Jens Brandenburg

Islamismus und Homophobie Das laute Schweigen über den Hass

Jens Brandenburg
Ein Gastbeitrag von Jens Brandenburg und Konstantin Kuhle (FDP)
Ein Gastbeitrag von Jens Brandenburg und Konstantin Kuhle (FDP)
Der islamistische Messeranschlag in Dresden wurde als »Touristenmord« abgetan – tatsächlich war sein Motiv wohl Homophobie. Religiös motivierte homo- und transfeindliche Hasskriminalität muss endlich klar benannt werden.
Kränze und Blumen am Tatort des islamistischen Mordanschlags in Dresden

Kränze und Blumen am Tatort des islamistischen Mordanschlags in Dresden

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xcitepress / imago images

Am 4. Oktober 2020 griff ein als islamistischer Gefährder eingestufter Täter in Dresden ein homosexuelles Paar mit einem Messer an. Eines der Opfer starb an den Verletzungen, sein Lebenspartner überlebte schwer verletzt. Während die deutsche Öffentlichkeit in großer Anteilnahme um den in Frankreich ermordeten Lehrer Samuel Paty und die Terroropfer in Nizza und Wien trauerte, blieb der Dresdener Anschlag in der öffentlichen Wahrnehmung lange eine Randnotiz. Viele Medien und Sicherheitsbehörden verklausulieren die Tat weiterhin als »Touristenmord«. Die möglicherweise explizit gegen Homosexuelle gerichtete Motivlage wurde erst viel später öffentlich. Die Bundeskanzlerin schweigt dazu bis heute. Warum tun sich die deutsche Politik und Öffentlichkeit so schwer damit, islamistische Gewalt gegen Homosexuelle zu thematisieren?

Die Gesellschaft in Deutschland ist in den vergangenen Jahren mit hoher Geschwindigkeit komplexer geworden. Die LSBTI-Bewegung hat, etwa bei der rechtlichen Gleichstellung von Homosexuellen, wichtige Erfolge erzielt. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Identitäten hat zugenommen. Von der Streichung des Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs im Jahr 1994, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, bis zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Jahr 2017 vergingen nicht einmal 23 Jahre. Gleichzeitig ist die Gesellschaft in religiöser Hinsicht vielfältiger geworden. Heute leben fast fünf Millionen Muslime in Deutschland. Aus dieser Vielfalt erwachsen Fragen an das Zusammenleben mit Nicht-Muslimen. Und aus manchen dieser Fragen erwachsen Konflikte, die selbst nach vielen Anläufen nur unbefriedigend gelöst werden können, etwa die Organisation eines islamischen Religionsunterrichts in Deutschland.

Es scheint, als wollten Teile der deutschen Politik und Öffentlichkeit sich nicht auch noch zusätzlich mit dem Verhältnis des Islam zu vielfältigen sexuellen Identitäten belasten. Diese Ignoranz ist ein Fehler, zumal die Konflikte und Vorbehalte in der radikalen Form des politischen Islam zu einer realen Bedrohung sexueller Minderheiten werden. Bei der Bekämpfung homosexuellenfeindlicher Gewalt darf es kein Wegsehen geben. Haben wir vergessen, wie ein islamistischer Täter im Jahr 2016 in Orlando bei einem Anschlag auf einen von Homosexuellen besuchten Nachtklub 49 Menschen tötete? Haben wir vergessen, dass die Terrororganisation "Islamischer Staat" im Internet Videos veröffentlicht, bei denen Homosexuelle vom Dach eines Hochhauses geworfen werden? Die Gefahr islamistischer Gewalt ist für diese Menschen real. Politik und Gesellschaft sollten sich der Problematik annehmen.

Denn die Feinde der offenen Gesellschaft warten nur darauf, Minderheiten gegeneinander auszuspielen. So ist die Diffamierung Homosexueller ein beliebtes Mittel des türkischen Präsidenten Erdogan, um Muslime und Nicht-Muslime gegeneinander aufzuhetzen. Erdogan verbreitete im Frühjahr 2020 die Thesen des Chefs seiner staatlichen Religionsbehörde, Homosexuelle seien für den Ausbruch des Coronavirus verantwortlich. Vertreter eines politischen Islam erklären die Ablehnung der Gleichstellung von Homosexuellen zum identitätspolitischen Kampf gegen die »Verwestlichung« ihrer Religion. Dabei ist der Islam gar nicht genuin homophob. Die Strafbarkeit homosexueller Handlungen in vielen islamisch geprägten Ländern geht oft auf die entsprechenden Strafnormen westlicher Kolonialmächte zurück. Und Rechtsextremisten hierzulande reiben sich die Hände, weil sie Homophobie und Diskriminierung als gute Beweise für die von ihnen propagierte Rückständigkeit des Islam begreifen – ungeachtet der nicht weniger engstirnigen Verachtung sexueller Selbstbestimmung in ihren eigenen Reihen.

Natürlich ist Homosexuellenfeindlichkeit kein spezifisch muslimisches Phänomen. Aber es gibt bei manchen Muslimen eine Einstellung, die zum Nährboden für homofeindliche Diskriminierung und Gewalt werden kann. Extremistische Ideologien bauen oftmals auf dem Fundament gesellschaftlicher Vorurteile auf. Junge Männer, die mit überhöhten Erwartungen an eine dominant-heterosexuelle Männlichkeit konfrontiert sind, kompensieren ihre Überforderung mit einer demonstrativen Ablehnung anderer Identitäten. Die fehlende offene Kommunikation über Sexualität und der Mangel an geouteten Vorbildern im persönlichen Umfeld verstärken diesen Effekt. Am meisten leiden darunter homosexuelle Muslime, die dem Spannungsfeld zwischen sexueller und religiöser Identität ausgesetzt sind und allzu oft keine Unterstützung finden. Solche Probleme sind kein Alleinstellungsmerkmal muslimischer Milieus. Doch ohne einen offenen Dialog mit den betroffenen Gruppen und vor allem ohne Debatten innerhalb dieser Gruppen lässt sich das Problem nicht lösen. Wenn sich eine starke säkulare muslimische Mitte in Deutschland herausbilden soll, die sich von Radikalität und politischer Instrumentalisierung abgrenzt, gehört dazu auch die Aufarbeitung homofeindlicher Tendenzen.

Zur Offenheit gehört zunächst eine Anerkennung der Realität. Fast drei Wochen nach dem Anschlag in Dresden wehrte der zuständige Oberstaatsanwalt bei einer Pressekonferenz die Frage nach einer homosexuellenfeindlichen Motivlage ab. Man äußere sich nicht zur sexuellen Orientierung von Tatopfern. Doch homo- und transfeindliche Hasskriminalität wird sich nur gezielt bekämpfen lassen, wenn sie sichtbar wird. Die Berliner Polizei ist bundesweit die einzige, die homo- und transfeindliche Straftaten als solche erfasst. Es wird Zeit, dieses Motiv bundesweit einheitlich zu dokumentieren, um ein öffentliches Bewusstsein und gezieltere Strategien zu entwickeln. Polizei und Justiz müssen sich bei der Anwendung des Rechts über mögliche homo- und transfeindliche Motive im Klaren sein. Auch in der Ausbildung bei Polizei und Justiz sollte die Sensibilisierung dafür eine größere Rolle spielen.

Schon die Angst vor Übergriffen darf nicht zur Gefahr für die Freiheit und Würde des Einzelnen werden. Wenn Menschen ihre Partnerin oder ihren Freund nicht küssen oder umarmen wollen, weil sie homofeindliche Diskriminierung oder Gewalt befürchten, ist das ein unhaltbarer Zustand. Nicht immer gehen solche Übergriffe von Muslimen aus – aber sie gehen auch von Muslimen aus. Und dass die Angst vor Diskriminierung auf einem bayerischen Dorfplatz auch besteht, entschuldigt nicht die Diskriminierung in bestimmten Stadtteilen deutscher Großstädte, die auch durch muslimische Einwanderung geprägt sind. Eine gesellschaftliche Debatte und ein politischer Aktionsplan gegen Homo- und Transfeindlichkeit sind daher überfällig.

In der Ausbildung künftiger Lehrkräfte und Erzieher spielen Fragen zu sexuellen und geschlechtlichen Identitäten bisher kaum eine Rolle. Dabei sind gerade sie im Alltag gefordert, junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken und Konflikte früh zu erkennen. Schulaufklärungsprojekte wie »Schlau« leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Sie ermöglichen jungen Menschen eine lebensnahe Sexualaufklärung und einen direkten Austausch mit geouteten Queers. Sie sollten endlich bundesweit etabliert, gefördert und in den Lehrplänen verankert werden. Denn kein Lehrbuch der Welt kann Vorurteile so sehr abbauen wie eine persönliche Begegnung.

Religiöse Vielfalt und sexuelle Selbstbestimmung sind keine Gegensätze. Die politische und gesellschaftliche Debatte über islamistische Hasskriminalität gegen LSBTI ist überfällig. Wer solche Debatten aus falsch verstandener Rücksichtnahme unterbindet, bereitet den Boden für mehr Diskriminierung und Gewalt. Die Lösung liegt nicht im Stillschweigen, sondern im offenen Dialog mit allen Akteuren.