Geheimoperation in Syrien Bundesregierung holt deutsche IS-Anhängerinnen aus Gefangenenlager

Das Auswärtige Amt hat drei deutsche Anhängerinnen des »Islamischen Staates« und zwölf Kinder aus einem Gefangenenlager in Syrien gerettet. Sie sollen umgehend nach Deutschland ausgeflogen werden.
Leonora Messing in Syrien (Archiv)

Leonora Messing in Syrien (Archiv)

Foto: DELIL SOULEIMAN/ AFP

In einer wochenlang geplanten Geheimoperation haben das Auswärtige Amt (AA) und das Bundeskriminalamt (BKA) nach SPIEGEL-Informationen drei ehemalige deutsche IS-Anhängerinnen sowie insgesamt zwölf Kinder aus dem Gefangenenlager al-Roj in Nordsyrien geholt und in den Irak gebracht. 

Noch am Samstag sollen die drei Frauen, die in den vergangenen Jahren nach Syrien gezogen waren und sich der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) angeschlossen hatten, mit einem eigens gecharterten Jet aus dem Nordirak nach Deutschland geflogen werden. 

Die Bundesregierung begründet die Aktion, die das AA gemeinsam mit Finnland organisiert hat, mit humanitären Erwägungen: Mehrere der Kinder sind Waisen von Kämpfern aus Deutschland oder durch Krankheit derart geschwächt, dass ihr Leben bedroht ist.

Sie bleibt vorerst auf freiem Fuß

Zu den deutschen Frauen gehört Merve Aydin aus Hamburg-Wilhelmsburg, die zuletzt von kurdischen Kräften in einem Haftlager in Nordsyrien festgehalten wurde. Ihre beiden im Krieg zur Welt gekommenen Kinder sollen an einer Lungenkrankheit leiden. Aydin war Ende 2014 als 18-Jährige ihrem Freund nach Syrien nachgereist, der dort später als IS-Kämpfer ums Leben kam. 

SPIEGEL TV konnte sie vor eineinhalb Jahren in einem Camp der Kurden interviewen. Von ihr gehe keine Gefahr aus, beteuerte sie, sie habe dem IS den Rücken gekehrt und wolle nur noch zurück nach Hause. In Deutschland ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg gegen sie wegen Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, wie eine Behördensprecherin dem SPIEGEL bestätigte. Aydin bleibt vorerst aber frei, ein Haftbefehl liegt derzeit nicht gegen sie vor.

Nach Deutschland gebracht wird auch Leonora Messing aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt. Eine ihrer zwei Töchter soll krank sein. Messing hatte sich als 15-Jährige im März 2015 heimlich von zu Hause davongemacht, um in das damals vom IS beherrschte Gebiet in Syrien auszureisen.  

In der IS-Hochburg Rakka wurde sie zur Drittfrau von Martin Lemke, der als einer von wenigen Deutschen dem berüchtigten Geheimdienst der Terrormiliz angehörte. Zeitweise sollen sie in ihrer Wohnung eine jesidische Frau mit zwei Kindern als Sklavin gehalten und diese schließlich weiterverkauft haben. Im Januar 2019 wurde Messing von kurdischen Kräften festgesetzt, nachdem sie vor der Schlacht um die letzte IS-Enklave Baghus geflohen war. 

»Durch die Hölle gegangen«

In Deutschland ermittelt der Generalbundesanwalt gegen Leonora Messing wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und der Beihilfe zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. 

Ihr Vater hat mit Journalisten des NDR und des RBB ein Buch darüber geschrieben, wie er seine Tochter an den IS verlor und darum kämpfte, sie aus Syrien herauszuholen. Die Familie sei jahrelang »durch die Hölle gegangen«, sagte der Bäcker aus Sachsen-Anhalt bei einem Auftritt in der Talkshow »Markus Lanz«. 

Leonora Messing (r.) und eine weitere deutsche IS-Anhängerin mit Kindern

Leonora Messing (r.) und eine weitere deutsche IS-Anhängerin mit Kindern

Foto: DELIL SOULEIMAN/ AFP

Bei der dritten Frau handelt es sich um Yasmin A.Z. aus Nordrhein-Westfalen. Ihr Kind soll an einer Lungenkrankheit leiden. Die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt gegen sie wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Sie soll im Sommer 2015 zum IS in Syrien ausgereist sein. 

Mehr als 100 Anhängerinnen und Anhänger des IS aus Deutschland weiter in Syrien

Der Transport ist die bisher größte Rückholaktion von deutschen Frauen und Kindern, die seit dem Niedergang des IS in syrischen Haftlagern festgehalten werden. 

Bislang waren nur wenige kranke Kinder und Waisenkinder sowie eine mutmaßliche IS-Anhängerin aus Hessen über den Irak nach Deutschland ausgeflogen worden. In ihrem Fall hatte eine US-amerikanische Hilfsorganisation bei der Rückkehr geholfen

Weitere Frauen haben vor den Verwaltungsgerichten schon vor vielen Monaten eingeklagt, dass die Bundesregierung ihre Kinder und sie nach Deutschland bringen muss. In den Lagern herrschen katastrophale Bedingungen. Das Auswärtige Amt verwies immer wieder auf Schwierigkeiten bei der Umsetzung, ein Anwalt der Familien warf der Bundesregierung Verzögerung vor. 

Männliche IS-Anhänger, die in Nordsyrien in Gefängnissen festgehalten werden, hat die Bundesrepublik bisher nicht ausfliegen lassen. Aktuell sitzen dort noch mehr als 100 Männer und Frauen aus Deutschland, Dreiviertel von ihnen haben einen deutschen Pass. Dazu kommen Dutzende Kinder.