SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

20. Februar 2001, 11:09 Uhr

Interview zum Wohnungsleerstand

Frisst Abriss Ost erneut Milliarden?

Von Holger Kulick

Die Abwanderungen aus Ostdeutschland fordern ihren Tribut: Schon eine Million Wohnungen stehen leer, das sind 13 Prozent des Wohnungsbestandes. Dadurch entsteht ein Einnahmeloch von 2,2 Milliarden Mark jährlich. In Schwedt machte sich jetzt der Kanzler ein Bild von dem Dilemma, das alle neuen Länder betrifft.

Das nächste Milliardenloch: Eine Million leere Wohnungen im Osten
DPA

Das nächste Milliardenloch: Eine Million leere Wohnungen im Osten

Berlin/Schwedt - "Wir brauchen vier vermietete Wohnungen, um eine leere durchzuziehen", beschreibt der Sprecher des Bundesverbandes deutscher Wohnungsbauunternehmen, Manfred Neuhöfer, die Krisensituation. In Brandenburg stehen etwa 130.000 Wohnungen leer, in Sachsen-Anhalt sogar 200.000 und in Berlin bis zu 120.000, davon drei Viertel im Ostteil der Stadt. Besonders Kleinstädte trifft es hart: So zählt die Zwickauer Wohnungsbaugenossenschaft unter ihren 6500 Wohnungen bereits 1800 ohne Mieter. Keineswegs ist auszuschließen, dass in solchen Fällen künftig auch Konkurse drohen. In Schröders Stippvisitenziel, dem brandenburgischen Schwedt stehen 20 % aller Plattenbauten leer, rund 3000 sollen abgerissen werden.

Altbauten häufiger leer als Plattenbauten

Generell sind vom Leerstand im Osten überraschenderweise nur acht Prozent der Plattenbauten betroffen, deutlich höher liegt der Anteil leerer innerstädtischer Altbauten (etwa 260.000, das sind 33 Prozent des Bestands), vor allem in Städten wie Halle, Magdeburg oder Leipzig. In alten Vorortquartieren sind ebenfalls rund 224.000 Wohnungen ungenutzt, das sind 24 Prozent des Bestandes.

Aber auch 15 Prozent der neugebauten Wohnungen in Mehrfamilienhäusern stehen leer (rund 58 000) und 177.000 Ein- und Zweifamilienhäuser aller Altersgruppen. Viele Bauunternehmen haben die Kaufkraft der Ostdeutschen weit überschätzt. Nach der Wende hatte die DDR außerdem schon 400.000 unbewohnbare Wohnungen hinterlassen.

Kostenlos verschenken statt teuer abreißen?

Die Kosten für den Abriss werden mittlerweile auf 500 Mark pro Quadratmeter angesetzt. Darum kalkulierte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, es käme den Staat billiger, sie zu verschenken. Die Wohnungswirtschaft veranschlagt die Abrisskosten der leer stehenden Bauten auf 7,5 Milliarden Mark.

Die Leerstandskommission des Bundestags hat ihrerseits den Abriss von 360.000 Wohnungen empfohlen und stellt dafür in den nächsten zehn Jahren 700 Millionen Mark zur Verfügung. Experten mahnen aber, der Nutzen sei umstritten, wenn nicht zugleich über Stadtumbau und eine qualitative Aufwertung von Stadtquartieren nachgedacht werde. Denn nur attraktive Innenstädte mit neuen Jobs könnten die Ostflucht stoppen und eine Umkehrbewegung forcieren.

Kanzler auf Wohnungsbesichtigung-Ost

In Schwedt machte sich der Bundeskanzler jetzt ein Bild von der schwierigen Situation der Innenstädte zu machen. Er sei nicht mit dem Scheckbuch da, um Finanzhilfen zu versprechen. Er gehe aber davon aus, dass Bund und Länder neue, "gemeinsame Kraftanstrengungen" überlegen müssten, die er von nun an forcieren will.

Doch wo könnten Lösungswege liegen? Die baupolitische Expertin der Grünen im Bundestag, Franziska Eichstädt-Bohlig, beschreibt das Dilemma der Pleitestädte im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch. Denn ganz besonders hier zeige sich, wo der Osten auf der Kippe steht.

INTERVIEW: "Hier drohen viele Abstürze Ost"

SPIEGEL ONLINE: Frau Eichstädt-Bohlig, was drückt der Wohnungsleerstand in Ihren Augen aus? Die Krise im Osten?

Stadtumbau statt Abriß - Franziska Eichstädt-Bohlig (GRÜNE)
AP

Stadtumbau statt Abriß - Franziska Eichstädt-Bohlig (GRÜNE)

Franziska Eichstädt-Bohlig: Am Wohnungsleerstand wird die Krise besonders deutlich. Insgesamt ist die Bevölkerung in den neuen Ländern im letzten Jahrzehnt um fünf Prozent zurückgegangen. Das klingt harmlos, aber es gibt Städte und Regionen, da sind es bis zu 18 Prozent. Da kommen drei unglückliche Prozesse zusammen. Der Sterbeüberschuss bei gleichzeitigem Geburtenrückgang und die Abwanderung in die großen Städte und vor allem nach Westen, wo eher Arbeitsplätze zu finden sind. Das Dritte sind Wanderungen ins Stadtumland von Leuten mit einigermaßen gutem Einkommen. Daraus folgt eine enorme soziale Verwerfung. Der eher instabile Teil der Gesellschaft mit einem großen Teil Jugendlicher bleibt in den Plattenbauten oder Altbauten der Innenstädte zurück, so dass die Gesellschaft im Osten sozial enorm auseinander driftet.

SPIEGEL ONLINE: Was hilft?

Eichstädt-Bohlig: Mir wäre manchmal lieber, man würde nicht so viel Geld für die Ansiedlung von Firmen ausgeben, sondern in die Stabilisierung der vorhandenen städtebaulichen Strukturen, damit die kleinen und mittleren Firmen vor Ort nicht Pleite gehen. Denn das ist das große Problem: Ein neuer Betrieb nutzt wenig, wenn ein bestehender parallel dazu Pleite geht. Das bedeutet, nicht einfach den Abriss zu forcieren, sondern mit einer Aufwertung zu verknüpfen, damit die Menschen wieder ein positives Verhältnis zu ihrer Stadt oder ihrem Stadtteil gewinnen und den Mut haben, dort auch ihre Zukunft in die Hand zu nehmen und zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Für wie bedrohlich halten Sie denn die Situation?

Eichstädt-Bohlig: Es gibt auf der einen Seite Wohnungsbaugesellschaften, die gnadenlos in den Abgrund schlittern. Die leiden einfach darunter, dass sich proportional zum Wirtschaftswachstum West die Abwanderungsquote Ost steigert. Aber selbst dort, wo Privatleute investiert haben, gibt es inzwischen die kleinen Abstürze Ost, die keiner richtig ernst genommen hat. Viele Länder scheuen sich, das Problem anzufassen. Aber je länger man das verdrängt, um so größer ist der Negativeffekt durch weitere Abwanderung. Da gibt es Bürger, die haben rundum im Haus leer stehende Wohnungen, die kriegen Angst vor draufgängerischen Jugendgangs, die dort randalieren. Wenn aber erst mal ein Negativimage für eine Siedlung oder einen Stadtteil wächst, sind die Folgen gnadenlos. Das sind alles Punkte, wo eine Vogelstrauß-Politik verhängnisvoll ist. Ich wünschte mir, dass gerade der Kanzler persönlich das Thema als ein ganz schwerwiegendes erkennt.

SPIEGEL ONLINE: Um dann was zu tun? Noch mehr Abriss zu finanzieren?

Eichstädt-Bohlig: Mir geht es eher darum, kleinteiligen Stadtumbau voranzutreiben, um die Erosion durch weitere Bevölkerungsabwanderung aufzuhalten. Auf Abriss in den Altbausubstanzen der Innenstädte zu setzen, halte ich dabei für verkehrt, eher noch im Plattenbau. Das ist aber kein Dogma, das kann auch eine Mischung aus beidem sein. Die Plattenbauten niederzureißen macht jedoch nur Sinn, wenn nicht dort, wo vorher Häuser standen, Rasen gepflanzt wird, sondern preiswerte Reihenhaussiedlungen entstehen, in denen die Leute gerne wohnen. Denn dort kann die vorhandene Infrastruktur preiswert genutzt werden, vom Fernwärmeanschluss bis zur Kindergartenanbindung. Bisher baut aber jeder Bürgermeister "beleuchtete Äcker": das heißt, eine Neubausiedlung auf der grünen Wiese am anderen Ende der Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Das liegt aber auch an den Prinzipien bisheriger Wirtschaftsförderung.

Eichstädt-Bohlig: Das alte Leitbild heißt bisher immer noch: pauschaler Infrastrukturausbau in der Erwartung, man würde dadurch die Angleichung an den Westen schaffen. Das führt auch gerne zu der Forderung: mehr Geld. Aber mein Hauptziel ist, Investitionsmittel regional differenziert in die richtige Richtung zu lenken. Denn es gibt nicht den Osten, wie es auch den Westen nicht gibt. Und es gibt auch nicht den Osten auf der Kippe, sondern regionale Entwicklungen von Schwäche, die aufzuhalten und umzukehren sind.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung