Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Das letzte Gefecht

Der Kampf um die Homo-Ehe ist das letzte Gefecht der deutschen Konservativen. Die Kirche muss nicht mit der Zeit gehen - die Politik muss es. Aber mit einem Massenthema hat man es hier nicht gerade zu tun.

"Ich glaube, man kann nicht nur von einer Niederlage der christlichen Prinzipien, sondern von einer Niederlage für die Menschheit sprechen." Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sagte das, nachdem die Iren sich am vergangenen Freitag in einem Referendum für die Homo-Ehe ausgesprochen hatten. Rom ist immer noch der Ort der großen Worte. Wo sonst kann man Aussagen über die Menschheit als solche treffen? Jeder Spott über die Rückständigkeit der Kirche wäre aber wohlfeil. Die Politik muss mit der Zeit gehen - die Kirche muss es nicht.

Was ist die Ehe? Worin besteht ihr besonderer Status? Welche Rolle soll der Staat da spielen? Der Vatikan hat da noch klare Vorstellungen. In Deutschland ist bei diesen Fragen der logische Zusammenhang längst gerissen. Kein Wunder. In der mehr oder minder aufgeklärten Gesellschaft mischen sich Politik und Religion nicht gut.

Der Apostel Paulus sagt im Epheser-Brief, Mann und Frau sind miteinander verheiratet wie Christus und die Kirche. Mehr geht nicht. Darum ist die Ehe eines der sieben Sakramente, und zwar die Ehe zwischen Mann und Frau. Die irischen Katholiken konnten der Homo-Ehe nur zustimmen, weil der Konservative Martin Mosebach recht hatte, als er jetzt im SPIEGEL sagte: "In der Gegenwart haben wir es mit einer Reduktion der Religion zu tun: Ihre transzendentale Dimension droht unsichtbar zu werden." (Lesen Sie hier das vollständige Interview.)

Auf den Vorwurf, die Kirche entferne sich von ihrer Basis, sagte Mosebach: "Der augenblickliche Zustand der Gesellschaft ist nicht die Basis der Kirche." Für die Politik gilt das nicht. Sie muss gegenwärtig sein, nicht transzendental. Darum frohlockten auch die Schwulen in Deutschland nach dem irischen Ergebnis.

Der Grünen-Spitzenpolitiker Volker Beck sagte triumphierend: "Angela Merkel muss sich fragen, ob sie dauerhaft bei dieser Frage gegen die Mehrheit der Bevölkerung, des Bundestags und des Bundesrats regieren möchte." So klingt der drängende Alarmton des Aktivisten. Ein Blick auf die Zahlen mindert die Dringlichkeit ein wenig: Es gibt rund 18 Millionen mehr oder minder heterosexuelle Ehepaare in Deutschland - und etwa 35.000 eingetragene homosexuelle Lebenspartnerschaften. Mit einem Massenthema hat man es hier nicht gerade zu tun.

"Merkel muss nur noch auf den Zug aufspringen"

"Ich hoffe, Angela Merkel setzt sich endlich über die Blockierer in der CDU hinweg", sagte der Vorsitzende des Bundesverbands der Lesben und Schwulen in der CDU, Alexander Vogt. Und da er offenbar nicht viel von der politischen Initiativkraft seiner Kanzlerin hält, fügte Vogt noch hinzu: "Frau Merkel braucht nicht einmal mehr voranpreschen. Sie muss nur noch auf den Zug aufspringen."

Tatsächlich: Wenn man in Deutschland ein Referendum abhielte, das Ergebnis würde wohl ähnlich ausfallen wie in Irland: Schon vor zwei Jahren befand eine Studie, dass zwei Drittel der Deutschen eine völlige Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der traditionellen Ehe begrüßen würden.

Die Leute sind vernünftig. Die besondere Stellung der Ehe ist mit dem Gesetz zur Lebenspartnerschaft ohnehin angeknackst. Geht es um den Fortbestand des Staates? Dann ist nicht zu erklären, warum kinderlose heterosexuelle Ehen förderungswürdiger sein sollen als homosexuelle Lebenspartnerschaften, in denen ein adoptiertes Kind lebt. Der Widerstand gegen die Homo-Ehe ist das letzte Gefecht des deutschen Konservatismus. Und nur noch ein konservativer Restvorbehalt steht der Homo-Ehe entgegen.

Die Kanzlerin selber formulierte ihn im Wahlkampfjahr 2013 auf genial schlichte Art so: "Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der kompletten Gleichstellung." Da ging es um das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare und Merkel sagte, sie sei "unsicher" was das Kindeswohl anbelangt.

Aber die Art von Konservatismus, die mit gesellschaftlicher Liberalisierung Probleme hat, wird selten in Deutschland. Der knarzige Konservative von einst, mit einer Tasse Tee und knisterndem Kandis, ist ästhetisch und politisch ein schwindendes Phänomen. Selbst die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" fügt der Feststellung "Die Samenbank ist nicht die Keimzelle der Gesellschaft" schon die bange Frage hinterher: "Ist das konservativ?"

Die Grünen haben Ende vergangenen Jahres vorgerechnet, dass es 150 Änderungen in 54 Gesetzen bedürfe, um die "verpartnerten" Menschen mit den "verheirateten" gesetzlich gleichzustellen. Oder eine einzige Änderung, mit der das Recht auf die Ehe auf alle Menschen ausgedehnt wird.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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