"Islamischer Staat" Zahl deutscher Terror-Touristen steigt weiter

Die Faszination des "Islamischen Staates" auf deutsche Extremisten ist ungebrochen: Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen ist die Zahl der nach Syrien ausgereisten Dschihadisten erneut gestiegen - auf mehr als 720.

Kämpfer des "Islamischen Staats" (Archiv): Rund hundert Islamisten aus Deutschland sind inzwischen im Krisengebiet gestorben
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Kämpfer des "Islamischen Staats" (Archiv): Rund hundert Islamisten aus Deutschland sind inzwischen im Krisengebiet gestorben

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Je furchtbarer die Gräueltaten des "Islamischen Staates" (IS) sind, desto größer scheint die Anziehungskraft der Terror-Miliz zu sein: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat sich die Zahl der Dschihadisten, die aus Deutschland in den Bürgerkrieg nach Syrien oder den Irak gezogen sind, abermals erhöht.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) rechnet inzwischen mit mehr als 720 Terror-Touristen, die meisten sind jünger als 30 Jahre, etwa ein Fünftel von ihnen sind Frauen. Zugleich erhöhte sich auch die Anzahl derjenigen, die sich im Bürgerkrieg aktiv an Kampfhandlungen beteiligt haben: Das BfV geht derzeit von etwa 60 Personen aus. Ein Drittel der Dschihadisten ist mittlerweile nach Deutschland zurückgekehrt. Rund hundert Islamisten aus der Bundesrepublik starben in dem Krisengebiet. Damit hat sich die Zahl der Toten in den vergangenen zwölf Monaten verdoppelt.

"Auch über den Sommer 2015 bleibt der sogenannte 'Islamische Staat' für junge Islamisten aus Deutschland ein gefährlich-verlockendes Ziel", sagte BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen SPIEGEL ONLINE. "Viele der jungen Leute, die Richtung Syrien ausgereist sind, sind sich offenbar immer noch nicht klar darüber, dass sie dort nur als Kanonenfutter eingesetzt werden. Die Nachrichtendienste wissen mittlerweile von über 20 Selbstmordattentätern, die auf diese Weise vom IS verheizt wurden."

Banale Motive für die Reise nach Syrien

Wie banal zuweilen die Motive der selbsternannten Gotteskrieger sind, hatte im Winter 2014 der erste Prozess gegen einen deutschen IS-Rückkehrer offenbart. "Merkst du, ich habe keinen Bock, in Deutschland zu leben", hatte der Frankfurter Berufsschüler Kreshnik B. in einem Telefonat aus Syrien seiner Schwester Aferdita gesagt. Und die antwortete ihm: "Mit 25 wirst du das bereuen. Du bist jung, dumm und naiv."

Weshalb sich aber ausgerechnet dieser dickliche, blasse Junge zum Gotteskrieger berufen fühlte, konnte das Gericht letztlich nicht endgültig klären. In seiner Jugend hatte es keinerlei Hinweise darauf gegeben, dass sich Kreshnik B. einmal dem radikalen Islam zuwenden würde: B., der zwei ältere Schwestern hat, machte seinen Realschulabschluss und spielte als Teenager Fußball im jüdischen Fußballverein Makkabi Frankfurt. Einmal fiel B. wegen eines besonders schweren Diebstahls auf, doch das Verfahren wurde eingestellt.

Erst auf der Berufsschule geriet B. an eine Gruppe Islamisten. Die jungen Männer trugen Kaftane und Gebetsmützen, sie sprachen nicht mit Lehrerinnen und verließen die Klasse, wenn es um Sexualität ging. Sie besuchten auch die einschlägig bekannte Abubakr-Moschee im Frankfurter Stadtteil Hausen. Schließlich reisten im Juli 2013 sieben von ihnen mit dem Bus nach Istanbul - darunter auch B., dann ging es weiter nach Syrien. Mehrere seiner Weggefährten starben dort, doch Kreshnik B. kehrte unversehrt nach Deutschland zurück.

Inzwischen sitzt er im Gefängnis.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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