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Fall Böhmermann Zwei Drittel der Deutschen gegen Strafverfahren

Die Deutschen stehen hinter dem Satiriker Jan Böhmermann - nicht hinter der Kanzlerin: Einer Umfrage zufolge halten 66 Prozent der Deutschen die Merkel-Entscheidung, ein Strafverfahren zuzulassen, für falsch.

Im Fall Böhmermann steht eine deutliche Mehrheit der Deutschen auf der Seite des TV-Moderators und Satirikers und damit gegen die Bundeskanzlerin. Einer Umfrage zufolge halten zwei Drittel die Entscheidung von Angela Merkel in dem Fall für falsch. 66 Prozent sprachen sich gegen die Ermächtigung für ein Strafverfahren gegen den Satiriker Jan Böhmermann wegen Beleidigung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aus, wie aus der Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Emnid für die "Bild am Sonntag"  ("BamS") hervorgeht. Nur 22 Prozent halten den Beschluss für richtig, zwölf Prozent sind unentschieden.

Emnid hatte demnach 500 repräsentativ ausgewählte Personen am Freitagnachmittag befragt. Die Ablehnung von Merkels Entscheidung ist in der Union mit 62 Prozent fast genauso hoch wie in der SPD mit 63 Prozent. Die Zustimmung lag bei den SPD-Wählern bei 26 Prozent und bei CDU/CSU bei 29 Prozent.

Video: Merkels Erklärung zum Strafverfahren

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Wegen eines Schmähgedichts von Böhmermann hatte die Türkei die Aufnahme eines Ermittlungsverfahrens wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes nach Paragraf 103 des Strafgesetzbuches verlangt. Dem gab die Bundesregierung am Freitag statt. Merkel kündigte zugleich die Abschaffung des Paragrafen bis 2018 an.

Margot Käßmann kritisiert Böhmermann

Auch die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hält die Entscheidung Merkels für falsch. Zugleich griff Käßmann den Moderator wegen seines Abtauchens in der Affäre an. In der "BamS" schreibt sie: "Wer so scharf angreift, muss mit Gegenwind rechnen." Schön sei es nicht, was da an Beschimpfungen komme, auch ihr krümme sich der Magen, schreibt die Ex-EKD-Vorsitzende, "aber sich jetzt wegducken ist nicht die richtige Antwort. Wer austeilt, muss auch einstecken".

Jan Böhmermann solle seine Sendung weiterführen, so Käßmann: "Ein beleidigter türkischer Präsident kann doch hierzulande nicht alles auf den Kopf stellen." Sie kritisierte auch das ZDF dafür, den Beitrag mit dem umstrittenen Schmähgedicht aus der Mediathek genommen zu haben, und forderte den Sender auf, den Beitrag wieder ins Netz zu stellen.

Böhmermann selbst hält sich indes weiter aus der Öffentlichkeit zurück: Bereits am Samstag hatte der Moderator via Facebook seine Fernsehpause bis Mitte Mai angekündigt. Am Sonntag sagte ein Sprecher des Rundfunks Berlin-Brandenburg, dass es im April auch keine weitere Ausgabe der Radiosendung "Sanft & Sorgfältig" geben werde, die Böhmermann gemeinsam mit dem Sänger und Entertainer Olli Schulz moderiert.

nck/Reuters/dpa
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