäischen Ländern ist es untersagt, kurz der Wahl Umfragen zu veröffentlichen. Finden Sie das sinnvoll?

Schmitt-Beck: Auf keinen Fall. Eine Demokratie braucht die öffentliche Meinung und ein Maximum an Information für die Wählerschaft, auch über sich selbst. Und natürlich müssen auch Politiker und Politikerinnen darauf schauen, was die Bevölkerung eigentlich will und wie weit sie bei welchem Thema gehen können. Informationen über die öffentliche Meinung sind daher wichtig. Das sollte aber nicht dazu führen, dass Umfrageergebnisse überbewertet werden. Da würde ich mir auch von der Politik manchmal mehr Mut wünschen.

SPIEGEL: Inwiefern?

Schmitt-Beck: Politikerinnen und Politiker sollten nicht bei jedem scheinbaren Gegenwind aus irgendeiner Umfrage den Kopf einziehen. Denn aus der Forschung wissen wir, dass gerade Meinungen zu Sachthemen sehr wandelbar sind. Die Politik muss sich also vor allem Zeit nehmen, Ideen gut zu erklären, statt jedem Umfrageergebnis hinterherzurennen.