Interview zur Bafög-Reform "Noch keine Chancengleichheit"

Beim Bildungskongress der SPD in Bonn sprach Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn von einer "Totalsanierung". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview widerspricht ihr Hans-Dieter Rinkens, Präsident des Deutschen Studentenwerks.


SPIEGEL ONLINE:

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat auf dem Kongress "soziale Gerechtigkeit" im Bildungswesen gefordert.

Rinkens: Der Bundeskanzler hat vor ein paar Tagen schon die Diskussion mit seinem Machtwort ad acta gelegt, als er sagte, die Familien rechneten mit einer Bafög-Erhöhung, um ihren Urlaub oder ihr Häuschen zu finanzieren. Dann soll er doch die Eigenheimfinanzierung verbessern. Aber im Ernst: Den Studierenden muss endlich die Ausbildungsförderung direkt ausgezahlt werden.

SPIEGEL ONLINE: Hauptpunkt des Reformwerkes ist die Anhebung der Ausbildungsförderung - beispielsweise soll der Höchstsatz um 70 Mark auf 1100 Mark steigen. Sind Sie damit zufrieden?

Rinkens: Ja, das ist gut und insbesondere begrüße ich, dass die Anzahl der Geförderten erhöht wird. Aber man muss sehen, was draus wird: Denn die 500 Millionen Mark, die der Bund zu diesem Paket beisteuert, bringen den Bildungsetat wieder auf den Stand, den er Mitte der Neunziger hatte.

SPIEGEL ONLINE: Woran krankt das Bafög?

Rinkens: Dass zu viele zu früh aus der Förderung rausfallen: Bei einem mittleren Familieneinkommen von 70.000 Mark endet die Unterstützung - wer vielleicht zwei Kinder im Studium hat, muss 30.000 Mark im Jahr aus eigener Tasche berappen. Einer Familie mit wesentlich höherem Einkommen fällt es wesentlich leichter, dieses Geld aufzubringen. Das war und ist das Paradoxe. Und daher gibt's noch nicht die "Chancengleichheit", die Frau Bulmahn erreichen will.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie für Forderungen?

Rinkens: Unser Vorschlag ist seit langem, dass junge Menschen aus Familien mit kleinen und mittleren Einkommen mehr gefördert werden müssen. Wir wissen durch unsere Sozialerhebungen, dass die Hochschulen in Deutschland langsam zu "closed shops" für einkommensstarke Familien werden: Von 100 Kindern reicher Familien studieren 72, bei Einkommensschwachen sind es gerade mal acht. So kann ja wohl die Intelligenz nicht verteilt sein. Und hieran muss sich jede Novelle messen lassen, dass sich das ändert.

SPIEGEL ONLINE: In der CDU mehren sich die Stimmen, die generell Studiengebühren fordern. Ist das der richtige Weg?

Rinkens: Nein, denn man muss bedenken, dass dadurch weitere Barrieren geschaffen werden: Studienabgänger steigen dann mit viel höheren Schulden in das Berufsleben ein.

Das Gespräch führte Hubertus von Hörsten



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