Mutmaßlicher IS-Rückkehrer vor Gericht Codename "Kickbox"

Seit Jahren hält eine salafistische Sippe Terrorfahnder in NRW auf Trab. Jetzt steht ein Familienmitglied in Düsseldorf vor Gericht. Der Kampfsportler Muhammed H. soll dem IS angehört haben.

Mutmaßlicher IS-Rückkehrer Muhammed H.
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Mutmaßlicher IS-Rückkehrer Muhammed H.

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Die Frauen ahnten nicht, dass sie belauscht wurden. Im vergangenen Dezember besprachen die beiden Gattinnen eines in Vielehe lebenden salafistischen Predigers Heikles am Telefon - es ging wohl um den Ehemann und dessen Sohn. Die Männer überlegten sich "was Schwerwiegendes", erzählte die eine Frau. Und die andere pflichtete ihr bei: "Sie drehen ein sehr großes Ding, sie werden deswegen lebenslänglich drin bleiben."

Die Staatsschützer der Polizei, die das Gespräch abhörten, befürchteten Schlimmstes: Mitglieder eines Islamisten-Netzwerks um den Prediger Atila G. aus Ennepetal planten womöglich einen Anschlag. Erst wenige Tage zuvor hatten sie ein weiteres Telefonat seines Sohnes Muhammed H. belauscht. Es ging darin um einen Auftrag, den man abwarte, und um das Thema "Kopf abschneiden".

Die Lauscher verstanden nur Bruchstücke der Unterhaltung, zu laut waren die Fahrgeräusche in dem verwanzten Wagen. Intensiv beobachteten die Ermittler die Gruppe in den folgenden Wochen. Doch wie so oft bei Ermittlungen gegen das Netzwerk von Atila G. stand man auch diesmal am Ende wieder mit leeren Händen da. Beweise für tatsächliche Anschlagsvorbereitungen fanden die Beamten nicht. Obwohl Ermittler an der Gefährlichkeit der Männer um Vorbeter Atila G. bis heute keinen Zweifel haben.

Radikaler Scharfmacher

Der bärtige Prediger gilt als radikaler Scharfmacher mit besten Szene-Kontakten, so etwa zum mutmaßlichen IS-Rekrutierer Abu Walaa, der sich zurzeit vor dem Oberlandesgericht Celle wegen Terrorverdachts verantworten muss (lesen Sie hier die Rekonstruktion des Falls). Bei Atila G. hegen Staatsschützer ebenfalls seit Jahren den Verdacht, er bereite junge, labile Männer ideologisch auf den Dschihad vor.

Polizeierkenntnissen zufolge schart G. regelmäßig in seiner Wohnung und in einer Laube Verwandte und Gefolgsleute um sich, mindestens sechs Personen aus seinem Umfeld sollen sich seit 2014 der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen haben: Darunter war etwa Ahmet C. aus Ennepetal, der sich nur wenige Wochen nach seiner Ankunft im Juni 2014 in Bagdad in die Luft sprengte und mehr als 50 Menschen mit in den Tod riss. Ein Foto, aufgenommen Ende Mai 2014, zeigt Ahmet C. bei einem Grillfest im Kleingarten von Atila G. Vier Tage später nach der Feier war Ahmet C. weg - ausgereist zum IS. Dennoch konnten die Behörden bis heute nicht nachweisen, dass Prediger Atila G. den IS unterstützt hat.

"Der Vater meines Mandanten ist ein netter älterer Herr, der niemanden in irgendeiner Form missioniert. Das sind wilde Spekulationen der Behörden", sagt der Bonner Rechtsanwalt Mutlu Günal, der Atila G.s Sohn, Muhammed H., vertritt.

Lange Zeit ermittelten Hagener Terrorfahnder der Ermittlungskommission "Levant" gegen H. Von diesem Montag an steht der mutmaßliche IS-Rückkehrer, 21, zusammen mit einem weiteren ehemaligen Schüler von Atila G. vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Es geht unter anderem um den Vorwurf der Mitgliedschaft im IS.

Muskulöser Kickboxer

Bis zu seiner Festnahme im Juni trieb der muskulöse Kickboxer und von der Polizei hoch priorisierte Gefährder Muhammed H. deutschen Sicherheitsbehörden immer wieder die Schweißperlen auf die Stirn - nicht nur wegen der belauschten, mysteriösen Gespräche im Dezember. Mal beobachteten ihn Behördenmitarbeiter, wie er seine vollverschleierte Frau an einer Kette durch Wuppertal führte. Mal trat er die Tür zur Wohnung seiner Schwester ein und bedrohte diese mit einem Elektroschocker, damit sie zu ihrem übergriffigen Ehemann, ebenfalls einem Islamisten, zurückkehre. Dennoch gelang es Fahndern lange nicht, eine Verbindung des Kampfsportlers zum IS zu belegen.

In Bedrängnis brachte Muhammed H. schließlich neben Aussagen des Mitangeklagten Burak H. auch die Bürokratie der Terrororganisation. Auf IS-Personalbögen von Rekruten und Ausreiselisten, die das Bundeskriminalamt (BKA) im vergangenen Jahr erhielt, findet sich auch der Name Muhammed H. Als gewünschte Verwendung notierten die IS-Bürokraten zu ihm: Kämpfer. Sachverständige sind von der Echtheit der Dokumente überzeugt. Noch vor seiner Verhaftung konfrontierte ein SPIEGEL-TV-Kamerateam Muhammed H. mit seiner IS-Personalakte. Damals stritt H. ab, jemals dem IS angehört zu haben.

Laut Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf reiste der damals erst 17-jährige Muhammed H. zusammen mit Burak H. im Juni 2014 über die Türkei nach Syrien. Den Erkenntnissen zufolge unterstützte ein Mittelsmann aus der inzwischen verbotenen "Millatu Ibrahim"- Moschee in Solingen die Ausreise. Die Männer erhielten demnach auch die Telefonnummer eines IS-Kontakts in der Türkei, der die Schleusung organisierte.

Burak H. speicherte diese Nummer laut Anklage in seinem Handy unter dem Eintrag "Kickbox". Die Männer hatten sich für den Fall einer Kontrolle die Legende überlegt, zu einer Kickboxveranstaltung in der Türkei reisen zu wollen. So berichtete es Burak H. später der Polizei. Nach wenigen Wochen in einem Rekrutierungs- und Schulungslager des IS hatten die beiden Neu-Dschihadisten aber offenbar genug. Unter dem Vorwand, in der Türkei heiraten zu wollen, gelang es Muhammed H. und Burak H. laut Anklage, das Gebiet des IS im Juli 2014 wieder zu verlassen - und unbemerkt nach Deutschland zurückzukehren.

Das ist die Sicht von Polizei und Justiz, die Verteidigung sieht die Sache ganz anders. "Die Ermittlungsergebnisse sind unbrauchbar", sagt Rechtsanwalt Günal. "Die Vorwürfe beruhen auf den Angaben eines Mitbeschuldigten, dem offensichtlich eine Haftverschonung versprochen wurde." Burak H. habe man "einen bei der Polizei sehr beliebten und kooperativen Rechtsanwalt zur Seite gestellt hat. Diese Konstellation muss auch einen objektiven Betrachter stutzig machen", so Günal. Er will seine Sicht der Dinge in der Hauptverhandlung darlegen.

Nach seiner Rückkehr entwickelte sich Muhammed H. jedenfalls - wohl unter dem Einfluss seines Vaters und Vorbilds Atila G. - zu einer Größe des salafistischen Milieus. Ein hochrangiger Beamter bezeichnete H. später als "Hochkaräter der Szene" und als "völlig unberechenbar". Es folgten aufwendige Observations- und Abhörmaßnahmen.

Einen erneuten Ausreiseversuch zum IS konnten die Behörden wohl immerhin verhindern. Beamte der Bundespolizei am Flughafen Düsseldorf hielten - nach einem Hinweis des Verfassungsschutzes - Muhammed H. und seine Ehefrau im Sommer 2015 davon ab, an Bord eines Fliegers zu gehen. Auch das ist Teil der Anklage gegen Muhammed H.

Mit einem Urteil wird nicht vor Februar 2018 gerechnet.

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