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07. März 2011, 17:43 Uhr

Islam-Debatte

Der Minister hat Unrecht

Ein Kommentar von Yassin Musharbash

Kaum im Amt, hat der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eine Debatte zum Thema Islam entfacht. So wie er sie intoniert, richtet er Schaden an.

Gehört der Islam zu Deutschland? Der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich findet nein und begründet dies damit, dass sich "auch aus der Historie" nirgends belegen lasse, dass dem so sei.

Doch ab wann gehört man "historisch" überhaupt zu "Deutschland"? Die erste Moschee auf deutschem Boden ließ Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1732 in Potsdam errichten, für 20 türkische Garnisonssoldaten, die ihm der Herzog von Kurland geschenkt hatte. 1762 gab es in der preußischen Armee ein eigenes islamisches Korps. 1798 entstand in Berlin der erste islamische Friedhof. 1807 kämpften deutsche Muslime für Preußen gegen Napoleon.

Das ist, genau genommen, länger als es Deutschland als Einheitsstaat gibt.

Natürlich haben Muslime die deutsche Gesellschaft, Politik und Geistesgeschichte nicht so stark geprägt wie Juden. Und ebenso ist es richtig, dass die Mehrheit der Muslime, die heute in Deutschland leben, Nachfahren von Gastarbeitern und Flüchtlingen sind, und nicht durch eine Traditionslinie mit den preußischen Muslimen verbunden sind.

Aber um all das geht es den Islamskeptikern nicht. Sie wollen in Wahrheit keine historischen Belege. Ihre Argumentation, beispielhaft die von SPIEGEL-Redakteur und Friedrich-Verteidiger Matthias Matussek, lautet: Der Islam "gehört nicht in unsere historisch-religiöse DNA, denn die ist... immer noch christlich".

Der Islam ist da. Schon lange

Das aber ist kein Argument, das ist eine Falle: Der Islam könnte seit 1400 Jahren in Deutschland präsent sein - da er nicht christlich ist, kann er nie dazugehören.

Tatsache ist: Der Islam verschwindet nicht aus Deutschland, wenn man ihn begrifflich ausschließt; und er rückt nicht näher, wenn man ihn begrifflich umarmt. Er ist da. Schon lange. Und seine Anhänger werden sich weder von ihrem Glauben abwenden noch verschwinden. Das anzunehmen ist realitätsfremd.

Man kann Millionen deutscher Muslime aber nicht qua Religionszugehörigkeit ausschließen, weil einem ihr Glaube nicht behagt. Sie prägen das Miteinander, jeden Tag, sie gehören zu Deutschland.

Bundespräsident Christian Wulff und der frühere Innenminister Wolfgang Schäuble haben in den vergangenen Jahren zögerliche Annährungsversuche gestartet, Friedrichs erste Islam-Aussage im neuen Amt wirkt zwangsläufig wie eine Schubumkehr. Damit verletzt er Gefühle und schürt Ressentiments. Das ist unnötig, das hilft niemandem.

Mag sein, dass man findet, Muslime könnten nicht Angehörige des christlichen Abendlandes sein. Aber für das christliche Abendland ist der Bundesinnenminister nicht zuständig.

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