Islam-Holdings Betrug an Deutschlands Türken

Sogenannte "Islam-Holdings" versprechen Türken in Deutschland das große Geschäft - Hunderttausende sind auf den Betrug hereingefallen. Ihr Geld könnte fundamentalistischen Gruppen zugute gekommen sein.

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Berlin – Ali Özkan will eigentlich nicht darüber reden. Darüber, wie naiv er sich von seinen eigenen Glaubensbrüdern über den Tisch ziehen ließ. Er befürchtet, den Ruf des Islam zu beschmutzen. 20.000 Euro hatte der Dormagener im Jahr 2002 in eine islamische Teilhaber-Gesellschaft investiert. Alles weg. Özkans Geschichte – und die von über 200.000 anderen Türken in Deutschland – ist Teil einer der größten Anlagenbetrugsfälle, die in der Bundesrepublik je stattgefunden haben.

Kombassan-Zentrale im türkischen Konya: Filialen in Deutschland geschlossen
AP

Kombassan-Zentrale im türkischen Konya: Filialen in Deutschland geschlossen

Von der deutschen Gesellschaft unbemerkt ließen sogenannte Islam-Holdings seit Ende der neunziger Jahre über 25 Milliarden Euro in einem Dickicht von Geldtransfers verschwinden. "Soviel ist bei uns bis heute als Verlust gemeldet worden", sagt Muhammet Demirci, Vorsitzender des Geschädigtenverbandes "Solidaritätsverein der Türken in Europa". Demirci sind allein fünf Fälle in Deutschland bekannt, in denen sich Holding-Opfer erhängt haben. Über 200.000 betrogene Türken hätten den Verein bis heute kontaktiert.

Die kriminellen Geschäfte funktionierten meist nach einem simplen Prinzip: Im Fall Özkan etwa versprach der Werber in der Moscheegemeinde eine sagenhafte Gewinnbeteiligung. Außerdem erinnerte er daran, dass der Prophet Mohammed verbiete, von Zinsen zu profitieren. Gewinne durch Unternehmensbeteiligungen seien dagegen nicht nur erlaubt, sondern angeblich erwünscht. Und schließlich werde das Geld in den Aufschwung in der Türkei investiert, habe der eloquente Vertreter versprochen. "Das Geld dient einem guten Zweck."

"Ein Muslim wird einen Muslim nicht hintergehen"

Özkan glaubte dem Werber, der vermutlich auf Provisionsbasis arbeitete. Viele seiner Moscheekollegen hatten dem professionellen Geldeintreiber bereits ihr Erspartes überreicht. Immer in bar verstand sich, ohne deutsche Banküberweisungen, "wir arbeiten unter uns". In der Gemeinde sprach sich herum, dass manche "Investoren" schon mehrere Tausend Euro Rendite ausgezahlt bekommen hätten. "Und ein Muslim wird einen Muslim nicht hintergehen. Davon war ich felsenfest überzeugt", sagt Öztürk.

Die Peinlichkeit, einem unfassbaren Betrug aus den eigenen Reihen zum Opfer gefallen zu sein, ist nicht der einzige Grund, weshalb viele Türken in Deutschland schweigen. Die kleinen und größeren Vermögen, die von der Gastarbeiter-Generation in Jahrzehnten zusammengespart wurden, wurden den deutschen Behörden oft nicht bekannt gemacht, Steuern wurden hinterzogen.

Das Zentrum für Türkeistudien ermittelte im Auftrag des Düsseldorfer Innenministeriums 52 dubiose Teilhabergesellschaften, in die Deutschtürken ihr Geld investiert haben. Die meisten Holdings existieren heute nicht mehr. Übrig geblieben sind ein paar Quittungen, Zertifikate und Aktien. Die größten Holdings, Kombassan und Yimpas, haben ihre Filialen in Deutschland geschlossen und noch Muttergesellschaften in der Türkei. Die Insolvenzverfahren in Deutschland laufen bis heute.

Betrüger hatten Beziehungen zur türkischen Regierungspartei

Während von diesem Skandal in Deutschland kaum Notiz genommen wird, brodelt die Gerüchteküche in der Türkei immer heftiger. Dort berichten Zeitungen von engen Beziehungen der Holdings zu fundamentalistischen Gruppen. Vertreter von Milli Görüs, eine vom deutschen Verfassungsschutz beobachtete islamische Organisation, sollen in ihren eigenen Moscheen Gelder eingesammelt haben.

Ein anderer Aussteiger, Turgut Erkekli aus der Yibitas-Holding, soll ausgesagt haben, wie das Prinzip außerdem funktioniert: über Bestechung von Finanzbeamten und Politikern. In Werbefilmen warben heutige Regierungspolitiker für Investitionen in die zweifelhaften Unternehmen. Auch ist bekannt, dass AKP-Parteimitglieder persönlich in einigen anatolischen Städten beim Geldeinsammeln behilflich waren. Türkische Zeitungen schreiben von Geldüberweisungen, die auf eine finanzielle Unterstützung des Wahlkampfes der islamischen Regierungspartei AKP durch Holding-Erträge hinweisen.

Ein weiteres Indiz für die guten Beziehungen von Regierungspolitikern und Holding-Akteuren war 2006 eine exklusive Konferenz der mutmaßlichen Betrüger im Berliner Adlon-Hotel in Anwesenheit des türkischen Justizministers Cemil Cicek (AKP). Fotos von der Zusammenkunft sorgten für Empörung.

Vertreter der Regierungspartei bestreiten die Vorwürfe. "Keine Partei hat auch nur einen Pfennig bekommen", widersprach etwa AKP-Mann Telat Karapinar in einem Interview mit der "Welt". Er war Vorsitzender des kurzlebigen parlamentarischen Untersuchungsausschusses in der Türkei zum Thema Islam-Holdings. Deren Ergebnisse sind immer noch umstritten, denn ein Teil der federführenden Mitglieder war selbst als Werber für die Holdings bekannt.

"Das eigentliche Problem ist die Türkei", sagt Demirci, dessen Verein für ein geschlossenes Auftreten der Betrogenen plädiert. Trotz mehrerer Gerichtsurteile in Deutschland, in denen der Straftatbestand des Betrugs für erfüllt befunden wurde, können die Kläger ihren Schadensersatzanspruch in der Türkei nicht geltend machen. Die türkische Justiz müsste dafür kooperieren, doch sie tut es nicht. "Weil die machthabenden Politiker selbst involviert sind", sagt Demirci frustriert. Noch in diesem Monat will der Solidaritätsverein mit einer Sammelklage gegen die türkische Regierung vorgehen.

Deutsche Politik zeigt sich desinteressiert

Die im Solidaritätsverein organisierten Türken fordern von der deutschen Regierung Unterstützung im Streit mit den unkooperativen türkischen Behörden. "Schließlich ist Deutschland der Schauplatz", so Demirci. Und es sei schwer vorstellbar, dass der Verfassungsschutz von den Geldeintreibern nichts wusste – die Moscheen wurden in vielen Fällen vom Geheimdienst beobachtet.

Im Gegensatz zum Bundeskriminalamt jedoch, das in einem Informationspapier "Zu islamischen Holdings" die Vorgehensweise der Betrüger detailliert beschreibt, will die Bundesregierung vom Milliarden-Betrug keine Kenntnisse haben. Erst vor wenigen Wochen stellte die Linkspartei eine Kleine Anfrage "zur Situation der Anleger in sogenannten islamische Holdings". Aus der Antwort von Ende März geht hervor, dass der Bundesregierung "keine Kenntnisse" darüber vorliegen, "wie hoch die Zahl der in Deutschland lebenden geschädigten Personen und die Schadenssumme ist". Bisher existiert der Skandal nur im türkischen Mikrokosmos des Bundesgebiets.

Dem Antwortschreiben der Bundesregierung zufolge scheint es zudem unwahrscheinlich, dass Deutschlands Türken politische Unterstützung im Streit mit der Türkei erwarten können. Eine der wenigen konkreten Antworten in der Drucksache erfolgt auf die Frage, ob die Bundesregierung "die Einschätzung teilt, dass ein bisher ausstehendes Vollstreckungs- und Zustellungsabkommen mit der Türkei den Geschädigten helfen könnte". Die Antwort lautet schlicht: "Nein."



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