Irak Opposition setzt auf Krieg im eigenen Land

Wer folgt Saddam Hussein an der Spitze des Irak, sollte es zu einem Umsturz kommen? Als mächtigster Exil-Iraker gilt ein ehemaliger Bankier, der am Donnerstag Berlin besuchte und offen für ein militärisches Eingreifen warb. Die Bundesregierung empfing den US-gesponsorten Oppositionellen aber nicht.
Von Holger Kulick

Berlin - Jeffrey Gedmin muss passen. Der Chef des amerikanischen Aspen-Instituts in Berlin weiß noch nicht einmal, wo sein heutiger Gast derzeit lebt. Vielleicht in London? Vielleicht in Washington? "It's a no-where-man", sagt Gedmin und zuckt mit den Schultern. Dabei hat er am Donnerstagmorgen sogar eine Pressekonferenz im feinen Berliner Hotel Adlon mit Agmed Chalabi organisiert. Der Banker ist Chef des Dachverbandes der irakischen Opposition INC (Iraqi National Congress). Nur nach schriftlicher Voranmeldung dürfen Journalisten dem Termin beiwohnen - Sicherheit geht vor.

"Pretty soon", ziemlich bald, so verkündet Chalabi, habe er noch im März ein Treffen von 200 irakischen Offizieren in Washington geplant, um den USA zu signalisieren, dass es nach einem Sturz Saddam Husseins verlässliche Ordnungskräfte gebe. Denn Chalabi setzt auf eine militärische Intervention von Präsident Bush, darüber redet er ohne Umschweife. Letztlich sei es nur ein "kleines militärisches Problem" für die USA, dabei zu helfen, damit der "Teufel", so nennt er den Diktator Saddam Hussein, gestürzt werden kann. Chalabis Ziel: Pluralistische Demokratie und einen Rechtsstaat im Irak zu verwirklichen, das verspricht der "König ohne Land", wie der 57-Jährige gelegentlich genannt wird. Ob nun "mit wenigen Tausend Soldaten oder einer halben Millionen" der Umsturz herbeigeführt werden kann, sei letztlich egal.

Er könne sich vorstellen, dass der INC nach dem Modell Afghanistans die Führung im Befreiungskampf des Landes übernehme, während die US-Luftwaffe Schützenhilfe gebe. Noch wichtiger sei aber die "Post-Saddam"-Phase, in der vom Westen ganz andere Hilfe gefragt sei: Wie könne im Irak eine Art Entnazifizierung laufen? Und wie die Demokratisierung? Auch dazu werde Rat von Iraks Opposition gebraucht, die seit Monaten in den USA Strategien entwickelt, das "Endspiel" um die Macht in Bagdad zu gewinnen. Von konkreten Planungen für einen Radiosender, der aus Grenzregionen das Land aufklärt bis hin zu Bodennahkampfübungen reicht das Vorbereitungsprogramm für den Tag X.

Ob ein Wandel aber auch ohne Militärseinsatz möglich sei? Nein, gibt Chalabi klar zu verstehen, letztlich seien doch alle brutalen diktatorischen Systeme nur auf eine Weise zu beseitigen. Oder habe gegen Hitler Friedenspolitik geholfen? Saddam Husseins Bath-Partei sei letztlich nicht anderes als eine diktatorische Nazi- oder kommunistische Staatspartei mit zerstörerischen Zielen.

So sei es ein Traum des "modernen Saladins" Hussein, unbedingt als derjenige in die Geschichte einzugehen, der Israel mit Massenvernichtungswaffen bombardiere. Wenn er nur 100.000 Israelis auslöschen könne, stehe Israel aus seiner Sicht vor dem Untergang. Schon deshalb müsse endlich gehandelt werden, und zwar auch zum Schutze des irakischen Volks. Denn Israel würde sicherlich mit Atomwaffen zurückschlagen, malt Chalabi den "worst case" an die Wand. Spätestens dann könne niemand mehr ein Nichthandeln entschuldigen. Deshalb habe George W. Bushs Ankündigung, gegen die Terroristen in der "Achse des Bösen" vorzugehen, große Hoffnungen geweckt.

Die am Donnerstag wiederaufgenommenen Verhandlungen zwischen Uno-Generalsekretär Kofi Annan und Iraks Außenminister Nadschi Sabri hält Chalabi für bloßes Theater. "Diesen alten Film kenne ich schon", gibt sich der studierte Mathematiker entrüstet. Jahr für Jahr falle Annan auf Saddam Husseins Verlogenheit herein, etwas zu versprechen, was später nicht eingehalten werden. Spätestens, wenn die Uno darauf poche, unangemeldet Waffen-Inspektoren auch in Regierungsgebäude zu schicken, werde sich zeigen, wie wenig ernst Saddam Hussein sein Angebot meine, wieder Uno-Waffeninspektoren im Irak zu dulden. Seit Ende 1998 hat er sie ausgesperrt.

Wie stark Iraks Opposition wirklich ist, verrät Chalabi lieber nicht, aber sein INC bestehe keineswegs nur aus Exilanten, sondern habe die Mehrzahl seiner Mitglieder im Irak selbst. Die Mehrheit des Volkes habe Saddam satt, sagt Chalabi überzeugt, und viele Gruppen seien zum Umsturz bereit. Aber es liege in der Natur einer Diktatur, dass sich nur wenige Oppositionelle offen zu erkennen gäben.

Ein Verbindungsbüro des National-Kongresses gebe es mittlerweile auch im Iran, seine Geldgeber in den USA störe das aber nicht. Wer den National Congress denn genau finanziere? "Americans", meint Chalabi , spezifiziert das aber nicht. Seit 1992 besteht sein Dachverband, der sich zwischenzeitlich mehrmals zerstritt. In den ersten vier Jahren flossen Gelder vom CIA, inzwischen ist der INC ein offizielles Zuschussprojekt der amerikanischen Regierung. 25 Millionen Dollar jährlich wurden zuletzt vom US-Kongress zugesagt, aber darüber entbrannte Streit. Mangels zuverlässiger Rechenschaftsberichte sperrte der Kongress vorübergehend die Mittel, um den unkontrollierten Abfluss der Gelder in den Irak zu verhindern. Denn so ganz sicher ist auch die US-Regierung nicht, auf wen für eine "Post-Saddam"-Phase wirklich gesetzt werden kann - und auf dem Weg dahin.

Powell: Kein Kriegsplan auf dem Tisch

Noch am selben Abend bestätigte das in Washington indirekt US-Außenminister Powell vor einem Ausschuß des Repräsentantenhauses. Er erklärte, US-Präsident Bush habe zwar den Irak, Iran und Nordkorea als "Achse des Bösen" bezeichnet, jedoch gegen keinem der Regimes den Krieg erklärt. Dafür gebe "es keine (Kriegs-)Pläne zum Abzeichnen, weil es keine Pläne auf dem Tisch des Präsidenten gibt, und ich weiß auch nichts von Plänen, die auf seinem Tisch liegen, wenn Blair ihn (vom 5. bis 7.April) besucht." Britische Zeitungen hatten spekuliert, dass sich Bush und Blair spätestens dann über ein gemeinsames Vorgehen gegen Irak abstimmen könnten.

Eine Einschränkung machte Powell dann aber doch. Natürlich wünsche die US-Regierung einen Regimewechsel im Irak, betonte er. "Wir untersuchen, ob dies mit Hilfe von Oppositionskräften möglich ist oder nicht. Der Präsident hat auch andere Optionen. Schließlich und endlich muss sich der Präsident auch die Option offen halten, allein zu agieren", meinte vielsagend der US-Außenminister.

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