Islamismus Generalbundesanwalt klagt drei Hassprediger an

Sie gelten als geistige Brandstifter des Dschihad: Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen die islamistischen Hassprediger Abu Walaa, Hasan C. und Boban S. erhoben. Zu ihren Schülern gehörten spätere Terroristen wie Anis Amri.

Abu Walaa
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"Schnappt ihn euch und tötet ihn, auch wenn ihr dann ins Gefängnis gehen müsst", predigt Abu Walaa im Frühjahr 2016 in Kassel. Der Hassprediger will einen Abtrünnigen bestrafen lassen, einen Verräter, wie er ihn nennt. "Schlachtet seinen Kopf, damit die anderen es sehen und das nicht nachmachen." Es sei ihre Pflicht, peitscht der Islamist seine Zuhörer auf, die Ungläubigen zu enthaupten. Spione müsse man "foltern, prügeln", sie dürften die Moschee "nicht mehr lebend verlassen".

Die Ironie an der Geschichte ist, dass ausgerechnet ein Spion, ein Spitzel, die bluttriefenden Tiraden des Hasspredigers aus der Al-Madina-Moschee hinausträgt. Der Informant des hessischen Landeskriminalamts (LKA), VP02 genannt, berichtet seinem Kontaktbeamten in Wiesbaden von Abu Walaas Aufrufen zu Mord und Folter.

Später landen die Informationen im Düsseldorfer LKA, dessen Ermittlungsgruppe "Ventum" im Auftrag des Generalbundesanwalts zu diesem Zeitpunkt seit Monaten ein großangelegtes Ermittlungsverfahren gegen die geistigen Brandstifter des Dschihad führt. Im Zuge dessen begegnet den Staatsschützern auch der spätere Terrorist Anis Amri, der sich eine Zeit lang im Gefolge von Abu Walaa und seinen Gesinnungsgenossen bewegt.

Doch während Amri aus verschiedenen Gründen nicht gestoppt werden konnte (Lesen Sie hier die Rekonstruktion des Falls), sind die Ermittlungen des LKA nun in eine Anklage der Bundesanwaltschaft gemündet. Die Behörde von Generalbundesanwalt Peter Frank stellt den 33-jährigen Abu Walaa, der eigentlich Ahmad A. heißt, vor das Oberlandesgericht Celle. Zusammen mit den Hasspredigern Hasan C., 51, aus Duisburg und Boban S., 37, aus Dortmund wird sich Abu Walaa dort unter anderem wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung "Islamischer Staat" (IS) verantworten müssen. Der Prozess soll im September beginnen. Zuerst hatte der "Focus" über die Anklageerhebung berichtet.

Schulungen in der Hinterhofmoschee

Die Ermittlungen nehmen ihren Anfang im Herbst 2015. Dem Düsseldorfer LKA ist es zuvor gelungen, einen V-Mann in der Nähe des Hasspredigers Hasan C. zu platzieren. Der Informant - über ihn wird später bekannt, dass er schon seit Jahren als Zuträger für die nordrhein-westfälische Polizei arbeitet, bislang aber vor allem im Bereich der organisierten Kriminalität eingesetzt wurde - meldet seinem V-Mann-Führer: C. habe intensiven Kontakt zu Anil O. und Yunus S. gehabt, die als Dschihadisten nach Syrien gereist sind. Einer derer, die zuvor junge Männer im niederrheinischen Dinslaken radikalisiert haben, berichtet dem Informanten, C. habe ein Reisebüro in Duisburg und sei "den Leuten behilflich", zum IS zu kommen. Er werbe den Nachwuchs der Terrororganisation an.

In seiner Hinterhofmoschee schult Hasan C. nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden unter anderem den Teenager Yusuf T., dessen Telefonnummer die Ermittler später auch im Handy Abu Walaas finden. Die vermeintlich religiösen Unterweisungen in Duisburg-Rheinhausen sind in Wahrheit nichts anderes als Gehirnwäsche, wie die Ermittler rekonstruiert haben. Stundenlang hämmert C. den jungen Männern - unter ihnen sind Minderjährige wie T. - ein, dass die Ungläubigen überall bekämpft werden müssten, ja, dass jeder gläubige Muslim sie zu töten habe.

Bei T. fruchtet die Indoktrinierung. Der Jugendliche begeht im Frühjahr 2016 zusammen mit zwei Komplizen einen Bombenanschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen, bei dem drei Menschen verletzt werden. Ein Gericht verurteilt die Salafisten später zu Jugendstrafen. Die geistigen Brandstifter scheinen zufrieden. Informant "VP01" berichtet im Juli 2016 seinem V-Mann-Führer, Hasan C. und Boban S. hätten die Essener Attentäter gelobt. Die jugendlichen Attentäter seien zwar etwas naiv gewesen, aber die Ausführung der blutigen Tat hätten die Hassprediger als gelungen angesehen - auch wenn sie sich mehr Opfer gewünscht hätten. "Die Jungen sind Gold wert", habe Boban S. gesagt, berichtet "VP01". Was wohl bedeuten soll: Die Jungen sind verführbar.

Während C. und S. gleichsam Grundkurse in der Salafistenszene gegeben haben sollen, gilt der siebenfache Vater Abu Walaa den Ermittlern als führender Kopf des Schulungs- und Rekrutierungsnetzwerks. Auch soll Abu Walaa selbst eine Zeit lang für den IS gekämpft haben.

Der Dschihadist Anil O., der umfangreich gegen die Angeklagten ausgesagt hat, bezeichnet Abu Walaa in einer Vernehmung im Oktober 2016 als wichtigsten "Repräsentanten des IS in Deutschland". Er sei "zuständig für Ausreisen in den 'Islamischen Staat'". Die inzwischen geschlossene Hildesheimer Moschee, in der Abu Walaa regelmäßig predigte, sei der "Platz Nummer 1" für alle gewesen, die zum IS hätten ausreisen wollen, so O.

Der wichtigste Zeuge gegen das Netz von Abu Walaa

Die Bundesanwaltschaft wirft dem Hasspredigertrio vor, Anil O. über lange Zeit indoktriniert und zum Dschihad angestachelt zu haben. Nach Ansicht der Ermittler bearbeiten die Islamisten den radikalisierten O. schließlich so lange, bis er zur Ausreise bereit ist. Auch soll Abu Walaa ihm 500 Euro in einem Briefumschlag gegeben haben - Vorkasse für die Reise.

Im August 2015 fährt O. mit seiner Frau erst nach Brüssel, fliegt von dort nach Rhodos, setzt über in die Türkei und schlägt sich nach Syrien durch. Doch nach kurzer Zeit in den Reihen des IS will O. fliehen, die Gräueltaten, die Bomben, eine Zehnjährige als Sexsklavin, diesen Irrsinn hält der Student nicht aus.

Inzwischen ist Anil O. der wichtigste Zeuge gegen das Netz von Abu Walaa und wird entsprechend geschützt. Er ist mit einer Bewährungsstrafe davongekommen, weil er laut Gericht wichtige Aufklärungsarbeit geleistet hat. Von seiner Glaubwürdigkeit hängt in dem Verfahren in Celle viel ab. Die Verteidiger von Abul Walaa und Co., so steht zu vermuten, werden sich daher an dem Kronzeugen Anil O. ganz besonders abarbeiten.

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