Weibliche Islamisten Der Irrweg der Dschihad-Bräute

Mit ihren Töchtern zog Andrea B. aus dem Allgäu in den Dschihad nach Syrien. Sie habe dort helfen wollen, rechtfertigt sie sich vor Gericht. Ihr Fall zeigt, welche Anziehungskraft der Bürgerkrieg inzwischen auch auf weibliche Islamisten ausübt.

Andrea B. vor Gericht: "Ich habe es nicht mehr ausgehalten"
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Andrea B. vor Gericht: "Ich habe es nicht mehr ausgehalten"

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München - "Mir ging es einfach nur um die Menschen", sagt die Frau, die das Bundeskriminalamt als islamistische Gefährderin einstuft. Andrea B., 30, aus Immenstadt im Allgäu, ist Mutter zweier Töchter, Einzelhandelskauffrau - und Konvertitin. Anfang 2014 reiste sie nach Syrien, ihre Kinder nahm sie mit und ließ sie später mit einem Sturmgewehr posieren. In einer Kurznachricht schrieb sie: Wenn die Ungläubigen kommen, schieße ich ihnen mit der Kalaschnikow in den Kopf.

Der Fall, mit dem sich das Oberlandesgericht München nun befassen musste, steht beispielhaft für ein Phänomen, das deutsche Sicherheitsbehörden zunehmend beunruhigt. So steigt die Zahl der Frauen, die von Deutschland aus in den Dschihad ziehen, immer weiter an. Nach Informationen des SPIEGEL haben bereits mehr als hundert Islamistinnen den Weg in die Kampfzone angetreten. (Lesen Sie hier den Bericht "Die Töchter des Dschihad" aus dem SPIEGEL.)

Die Motive der Terror-Touristinnen sind dabei so vielfältig wie die Lebenswege der Frauen. Fast immer aber spielt die Beziehung zu einem Mann auch eine Rolle bei ihrem Entschluss. Der Trend lasse sich wohl am ehesten emotional erklären, sagte der Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King's College dem SPIEGEL: "Junge Mädchen fallen auf eine uralte romantische Idee herein: hier der strahlende Ritter, dort die erwählte Prinzessin an seiner Seite."

Von vielen Teenagern würden islamistische Kämpfer "inzwischen verehrt wie Popstars", so Neumann. "Um sie wollen sich die Mädchen kümmern, mit ihnen wollen sie zusammen sein." Hinzu komme vielleicht auch eine alterstypische Lust an der Provokation: "Der Salafismus ist die provokanteste Form des Aufbegehrens in den sehr toleranten westlichen Gesellschaften", sagt Neumann, "etwas Extremeres kann man eigentlich nicht machen".

Propaganda im Internet

Angelockt werden die Dschihad-Bräute häufig mittels Propaganda im Internet, so war es auch bei Andrea B. Im Netz lernte die frühere Katholikin, die 2012 für ihren damaligen Ehemann zum Islam konvertiert war, eine Frau aus Hessen kennen. Sie freundeten sich an. Der Ehemann ihrer neuen Bekannten kämpfte da bereits für den Qaida-Ableger Nusra-Front in Syrien. Es dauerte nicht allzu lange, da wurde Andrea B. seine Zweitfrau. Mit Flugzeug, Autos und in einem Boot schlug sie sich samt ihrer Töchter, drei und sieben Jahre alt, ins Kriegsgebiet durch.

Sie habe die Bilder aus Ägypten und später aus Syrien verfolgt, erklärte Andrea B. dem Münchner Senat. Wie Baschar al-Assad die eigene Bevölkerung terrorisiert habe. Die Aufnahmen auch von toten Kindern. "Ich habe es nicht mehr ausgehalten", so B. Sie habe helfen wollen und sich wegen ihres Glaubens dazu "gezwungen" gefühlt. Die Schreckensbilder des "Islamischen Staates" schienen sie weniger beeindruckt zu haben.

Nach eigenen Angaben verteilte B. in der Gegend von Darkush Hilfsgüter, Medikamente, Winterschuhe, Windeln. Als die Kämpfe nähergekommen seien, sagte Andrea B. vor Gericht, habe sie sich um die Sicherheit ihrer Kinder gesorgt und sei wieder zurück nach Deutschland gereist. Dort nahm die Polizei sie schließlich fest.

"Lerne schießen"

In Düsseldorf muss sich derzeit aus ähnlichen Gründen Karolina R. vor dem Oberlandesgericht verantworten. Sie war Anfang Mai 2013 mit ihrem Bruder, ihrem Mann Fared Saal und dem gemeinsamen neun Monate alten Sohn Luqmaan nach Syrien gezogen. In einem später verfassten Text, den Ermittler auf dem Computer in der Wohnung ihrer Eltern in Bonn fanden, schwärmte R. davon, "unter der Herrschaft der schwarzen Flagge zu leben - unter der Flagge des Islam".

Die junge Frau war nach dem Tod ihres Großvaters, dem sie sehr nahegestanden haben soll, zum Islam konvertiert und hatte sich schnell radikalisiert. In dem Text beschrieb sie ihre Erlebnisse in Syrien: Sie hätten in einem Dorf gelebt, es seien immer wieder Raketen und Bomben eingeschlagen. Die Männer seien tagsüber zu Kampfeinsätzen losgezogen und abends heimgekommen. In der Zwischenzeit hätten die Frauen gekocht, geputzt und sich um die Kinder gekümmert. Obschon sie nie angegriffen worden seien, rate sie doch jeder Schwester: "Lerne schießen und lerne die Waffe an sich kennen! Denn wenn es darauf ankommt, musst du sie bedienen können!"

Den deutschen Sicherheitsbehörden bereitet der anhaltende Zug der Mädchen ins Dschihad-Gebiet mittlerweile große Sorgen. Das gesellschaftliche Auftreten von Frauen mache aus ihnen "die perfekten Terroristen", so ein Geheimdienstler. Sie würden weniger kontrolliert als Männer. Zur Vorbereitung von Anschlägen seien sie also geradezu ideal.

Das Oberlandesgericht München hat Andrea B. inzwischen wegen der Entziehung Minderjähriger zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Über das Sorgerecht für die gemeinsamen Töchter verfügt Kindsvater Feyaz Ü.

Ob sich die Einstellung von Andrea B. zum Dschihad geändert hat, bleibt fraglich. Nach Angaben einer Justizvollzugsbeamtin sagte B. in der Untersuchungshaft, an ihrer Einstellung habe sich nichts geändert. Sie wolle wieder in die Türkei reisen und wünsche sich weiterhin, als Märtyrerin zu sterben. Die Angeklagte selbst beteuerte dem Gericht daraufhin, sie wolle niemanden umbringen. "Das ist einfach eine Art zu sterben."

Mit Material von dpa

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