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Alexander Neubacher

Die Gegendarstellung Bella Italia, wir kommen

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Fahren Sie nach Italien, genießen Sie die Lebensart! Aber sprechen Sie bloß nicht über Geld.
aus DER SPIEGEL 24/2020
Strand bei Rom

Strand bei Rom

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Samantha Zucchi/ imago images/Insidefoto

Italien hat seine Grenzen für Touristen wieder geöffnet. Weil in wenigen Tagen auch die Reisewarnung der Bundesregierung wegfällt, steht dem Sommerurlaub im Sehnsuchtsland der Deutschen nichts mehr im Weg: Bella Italia, hurra, wir kommen!

Reisende sollten sich dieses Jahr allerdings besonders große Mühe geben, die Gefühle ihrer Gastgeber nicht zu verletzen. Es ist ja erst wenige Wochen her, dass man im Corona-gebeutelten Italien den Eindruck hatte, die deutsch-italienische Freundschaft werde am germanischen Geiz zerbrechen.

Ein Senator der in Rom mitregierenden Fünf-Sterne-Partei sagte, man habe genug vom "Diktat der Enkel Hitlers". Zigtausende Italiener teilten das Video eines bekannten Schauspielers, der den Deutschen bescheinigte, sie seien "gnadenlos arrogant" und hielten sich "noch immer für eine Herrenrasse". Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte heizte die Stimmung an, indem er den Deutschen nationalen Egoismus vorwarf, weil sie gegen Corona-Bonds waren.

Ein Glück für deutsche Urlauber, dass sich Angela Merkel mit Frankreichs Präsident Macron plötzlich doch für ein 750-Milliarden-Euro-Hilfsprogramm der EU einsetzte. Das meiste Geld, mehr als 170 Milliarden Euro, soll Italien bekommen, davon gut 80 Milliarden geschenkt. Welcher Italiener hätte geglaubt, dass die Deutschen so großzügig sein können?

Als Geizhälse gelten jetzt die Niederländer, die mit Österreichern, Schweden und Dänen den Geschenkteil im Hilfsprogramm noch stoppen wollen. Man fragt sich, wo die Holländer dieses Jahr Urlaub machen.

Welche Themen sollte man als Deutscher vermeiden, um die zarten Bande zwischen Deutschland und Italien nicht gleich wieder zu zerreißen? Mein Rat lautet: Sprechen Sie über nichts, was mit Geld zu tun hat. Hier einige Beispiele.

  • Italien ist hoch verschuldet, gibt gerade aber schon wieder drei Milliarden Euro Staatsgeld für Alitalia aus, obwohl diese, anders als die Lufthansa, seit Jahren Verluste schreibt? Schwamm drüber!

  • Der Autokonzern Fiat Chrysler soll einen staatlich garantierten Kredit von 6,3 Milliarden Euro bekommen? Augen zu und durch!

  • Das italienische Finanzministerium legt – exklusiv für Großinvestoren und italienische Sparer – eine hoch verzinste Anleihe auf, von der Sparer in Deutschland nur träumen können? Egal, man will ja nicht kleinlich wirken.

Sollten Sie sich darüber wundern, warum der italienische Durchschnittshaushalt mehr Privatvermögen besitzt als der deutsche, dann wundern Sie sich still. Und gucken Sie nicht neidisch, wenn Sie erfahren, dass Ihr geringverdienender italienischer Miturlauber gerade bis zu 500 Euro Urlaubsgeld vom Staat geschenkt bekommen soll, unter der Bedingung, dass das Geld in Italien bleibt.

Mein Ferientipp 2020: Reisen Sie nach Italien, erfreuen Sie sich an der italienischen Lebensart! Aber fragen Sie sich nicht, wer am Ende bezahlt. Ihre Urlaubsfreude könnte leiden.

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