S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Protest der Glücksverwöhnten

Niemand lebt gerne in der Einflugschneise eines Flughafens. Seltsam nur, dass ausgerechnet die am heftigsten protestieren, die man am häufigsten in der Schlange vor dem Check-in-Schalter sieht - und wissen müssten, dass unser Wohlstand nicht ganz ohne Lärm zu haben ist.

Eine Kolumne von


Wie gut, dass es noch andere Probleme als den Euro gibt. Die Ruhe in den eigenen vier Wänden zum Beispiel, respektive im Garten davor. Seit Wochen hören wir, dass die Währungsunion vor dem Kollaps steht und der Weltwirtschaft die größte anzunehmende Krise droht, aber bevor es soweit ist und alles zusammen fällt, sind die Bürger Münchens jetzt erst einmal aufgefordert, sich den Fluglärm über ihren Köpfen vom Halse zu halten.

Am kommenden Sonntag, wenn die Griechen über ihre Zukunft in Europa entscheiden, werden die Bewohner der bayerischen Landeshauptstadt über den Bau einer dritten Start- und Landebahn an ihrem Flughafen abstimmen. Seit Monaten trommeln Bürgerinitiativen gegen das Projekt, das der Region neben schätzungsweise 11.000 neuen Arbeitsplätzen leider auch mehr Maschinen am Himmel bringen wird. Glaubt man den Grünen, die diese Protestbewegung anführen, dann liegt unser Athen im Erdinger Moos.

Denn natürlich geht es nicht nur um ein paar Dezibel mehr oder weniger - so wie es auch in Berlin oder Frankfurt, wo sich seit Monaten ebenfalls Menschen gegen die Flughäfen zusammenfinden, nicht nur um den Kampf gegen die "Lärmhölle" und den "Schadstoffterror" geht. Der gesamte moderne Glaube an Wachstum und Fortschritt steht zur Abstimmung, die vermaledeite Annahme, das alles immer größer werden muss. Auch in München stellt sich am Sonntag damit so gesehen die Systemfrage.

Der typische Protestler? Pensionierte Bankvorstände

Irgendwie kann man die Proteste ja verstehen. Niemand lebt gerne in der Einflugschneise eines Flughafens. Ein Problem, das sofort ins Auge fällt, ist nur: Die gleichen Leute, die jetzt so vehement ihr Recht auf Ruhe einfordern, sind die ersten, die sich in die Schlange am Check-In-Schalter einreihen, wenn es zum dritten Jahresurlaub nach Mallorca oder auf die Malediven geht.

Dazu kommt die merkwürdige soziale Schieflage. In Frankfurt begannen die Proteste, als die Flugzeuge mit der neuen Landebahn Nordwest auch über Sachsenhausen und Niederrad auftauchten, also den wohlhabenden Gegenden, in denen sich nie jemand über Nachtflugverbote und Emissionsschutz Gedanken gemacht hatte, so lange die unangenehmen Folgen des Flughafenbetriebs auf die weniger idyllischen Vororte beschränkt waren.

Als typischen Protestler machte der "FAZ"-Herausgeber Werner D'Inka aus der Nahbeobachtung dieser Klientel den pensionierten Bankvorstand aus, "der, als er noch im Beruf war, fünf mal in der Woche irgendwo hinflog, jetzt aber empört sein CDU-Parteibuch zurückgibt, weil über seinem Haus Fluglärm herrscht". Man sollte meinen, dass ein Mangel an Gelegenheiten für einen erholsamen Schlaf das geringste Problem von Leuten jenseits der 60 ist, aber offensichtlich wächst das Ruhebedürfnis überproportional mit dem Alter.

Glücksverwöhnte Bürger

"Glückssüchtig" hat Joachim Gauck das Land gerade genannt. Man kann auch noch etwas schärfer urteilen, und es glücksverwöhnt nennen, jedenfalls in den Teilen, in denen man die eigentliche Wertschöpfung weitgehend anderen überlässt. Der Blick auf die armen Nachbarn im Euro-Verbund verstellt möglicherweise die Erkenntnis, dass auch unser Wohlstand nicht gottgegeben ist.

Tatsächlich steht Deutschland im europäischen Vergleich unter anderem deshalb so gut da, weil es im Gegensatz zu vielen westlichen Industrieländern noch immer über eine nennenswerte Industrie verfügt. Anders als etwa Spanien oder Italien, die schon vor langem damit begonnen haben, auf eine Ausweitung des ökologisch unbedenklichen Staatsapparates zu setzen, bezieht die Bundesrepublik noch immer fast 30 Prozent ihres Wohlstandes aus der Herstellung exportfähiger Waren und Güter. Leider bringt es diese Produktion mit sich, dass es dabei manchmal ein wenig lauter zugeht oder etwas in die Luft oder ins Wasser gerät, was dort nicht hingehört. Luftfahrtgesellschaften gelten noch nicht einmal als Industrie, Emissionen produzieren sie leider trotzdem.

Im SPIEGEL hat mein Kollege Alexander Neubacher gerade in einem bemerkenswerten Artikel auf die Kurzsichtigkeit der Fortschrittsskepsis hingewiesen, die alle Umweltbewegungen verbindet. Die Annahme, dass weniger Wachstum die Lösung aller Probleme sei, ist ziemlich naiv, um das Mindeste zu sagen. In Wahrheit braucht es ein gewisses Maß an Wohlstand, damit sich die Bevölkerung eines Landes für Ökologie interessiert. Wer einmal in Afrika oder Indonesien unterwegs war, weiß, dass die besten Programme zum Schutz des indogenen Waldes nichts nutzen, wenn die Leute am Abend nur mit Feuerholz eine warme Mahlzeit zustande bringen.

Den Menschen fällt etwas Neues ein

"Die Steinzeit ist nicht aus Mangel an Steinen zu Ende gegangen", schreibt Neubacher, sondern weil einer unserer Vorfahren vor rund 5000 Jahren auf die Idee kam, Zinn und Kupfer zu verschmelzen. "Das war's dann für die Steinzeit, die Bronze-Ära brach an." Genauso dürfte das fossile Zeitalter auch nicht zu Ende gehen, weil die Förderung von Öl, Gas und Kohle ihrem Höhepunkt zustrebt, worauf alle Flughafengegner nicht müde werden hinzuweisen, sondern weil den Menschen etwas Neues einfällt.

Bis es so weit ist, sollten wir nicht zu voreilig an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Olivenanbau und Ziegenzucht sind wahnsinnig meditative Tätigkeiten, bei denen der Mensch ganz schnell Einklang mit der Natur findet - nur leider lässt sich damit auf Dauer kein moderner Sozialstaat finanzieren, wie das Beispiel unserer griechischen Freunde zeigt. Es steht zu befürchten, dass es uns mit Forstwirtschaft und Bierbrauen nicht viel anders gehen wird.

insgesamt 301 Beiträge
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Seite 1
Christian Guenter 14.06.2012
1. so ein Mist
wenn nur pensonsreiofe Bankvorstände protestieren: in Frankfurt sind es mehrere Tausen die seit Monaten protestieren! Das toppt das schlechteste Bild-Zeizungs-Nivea
josian 14.06.2012
2. Glauben
Moderner Glaube an Wachstum ? Postet solchen Unsinn besser im Bayernkurier !
Edelweiß 14.06.2012
3. Ach Glück
Protest der Glücksverwöhnten? Sagen Sie's doch frei heraus, Herr Fleischhauer: Protest der Glücksüchtigen!
ir² 14.06.2012
4. Glücksverwöhnt....
ist noch euphemistisch für das was wirklich zutrifft: Wohlstandsverwahrlost!
magoan 14.06.2012
5. genau so ist die Realität !
Wunderbar wie unser demokratischer Egoismus hier beschrieben ist, der langfristig ganz sicher unseren Wohlstand dahin schmelzen lässt. . Ach ja, um nicht den falschen Eindruck zu erwecken, den Kinderspielplatz vor meiner Terrasse, erleide ich seit Jahren und da muss man halt auch durch auch wenn es manchmal nervt. Die einen haben die Autobahn in Sichtnähe, die andern einen Bundeswehr-Übungsplatz in der Region und die fanatischen Atomkraftgegner protestieren jetzt tatsächlich gegen die Landschaftszerstörung durch Windkrafträder. Jetzt wäre es allmählich Zeit, das unser neuer Bundespräsident den zahlreichen Egoisten hier im Lande die Leviten ließt, aber das recht deutlich!
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