Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Er kann es

Peer Steinbrück hat das Fernsehduell gewonnen. Am Sonntagabend konnten die Wähler sehen: Dieser Mann wäre ein guter Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Wählen werden sie ihn trotzdem nicht.
Peer Steinbrück: Hat seine Sache großartig gemacht

Peer Steinbrück: Hat seine Sache großartig gemacht

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

"Der ist voll nett." So lautete das Urteil meiner Kinder über Peer Steinbrück. Das war interessant. Weil sie den Gegenwind mitbekommen hatten, der dem Kandidaten der SPD bisher entgegengeschlagen war. Aber Steinbrück hat seine Sache im TV-Duell mit Merkel am Sonntagabend großartig gemacht (Minutenprotokoll hier, Fakten-Check hier). Wenn die Wahl zum Deutschen Bundestag in jenem Studio in Berlin-Adlershof entschieden worden wäre, dann hätte Deutschland jetzt einen neuen Kanzler. Es gibt diese Duelle seit dem Jahr 2002, dieses hier war erst das vierte. Bisher bedeutete der Auftritt der Kontrahenten im Studio nichts für den Ausgang der Wahl. Das wäre auch viel verlangt: In 90 Minuten ist nicht die Stimmung zu drehen, die sich in Monaten gebildet hat.

Aber das Fernsehen kann zu Momenten der Wahrheit zwingen, die uns sonst im Zeitalter der Postdemokratie verborgen bleiben, wo die wahre Politik unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht wird. Und in so einem Moment der Wahrheit ist Angela Merkel am Sonntagabend gescheitert. Bisher hatte die Kanzlerin eine klare Haltung in diesem Wahlkampf. Wahl? Wenn es sein muss. Kampf? Auf keinen Fall! Seit Wochen führt Merkel die Auseinandersetzung mit Steinbrück, indem sie der Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Sie verlegte sich gar darauf, den Namen ihres Kontrahenten nicht in den Mund zu nehmen. Das ließ sich nun im TV-Duell nicht vermeiden. Das ist dem Format geschuldet. Merkel musste sich Steinbrück stellen - und sie war ihm nicht gewachsen.

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TV-Duell: Merkel gegen Steinbrück

Foto: AP

Im Wahlkampf 2009 hatte Angela Merkel auf eine Strategie gesetzt, die gut für sie und schlimm für die Demokratie war: asymmetrische Demobilisierung. Möglichst wenige Leute sollen sich für Politik interessieren und zur Wahl gehen - aber von der Gegenseite noch weniger. Es ging darum, das Politische aus der Politik nehmen. Wir erleben gerade, wie sie diese Strategie wiederholt - bislang mit Erfolg. Nur an diesem Abend, da kam die Kanzlerin damit nicht durch.

Wir haben am Sonntag eine müde und beinahe desinteressiert wirkende Kanzlerin erlebt und einen lebendigen, angriffslustigen Herausforderer.

Das war umso bemerkenswerter, als es Steinbrück gelungen ist, diesen Eindruck gleichsam gegen das Thema zu erwecken. Politik, das muss man nach diesem Abend feststellen, ist in Deutschland eine ziemlich nüchterne Angelegenheit. Es geht um Rentenpunkte und Sofortmaßnahmen und Doppelstrategien und Erziehungszeiten und noch jede Menge andere Komposita, die die deutsche Sprache so zu bieten hat. Es geht wenig um Leidenschaften und Überzeugungen und Werte. Und wenn, dann hat Peer Steinbrück dafür gesorgt.

Raab traf Steinbrücks Ton

Er musste das übrigens auch gegen die Moderatoren durchsetzen. Sie haben ihre Sache ordentlich gemacht. Nicht glänzend. Vor ein paar Tagen hatte Maybrit Illner gesagt: "Unsere Aufgabe wird sein, den beiden Antworten zu entlocken, die keine Routineantworten sind. Betrachten Sie es doch sportlich: Das kriegen wir vielleicht hin." Nein, das ist nicht gelungen. In Wahrheit hätte es für dieses TV-Duell gar keiner Moderatoren bedurft. In der Viererrunde fiel nur einer wirklich auf - noch ein Mann, der seine Sache gut machte: Stefan Raab. Er verzichtete darauf, den Clown zu spielen. Stattdessen machte er mit Charme und Witz die Arbeit eines Journalisten. Das war klug und mutig.

Raab lieferte sich mit Steinbrück ein paar Wortwechsel, die man gerne häufiger im Fernsehen erleben würde, wenn Journalisten mit Politikern reden. Raab traf Steinbrücks Ton.

Und dem Mann, der als Finanzminister an der Deregulierung des Finanzsektors mitgewirkt hat, glaubte man plötzlich, dass er gegen die Banken vorgehen will. Dem Mann, der als Redner und Autor reich geworden ist, glaubte man plötzlich, dass er die Interessen der Armen im Blick hat. Dem Mann, der nie wie der Wunschkandidat seiner Partei wirkte, glaubte man plötzlich, ein Sozialdemokrat zu sein.

Und was das Thema Bürgerrechte anging und den Umgang mit den Spitzeln von der NSA, ließ Steinbrück es nicht an den klaren Worten fehlen, um die sich ausgerechnet die Ostdeutsche Merkel immer noch herumdrückt.

Steinbrück hat an diesem Sonntagabend den Grund geliefert, die SPD zu wählen: soziale Gerechtigkeit. Das muss eine Erleichterung für die gebeutelten Sozialdemokraten gewesen sein, die in den vergangenen Monaten an ihrer Partei irre geworden sind. Und eine Versuchung für jene, die noch nicht recht wissen, wem sie zuneigen sollten. Mehr kann man in so einem TV-Duell nicht erreichen: Stammwähler stärken, Wechselwähler anziehen. Wird das für einen Sieg bei der Bundestagswahl reichen? Nein, so funktioniert die Politik in Deutschland nicht. Leider.

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