Interview zum Koma-Trinken "Eine Art Wohlstandsverwahrlosung"

Politiker fordern wegen Alkohol-Exzessen von Jugendlichen schärfere Gesetze. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara über geplanten Suff von Minderjährigen - und die Hauptstadt als Ballermann der Republik.


SPIEGEL ONLINE: Frau Köhler-Azara, in Berlin bieten mittlerweile Reiseunternehmen für Jugendliche aus dem Ausland nächtliche Trinktouren an. Wird die deutsche Haupstadt - wie einst Mallorca für deutsche Trinker - zum Ballermann der Republik?

Christine Köhler-Azara: Das hoffe ich nicht. Was da angeboten wird, ist aus gesundheitspolitischer Sicht unverantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Kann eine Landesregierung gegen solche Anbieter vorgehen?

Kampftrinken auf bayerische Art: "Jugendliche wollen natürlich Grenzen austesten"
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Kampftrinken auf bayerische Art: "Jugendliche wollen natürlich Grenzen austesten"

Köhler-Azara: Das ist schwierig. Wir haben eine Handhabe im Jugendschutzgesetz und im Gaststättengesetz. Letzteres verbietet den Ausschank alkoholischer Getränke an bereits erkennbar Betrunkene. Es schreibt auch vor, dass mindestens ein alkoholfreies Getränk billiger sein muss als das günstigste alkoholische Getränk. Das Jugendschutzgesetz legt eindeutig fest, dass Spirituosen nur an über 18-Jährige, Bier und Wein nur an über 16-Jährige ausgegeben werden darf. Nur - es muss auch kontrolliert werden.

SPIEGEL ONLINE: Nun geht tendenziell der Alkoholkonsum in der Gesellschaft zurück, bei bestimmten Jugendlichen aber nimmt er drastisch zu. Woran liegt das?

Köhler-Azara: Wenn wir das wüssten, wären wir einen Schritt weiter. Auch bei Erwachsenen ist eine ähnliche Tendenz zu beobachten - die Gesellschaft insgesamt trinkt moderat, aber ein Kern konsumiert übermäßig viel. Jugendliche wollen natürlich Grenzen austesten - das ist im Rahmen auch legitim. Jugendliche haben ein gewisses Risikoverhalten, das im Zusammenhang mit Alkohol nicht neu ist.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem steigt ja offenbar die Zahl der Jugendlichen, die sich zum Kampftrinken verabreden - und zwar sowohl unter dem männlichen wie dem weiblichen Geschlecht.

Köhler-Azara: Richtig. Es ist wirklich beunruhigend, wie planvoll heutzutage manche Jugendliche Alkohol einsetzen, um ganz bestimmte Gefühle hervorzurufen oder sich in Stimmung zu versetzen. Da hat sich etwas in den letzten Jahren verändert.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Köhler-Azara: Das hat vielfältige Ursachen. Zum einen ist Alkohol eine absolut gesellschaftsfähige Droge ist, die viele Erwachsene einnehmen. Zum anderen müssen Jugendliche angesichts der heutigen Anforderungen in der Schule, in der Gesellschaft ihr Leben anders organisieren. So treffen sich manche planmäßig, um sich regelmäßig zu betrinken. Es ist erschreckend, dass manchen nichts anderes einfällt, obwohl doch Berlin einiges zu bieten hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist das sogenannte Komasaufen auf bestimmte Schichten eingrenzbar?

Köhler-Azara: Nein. Massiven Alkoholkonsum gab es schon immer in allen Schichten. Wir beobachten aber seit neuestem, dass gerade die bessersituierten Jugendlichen Gefallen am massiven Trinken gefunden haben. Es gibt eine Art von Wohlstandsverwahrlosung in den besser gestellten Bezirken dieser Stadt. Dort hat die Zahl der mit Alkoholvergiftungen eingelieferten Jugendlichen stark zugenommen, ist sogar höher als in den sozial benachteiligten Bezirken. Das hat vermutlich damit zu tun, dass manche Eltern aus sozial bessergestellten Schichten zwar Geld, aber nur noch wenig Zeit für ihre Kinder haben. Die Eltern darf man nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Auch 16-oder 17-Jährigen muss man Grenzen aufzeigen.

SPIEGEL ONLINE: Politiker verlangen mittlerweile Ausschankverbote für Jugendliche. Nimmt die aktuelle Debatte hysterische Züge an?

Köhler-Azara: Den Eindruck kann man gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Fakt ist aber, dass die Zahl der mit Alkoholvergiftungen in Berlin eingelieferten Jugendliche zugenommen hat. Wegen akuter Alkoholvergiftung wurden 2005 insgesamt 274 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 20 Jahren stationär in einem Krankenhaus behandelt. Bei den männlichen Jugendlichen war das im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 73 Prozent, bei den Mädchen um 16 Prozent.

Köhler-Azara: Richtig. Bei uns konnten wir die Wende vom Jahr 2004 auf 2005 feststellen. Wir wussten schon aus einem früheren Bericht der damaligen Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merck, dass das Problem vor Jahren in den ländlichen Kommunen auftauchte. Nun hat es auch eine Großstadt wie Berlin erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Soll man nun Gesetze verschärfen?

Köhler-Azara: Ich halte nichts von Aktionismus. Verbote wirken nur, wenn man sie auch einhalten kann. Das ist mit dem Jugendschutz schon schwierig. Hilfreich ist eine breite gesellschaftliche, sachliche Debatte - darüber, wie gefährlich Alkohol ist, wie man das richtige Maß findet, wo die Verantwortung und Vorbildwirkung der Erwachsenen liegt. Hysterie ist nicht zielführend.

SPIEGEL ONLINE: Müsste nicht die alkoholproduzierende Industrie stärker zu Selbstverpflichtungen gebracht werden, etwa was die Herstellung der unter Jugendlichen besonders beliebten Alkopops, der Mischgetränke, angeht?

Köhler-Azara: Mit Selbstverpflichtungen haben wir keine gute Erfahrungen gemacht. Erst als die Steuern für die Alkopops hoch gesetzt wurden, erlitt die Industrie dort Einbrüche. Das Problem mit den alkolholischen Süßgetränken ist jetzt - die Jugendliche mischen sich das selbst. Es ist für sie auch billiger. Mit den Alkopops hat uns die Industrie ein großes Problem hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Also müsste der Staat generell die Steuer auf alkoholische Getränke massiv erhöhen?

Köhler-Azara: Aus Sicht der Prävention wäre das eine effektive Maßnahme.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie also dafür?

Köhler-Azara: Man sollte keine Schnellschüsse machen. Im Prinzip sind aber steuerliche Maßnahmen - ablesbar bei den sinkenden Verkaufszahlen für Zigaretten - wirksam, um den Konsum einzuschränken.

Das Interview führte Severin Weiland



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