Islamisten in Deutschland Einzeltäter sind besonders gefährlich

Die "Scharia-Polizei" in Wuppertal hat den Blick abermals auf die islamistische Szene in Deutschland gelenkt. Die Kanzlerin mahnt zur Wachsamkeit, das BKA warnt vor Dschihad-Rückkehrern und Einzeltätern.

Mutmaßlicher Terrorist Marco G. in Düsseldorf: "Ich habe einen sehr guten Plan"
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Mutmaßlicher Terrorist Marco G. in Düsseldorf: "Ich habe einen sehr guten Plan"

Von , Düsseldorf


Sie tragen dunkle, fusslige Rauschebärte, schwarze Kopftücher und setzen grimmige Mienen auf. Sie schreien "Allahu akbar", "Gott ist groß", in Saal 1 des Düsseldorfer Oberlandesgerichts. Die mutmaßlichen Terroristen Marco G., 27, und Enea B., 44, waren zuletzt die wahrscheinlich gefährlichsten Islamisten in Deutschland. Laut Anklage wollten sie mit einer Bombe im Bonner Bahnhof und mit Anschlägen auf rechtsextreme Politiker womöglich Dutzende Menschen ermorden. Doch die Pläne schlugen fehl. Seit Montag müssen sie sich nun vor Gericht verantworten.

Die insgesamt vierköpfige Terrorzelle, die sich um den aus Oldenburg stammenden Langzeitarbeitslosen G. gebildet hatte, steht beispielhaft für das wachsende Problem des Salafismus in Deutschland. Die Szene erfährt seit Jahren starken Zulauf, der Verfassungsschutz rechnet dem Spektrum inzwischen etwa 5500 junge Männer zu, viele von ihnen sind Konvertiten. Einer Studie des nordrhein-westfälischen Innenministeriums zufolge handelt es sich bei ihnen vor allem um labile Kerle aus gestörten familiären Verhältnissen, die sich von den einfachen Botschaften und der angeblichen Brüderlichkeit des islamistischen Milieus angezogen fühlen.

Diese Gescheiterten sind das große Reservoir, aus dem Menschenfischer wie die fundamentalistischen Prediger Pierre Vogel oder Ibrahim Abou-Nagie schöpfen können. Genau wie der Salafistenführer Sven Lau, der mit seiner "Scharia Polizei" in Wuppertal für großes Aufsehen gesorgt hat, bieten die Lautsprecher der Szene den Suchenden ein Wertesystem, das nur Gut und Böse kennt. Für viele scheint eine Ideologie mit strikten Regeln und die Gemeinschaft Gleichgesinnter von großer Anziehungskraft zu sein.

Die Botschaften der Hetzer

Bei diesen derart Indoktrinierten setzen dann die Hetzer an, Dschihadisten wie die Gebrüder Chouka aus Bonn-Bad Godesberg. Sie zogen schon vor Jahren in den Kampf gegen die Ungläubigen nach Waziristan und wiegeln die Szene mit geifernden Propagandavideos aus der Ferne auf. Die Mordanschläge auf Pro-NRW-Politiker waren offenbar auch von den Hassbotschaften der Choukas inspiriert. Propagandisten wie der ehemalige Berliner Gangster-Rapper Denis Cuspert rufen zudem die Szene dazu auf, sich im syrischen Bürgerkrieg zu engagieren.

Tatsächlich zieht der Syrien-Konflikt schon deutlich mehr Freiwillige aus Europa an als seinerzeit der ferne Krieg in Afghanistan. Inzwischen sind nach Angaben aus Sicherheitskreisen mehr als 400 Gotteskrieger aus der Bundesrepublik in das Krisengebiet gereist, ein Drittel davon ist bereits zurückgekehrt. Von denen wiederum haben sich etwa 25 an Kämpfen beteiligt. Rund 40 Dschihadisten aus Deutschland sind gestorben, ein halbes Dutzend von ihnen bei Selbstmordanschlägen.

In seinem vertraulichen "Gefährdungslagebild Politisch motivierte Kriminalität" warnt das Bundeskriminalamt (BKA) daher vor dem "hohen Sicherheitsrisiko" der aus Syrien zurückkehrenden Dschihadisten und einer "anhaltenden Bedrohung" durch islamistische Terroristen. Wie bei den verhinderten Bonner Attentätern, die laut Anklage Provokationen der rechtsextremen Partei Pro NRW rächen wollten, gewinnt dem BKA zufolge die Strategie des "individuellen Dschihads" stetig an Bedeutung. Sogenannte "Lone Offender", also einzelne Angreifer, seien nur schwer aufzuspüren, ihre Taten kaum zu verhindern.

Merkel mahnt zur Wachsamkeit

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) rief in einem Fernsehinterview zu Wachsamkeit auf, auch wenn "keine spezifischen Hinweise auf eine terroristische Bedrohung" vorlägen.

Dass auch andere Konflikte in der Welt die islamistische Szene in Deutschland zu bewegen scheinen, zeigen die jüngsten Festnahmen der Bundesanwaltschaft. Am Frankfurter Flughafen konnten Beamte am Montag die Dschihadisten Steven N., 26, Abdullah W., 28 und dessen Bruder Abdulsalam W., 23, festnehmen. Sie sollen sich in Somalia der islamistischen Schabab-Miliz angeschlossen und an bewaffneten Kämpfen beteiligt haben. Die Miliz, die einen Gottesstaat am Horn von Afrika errichten will, hat sich unter anderem zu dem Überfall auf das "Westgate"-Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi im September letzten Jahres bekannt.

Auch in Bayern kam es gerade wieder zu Festnahmen: An der deutsch-österreichischen Grenze stoppte die Polizei zwei mutmaßliche Salafisten. Gegen beide Männer sei Haftbefehl erlassen worden, so eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I am Dienstag. Gegen einen der beiden, einen 24-jährigen aus dem Kosovo stammenden Mann, werde wegen Anwerbens von Dschihad-Kämpfern in Deutschland ermittelt.

In einer Mail an einen Freund schrieb der mutmaßliche Terrorist Marco G. im Januar 2011: "Geliebter Bruder, ich habe einen sehr guten Plan, wie wir gegen die dreckigen Kuffar (Ungläubigen; Anm. d. Red) vorgehen können und Allahs Barmherzigkeit und Wahrgefallen (…) erlangen können." Wenig später brachte er sich bei, eine Bombe zu bauen.

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