Islamismus-Ausstellung Terror-Camp zum Anfassen

Hasspredigten lesen, in Hetzschriften stöbern, ein Terror-Camp durchstreifen: In Stuttgart eröffnet eine einzigartige Ausstellung über Islamismus. Baden-Württembergs Verfassungsschutzchef Johannes Schmalzl erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, was er damit bezweckt - und wieso Deutschland eine solche Schau braucht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Schmalzl, am Montag wird die vom Bundesamt für Verfassungsschutz konzipierte Wanderausstellung zum Thema "Die missbrauchte Religion - Islamisten in Deutschland" eröffnet. Was zeigen Sie dort?

Schmalzl: Schriften, Videos, Bilder aus der islamistischen Szene, das gesamte Spektrum des Islamismus als politische Ideologie zwischen Islam und Dschihadismus. Es ist ganz wichtig, diese Begriffe auseinanderzuhalten. Der Islamismus missbraucht die Religion des Islam. Islamisten haben aber nicht schon per se etwas mit Terroristen zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie das in einer Ausstellung dar?

Schmalzl: Um das Problem des Islamismus zu transportieren, haben wir die Ausstellung plakativ, aber nicht reißerisch gestaltet. Da gibt es zum Beispiel ein Terror-Camp, das von den Islamwissenschaftlern des baden-württembergischen Verfassungsschutzes nachgebaut worden ist. Das könnte so auch in Afghanistan oder Pakistan stehen.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt das, ein Terror-Camp zum Anfassen?

Schmalzl: Die Menschen können sich besser vorstellen, wie es dort aussieht, was dort geschieht. So haben wir Aufnahmen eines libyschen Hasspredigers aus dem Internet kopiert und übersetzt, um den Leuten auf diese Weise einen Einblick zu ermöglichen. Auch in die von uns gefundene Hassliteratur können sich die Besucher reinklicken. Darüber hinaus zeigen wir Bilder zweier Attentäter des 11. September 2001 während ihres Aufenthalts in einem afghanischen Terror-Camp - dies haben bisher erst wenige gesehen.

SPIEGEL ONLINE: An wen richtet sich die Ausstellung?

Schmalzl: An alle Bürger, denn wir haben einen großen Nachholbedarf in Deutschland. Immer wieder werden Islam und Islamismus verwechselt. In Deutschland gibt es rund 32.000 Islamisten. Die wollen einen anderen Staat. Deswegen wollen wir möglichst breit dafür werben, dass man unterscheidet zwischen Islam und Islamisten. Letztere missbrauchen die Religion, sie missbrauchen 99 Prozent der Muslime in Deutschland, die mit Extremisten nichts am Hut haben.

SPIEGEL ONLINE: In der Ausstellung gibt es einen eigenen Teil über Baden-Württemberg ...

Schmalzl: ... ja, eine Station greift zum Beispiel die unrühmliche Ulmer Mudschahidin-Geschichte auf, als junge Konvertiten in den Jahren 2002 und 2003 zum Kämpfen nach Tschetschenien gingen und dort ihr Leben ließen.

SPIEGEL ONLINE: Lebt man in Baden-Württemberg gefährlicher als anderswo in der Republik?

Schmalzl: Nein. Gerade das wäre der falsche Schluss aus der Ausstellung. Der Islamismus ist ein deutschlandweites Phänomen. Man darf ihn nicht überbewerten, man darf ihn nicht unterschätzen. Wir müssen uns mit dem Islamismus genauso auseinandersetzen wie mit Rechts- und Linksextremismus.

SPIEGEL ONLINE: Aber gibt es in Baden-Württemberg mehr Islamisten als in anderen Bundesländern?

Schmalzl: Ja, wegen der Gastarbeitertradition gibt es bei uns eine auffällige islamistische Szene. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Aussicht auf Arbeitsplätze Menschen verschiedenster Gesinnung angezogen.

SPIEGEL ONLINE: Der Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung fällt nun zufällig zusammen mit den vereitelten Bombenanschlägen. War die Terrorbedrohung in Deutschland je so hoch wie heute?

Schmalzl: Wir leben in einer angespannten Sicherheitslage. Aber es gibt keinen Anlass zur Panik. Wir müssen lernen, mit dieser Bedrohung zu leben. Wir dürfen nicht verunsichert durchs Leben gehen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kann Ihre Ausstellung da helfen?

Schmalzl: Sie wird das Differenzieren erleichtern, dabei helfen, dass man Muslime nicht unter einen Generalverdacht stellt - aber auch, dass man klar erkennt, dass der politische Islamismus Durchgangsstation ist für gewaltbereite islamistische Terroristen.

Das Interview führte Sebastian Fischer



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