Jahresbericht des Wehrbeauftragten Stimmung schlecht, Soldaten verunsichert

Zu wenig Hubschrauber in Afghanistan, fehlende Psychologen, schlechte Stimmung - der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hat seinen Jahresbericht zum Zustand der Truppe vorgelegt; seine Liste der Mängel ist lang. Viele Soldaten seien wegen der Neuausrichtung der Streitkräfte verunsichert.

Jahresbericht zum Zustand der Bundeswehr: "tiefgreifende Verunsicherung" in der Truppe
dapd

Jahresbericht zum Zustand der Bundeswehr: "tiefgreifende Verunsicherung" in der Truppe


Berlin - Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), beklagt in seinem Jahresbericht "eine schlechte Stimmung" und "tiefgreifende Verunsicherung" unter den Soldaten der deutschen Bundeswehr. Dies habe vor allem mit der Neuausrichtung der Truppe zu tun, die eine "Ungewissheit über die eigene Zukunft" hervorrufe. "Dennoch ist noch immer eine hohe Leistungsbereitschaft und Motivation zu spüren", heißt es in seinem Report.

Darin listet Königshaus von Ausrüstungsmängeln bis Führungsversagen Missstände bei den Streitkräften auf, die ihm in den vergangenen Monaten gemeldet wurden oder die er selbst bei Truppenbesuchen festgestellt hat.

Sein Bericht fällt in eine Zeit des Umbruchs bei der Bundeswehr: Erst vor einem halben Jahr wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, die drastische Verkleinerung der Truppe ist in vollem Gange. Trotz der grundlegenden Bundeswehrreform wenden sich immer weniger Soldaten mit ihren Sorgen an den Wehrbeauftragten des Bundestags. Im vergangenen Jahr registrierte Königshaus 4864 Eingaben. Dies ist der niedrigste Stand seit der deutschen Einheit.

70 Prozent der Soldaten pendeln

Der Wehrbeauftragte kommt in seinem Bericht auch auf das überarbeitete Standortkonzept der Bundeswehr zu sprechen - eine Folge der Neuausrichtung. Die Chance, im Rahmen der Bundeswehrreform "langfristig durch eine regionale Zusammenfassung von Verbänden und Schulen lange Anfahrtswege und Abwesenheiten von der Familie zu reduzieren, wurde leider vertan", kritisiert Königshaus.

Weiterhin gebe es eine sehr hohe Quote an Pendlern, etwa 70 Prozent der Soldaten würden mittlerweile zwischen ihrem Wohn- und Dienstort pendeln, viele von ihnen über mehrere hundert Kilometer. "Dies bringt erhebliche Belastungen für die Betroffenen und ihre Angehörigen mit sich."

Eine Folge dieser häufigen Abwesenheit von zu Hause sind zum Teil extrem hohe Trennungs- und Scheidungsraten - in einzelnen Bereichen liegen diese bei bis zu 80 Prozent. Vielen Soldaten fiele es generell schwer, ein soziales Umfeld aufzubauen. "Das ist eine Entwicklung, die das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform gefährdet", heißt es in dem Bericht weiter.

Zahl der traumatisierten Soldaten steigt

Die Zahl der Traumatisierten stieg 2011 weiter an und erreichte mit 922 Betroffenen einen Höchststand. Immer noch gebe es zu wenig Psychologen und Psychiater in der Bundeswehr, kritisiert der Wehrbeauftragte. Er fordert, dass die Betreuung und Versorgung der Verwundeten und Traumatisierten zentralisiert und "vom Dienstherrn aktiv und umfassend" wahrgenommen werden muss.

Im vergangenen Jahr wurden sieben Soldaten bei Auslandseinsätzen getötet, 63 Soldaten erlitten Verletzungen, zum Teil schwere. Darunter waren 19 Soldaten, die bei Auseinandersetzungen an der kosovarisch-serbischen Grenze verwundet wurden.

Zu wenig Hubschrauber in Afghanistan

Königshaus bemängelt nach wie vor auch die Ausrüstung der Soldaten: Zwar seien in Afghanistan mehr geschützte Fahrzeuge im Einsatz gewesen, die Lage im Lufttransport habe sich aber noch einmal verschlechtert. Statt acht stünden in Afghanistan nur noch sechs Hubschrauber des Typs CH-53 zur Verfügung, so der Wehrbeauftragte. Die Zahl der Hubschrauberflugstunden im Einsatz hätte von 1600 auf 1200 reduziert werden müssen. Verwundete könnten nur mit Hilfe der Verbündeten transportiert werden.

Als alarmierend bezeichnet der Wehrbeauftragte, dass in der Ausbildung Handfeuerwaffen und Übungs- sowie Gefechtsmunition für diese Waffen fehlten. Die "allgemeine sowie einsatzvorbereitende Schießausbildung" sei dadurch erheblich eingeschränkt gewesen.

Die Versorgung der Soldaten habe sie durch das sogenannte Einsatzversorgungs-Verbesserungsgesetz im Falle von Verwundung, Traumatisierung und Tod erheblich verbessert. Beim Geltendmachen von Ansprüchen gebe es allerdings massive Probleme, wie Königshaus moniert. Die Verfahren seien zu kompliziert und dauerten zu lange. "Hier ist dringend Abhilfe nötig."

Weniger rechtsextremistische Vorfälle

Weiterhin bemängelt Königshaus die schlechten Rahmenbedingungen des Dienstes. Es gebe "erhebliche Beförderungsstaus", weil Planstellen fehlten. Beim Sanitätsdienst würde es immer noch an Personal mangeln - um die Versorgung auch im Einsatz gewährleisten zu können, müsste auf private Ärzte und Einrichtungen zurückgegriffen werden.

Die Zahl rechtsextremistischer Vorfälle in der Bundeswehr ging 2011 erneut deutlich zurück. Bei den 63 Fällen habe es sich um sogenannte Propagandadelikte gehandelt, etwa das Hören rechtsextremistischer Musik, das Zeigen des Hitlergrußes oder Sieg-Heil-Rufe. Im Vorjahr 2010 wurden 82 Fälle gezählt, 2009 waren es noch 122. "Insbesondere jungen Mannschaftssoldaten fehlte in vielen Fällen die nötige Reife, ihr unbotmäßiges Handeln zu erkennen." Bedenklich sei allerdings, dass vereinzelt auch Unteroffiziere auffällig geworden seien.

heb/aar/dapd/Reuters/dpa

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Seite 1
Kurt2.1 24.01.2012
1. #1
Zitat von sysopZu wenig Hubschrauber in Afghanistan, fehlende Psychologen, schlechte Stimmung*- der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hat seinen Jahresbericht zum Zustand der Truppe vorgelegt, und seine Liste der Mängel ist lang. Viele Soldaten seien wegen der Neuausrichtung der Streitkräfte verunsichert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811020,00.html
Ein Land, dass die Wehrpflicht abgeschafft hat, braucht auch keinen Wehrbeauftragten mehr. Niemand wird gezwungen, Soldat zu werden. Vielleicht hat Niebel noch einen Posten für seinen Parteikollegen.
HerrPausB 24.01.2012
2. Skandalös
Zitat von sysopZu wenig Hubschrauber in Afghanistan, fehlende Psychologen, schlechte Stimmung*- der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hat seinen Jahresbericht zum Zustand der Truppe vorgelegt, und seine Liste der Mängel ist lang. Viele Soldaten seien wegen der Neuausrichtung der Streitkräfte verunsichert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811020,00.html
Nur eine Anmerkung: Was sich die Bundeswehr im Zusammenhang mit der Anschaffung und Einführung des NH 90 und des Kampfhubschraubers Tiger geleistet hat, ist schlicht skandalös, eine unglaubliche Verschwendung von Steuermitteln und ein völliges Versagen der Planung. Ähnliches gilt für die neue Korvettenklasse. Die verantwortlichen Ministerialbeamten (-offiziere) möchte ich einmal in einer Pressekonferenz sehen. Komme mir keiner mit veränderten Szenarien...nicht bei einem Kampfhubschrauber und einem mittleren Transporthubschrauber.
bmehrens 24.01.2012
3. Stimmung
Zitat von sysopZu wenig Hubschrauber in Afghanistan, fehlende Psychologen, schlechte Stimmung*- der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hat seinen Jahresbericht zum Zustand der Truppe vorgelegt, und seine Liste der Mängel ist lang. Viele Soldaten seien wegen der Neuausrichtung der Streitkräfte verunsichert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811020,00.html
Naja, traumatisiert, schön und gut, aber fällt das nicht "neudeutsch" unter Burn-out? In der Mängelliste nicht aufgeführt: fehlende Hängematten. Empfehlung: RAUS aus der BW - rein in die Privatwirtschaft! Meine Stimmung ist auch schlecht, immer will mein Sohn meinen Hubschrauber! Und zu mir hat sich der BP mit seiner Frau auch nicht angemeldet.
HerrPausB 24.01.2012
4. Sorry, ich meinte Braunschweig-Klasse
...was die Korvetten angeht...
Niamey 24.01.2012
5. Jahrebericht der Wehrbeauftragten
Zitat von Kurt2.1Ein Land, dass die Wehrpflicht abgeschafft hat, braucht auch keinen Wehrbeauftragten mehr. Niemand wird gezwungen, Soldat zu werden. Vielleicht hat Niebel noch einen Posten für seinen Parteikollegen.
Ja, leider hat dieses Land, wie so viele andere wichtige Sachen auch, die Wehrpflicht abgeschafft. Dieses populistische Getue wird sich in nicht allzu ferner Zukunft rächen. Ausserdem wird unsere Demokratie ja am Hindukusch verteidigt. Das unsere Politiker unsere jungen Leute ohne ordentliche Ausrüstung dorthin schicken, bedeutet sie wissend in den Tod zu schicken. Ein Fall für den Staatsanwalt. Das ist nicht das erste Mal, dass unsere Soldaten mit schlechter bis fehlender Ausrüstung und Übungsmöglichkeiten an die Front geschickt werden. Einfach mal im Internet danach suchen ;-)
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