Angriff auf SPD-Spitze Münteferings Gift

"Mir standen die Haare zu Berge": Franz Münteferings scharfe Kritik am Wahlkampfstart der SPD sorgt in der Partei für Aufregung und vergiftet die Atmosphäre in der Führungsriege weiter. Zielt seine Attacke auf Parteichef Gabriel?
Ex-SPD-Chef Müntefering: "Der Start war misslungen"

Ex-SPD-Chef Müntefering: "Der Start war misslungen"

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Berlin - Franz Müntefering galt bei vielen Sozialdemokraten eigentlich als abgehakt. Mit seiner scharfen Kritik am Wahlkampfmanagement der Parteispitze sorgt der 73-Jährige nun in der Partei noch einmal für große Unruhe - mitten im Wahlkampf. "Der Start war misslungen. Mir standen die Haare zu Berge", so Müntefering in der "Zeit".

Nach dem ersten Schreck fragt man sich in der SPD, was Müntefering dazu verleitete, ausgerechnet jetzt so massiv auszuteilen. Sechs Wochen vor der Wahl kämpfen die Sozialdemokraten mit miesen Umfragen, die Aussichten für den 22. September sind trüb, seit Tagen verheddert sich die Partei in der Frage, ob man nach der Wahl einen Parteikonvent veranstalten soll oder nicht. Und nun auch noch das.

"Es wäre schick, wenn alle Sozialdemokraten jetzt Wahlkampf machen würden, damit wir die Merkel loswerden", rüffelt der Sprecher des Seeheimer Kreises, Johannes Kahrs, den Ex-Parteichef offen. Fehler im Wahlkampf seien ein Thema, zu dem man viel sagen könne. "Aber nicht vor dem 22. September, 18 Uhr. Bis dahin ist die Diskussion völlig überflüssig." Ähnlich sieht es der Parteilinke Ralf Stegner: Der Start des Wahlkampfs sei sicher nicht "der Höhepunkt unserer Spielkunst" gewesen, sagt er. "Aber auch Müntefering weiß, dass das Spiel erst entschieden ist, wenn abgepfiffen wird, und das passiert erst am 22. September."

Deutungen über Münteferings Motive

Statt den inhaltlichen Angriff auf Merkel zu proben, sind die Sozialdemokraten im Modus der Selbstbeschäftigung. Münteferings Sätze vergiften die Atmosphäre in der Führungsspitze weiter, das Misstrauen wächst. In der Partei kursieren die unterschiedlichsten Deutungen, auf wen Müntefering mit seiner Kritik abzielt. Eine der Lesarten ist, dass Müntefering niemanden persönlich meint, sondern den von ihm verantworteten Wahlkampf 2009 über Bande in ein besseres Licht rücken will.

Eine andere Lesart ist, dass die Interviewpassage auf Andrea Nahles gemünzt ist. Die Generalsekretärin hat als Wahlkampfchefin die Kampagne zu verantworten und außerdem, so heißt es, habe der Ex-Chef mit ihr noch eine Rechnung offen, weil sie 2005 verhinderte, dass Münteferings Vertrauter Kajo Wasserhövel Generalsekretär wurde. Eine dritte Lesart ist, dass nur Steinmeier mit der Kritik gemeint sein könne, weil dieser die Sturzgeburt von Steinbrücks Kandidatur durch eine Indiskretion eingeleitet habe.

Wahrscheinlicher ist aber, dass Müntefering direkt auf Sigmar Gabriel zielt, den aktuellen Parteichef. Die beiden verbindet ein nicht ganz unkompliziertes Verhältnis. Sie stehen in Kontakt, aber Gabriel hat sich wiederholt kritisch zur Hinterzimmerpolitik Münteferings geäußert. Der wiederum fürchtet, Gabriel gefährde mit den angestoßenen Agenda-Korrekturen das Regierungserbe der SPD.

Müntefering stellt sich gerne mal gegen Parteivorsitzende, Kurt Beck kann ein Lied davon singen. Im Jahr 2007 ließ Müntefering den Pfälzer mit einer fulminanten Rede auf der Spargelfahrt der Seeheimer abblitzen. Ein Jahr darauf verschickte Müntefering einen Brief an den engeren Führungskreis der SPD, in dem er Becks Schmusekurs mit der Linkspartei verriss. "Der Fehler ist gemacht", schrieb er und gab den Spitzengenossen gleich noch ein paar taktische Empfehlungen, was man anders machen müsse. Müntefering, der Besserwisser. Wenig später war Beck als SPD-Chef Geschichte.

Gabriel fühlt sich getäuscht

Entsprechend nervös ist man im Willy-Brandt-Haus über den neusten Zwischenruf des Ex-Vorsitzenden. Münteferings Grätschen hätten System, heißt es. Gabriel hält sich offiziell zurück, fühlt sich dem Vernehmen nach aber von Müntefering getäuscht. Immerhin habe er diesen Ende September als ersten telefonisch um Rat gefragt, als klar geworden sei, dass der ursprüngliche Zeitplan zur Nominierung des Kanzlerkandidaten nicht mehr zu halten wäre, heißt es.

Gabriel hofft, dass Münteferings Wahlkampfschelte innerparteilich als letztes Aufbäumen eines alten Mannes wahrgenommen wird. Aber er weiß auch, dass die Wortmeldung seines Vorgängers nicht ganz ungefährlich für ihn ist.

Müntefering hat den Start von Steinbrücks Kampagne indirekt als Kernfehler des SPD-Wahlkampfs ausgemacht. Wenn sich dieser Eindruck festsetzt, könnte sich der Fokus auf Gabriel richten. Fraktionschef Steinmeier verursachte die Sturzgeburt. Doch den Regiefehler in der Troika-Inszenierung beging in den Augen eines nicht unwesentlichen Teils der SPD der Vorsitzende, indem er zu lange den Eindruck vermittelte, als sei das Rennen um die Kandidatur noch offen, obwohl es längst entschieden war. Und so ist auch diese Interpretation möglich: Müntefering will Steinmeier stärken, wenn es um wichtige Posten nach der Wahl geht.

Abgerechnet wird nach dem 22. September.

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