Fleischhauers Abschied Jetzt ist Schluss!

Nach achteinhalb Jahren, 438 Kolumnen und unzähligen Aufforderungen an die Chefredaktion, dem Autor zu kündigen, endet heute "Der schwarze Kanal" auf SPIEGEL ONLINE.

Jan Fleischhauer
Dieter Mayr/ DER SPIEGEL

Jan Fleischhauer

Eine Kolumne von


Seit ich diese Kolumne schreibe, also seit achteinhalb Jahren, verlangen Leser meine Kündigung. Im Wochentakt gehen in der Redaktion Zuschriften ein, in denen gefordert wird, mir das Handwerk zu legen.

Einige Leser drohen mit Abokündigung. Andere legen feierlich einen Schwur ab, dass sie keinen SPIEGEL mehr kaufen werden, solange ich dort beschäftigt bin. Letzte Woche erfreute sich ein Tweet einer gewissen Beliebtheit, in dem ein politisch aufrechter IT-Spezialist aus Norderstedt darüber nachsann, ob man nicht eine Browser-Erweiterung entwickeln könne, die es ermögliche, dass meine Texte nicht mehr angezeigt würden.

Ich kann den IT-Mann und alle ihm Seelenverwandten trösten. Dies ist mein letzter Text im SPIEGEL. Nachdem ich mich am Wochenende schon von den Lesern im Heft verabschiedet habe, nun auch allen SPIEGEL-ONLINE-Lesern ein herzliches Farewell.

Bevor sich allerdings alle, die auf diesen Tag hingefiebert haben, zu sehr freuen, vielleicht ein Wort der Ernüchterung. Ich werde weiter schreiben, ab August nur an einem anderen Ort, nämlich beim "Focus". Wer in den sozialen Netzen unterwegs ist, bleibt also auch in Zukunft nicht verschont. So leicht entkommt man einem Kolumnisten nicht, jedenfalls nicht, wenn er über eine ausreichende Zahl an Followern verfügt. Das Internet kann in dieser Hinsicht brutal sein.

Die Eingaben an die Redaktion haben nichts mit meiner Demission zu tun, auch das muss ich anfügen. Wenn ich den Beteuerungen der Chefredaktion Glauben schenken darf, wird mein Ausscheiden sogar ausdrücklich bedauert. Den Leuten, die mit Abokündigung drohten, standen zum Glück mindestens so viele Leser entgegen, die meine Texte schätzten, und sei es nur, weil ich ihnen damit verlässlicher als jeder Espresso den Blutdruck hochtrieb. 13 Millionen Klicks pro Jahr ist eine Zahl, die auch den hartgesottensten Chefredakteur nachdenklich stimmt.

Man will sich nicht langweilen

Da dies meine letzte SPIEGEL-Kolumne ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Dinge klarzustellen. Die "Süddeutsche Zeitung" hat mich neulich den "Chefprovokateur des SPIEGEL" genannt. Das war sicher schmeichelhaft gemeint. Trotzdem fühlte ich mich nicht ganz richtig beschrieben. Provokateur klingt so, als wäre es mir in erster Linie darum gegangen, dass sich andere über mich aufregen. Aber darum ging es mir gar nicht, ich habe es in Wahrheit selten auf Provokation angelegt.

Ich glaube, dass viele Menschen in Deutschland über vieles so denken wie ich. Wenn das, was ich schreibe, eine Provokation darstellt, dann vor allem in dem Milieu, in dem ich mich bewege, also unter Journalisten und Journalistinnen beziehungsweise unter Menschen, die dort zu Hause sind, wo auch viele Journalist*innen leben, also in den deutschen Großstadtvierteln, in denen der Anteil von Grünen-Wählern seit Jahren verlässlich bei 40 Prozent liegt.

Im Januar 2011 ist der "Schwarze Kanal" erstmals online gegangen. Da der Kolumnist, Gott sei's geklagt, keinen Urlaub und keinen Feiertag kennt, sind seitdem 438 Kolumnen erschienen. Am Anfang dachte ich, mir würde irgendwann der Stoff ausgehen. Man will sich und seine Leser ja nicht langweilen, also gab ich mir zwei bis drei Jahre. Aber dann fand sich doch Woche für Woche etwas, von dem ich fand, dass es noch nicht ausreichend gewürdigt worden war. Die Politik ist ein verlässlicher Lieferant von gloriosem Unsinn.

Was macht eine gute Kolumne? Man muss sich, zumindest kurzzeitig, aufregen können. Wer alles mit der Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs betrachtet, wird niemals einen Satz schreiben, der Schwung und Kraft hat. Was die Opfer angeht, habe ich mich an einen Satz von Harald Schmidt gehalten: "Keine Witze über Leute, die weniger als 10.000 Euro im Monat verdienen." Ich kann nicht garantieren, dass ich dem immer gerecht geworden bin (Sorry Kevin!), aber ich habe mich immerhin bemüht.

Die drückende Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft

Manche Kritiker haben mir vorgeworfen, ich sei im Laufe der Zeit immer weiter nach außen gerutscht. Ich finde, das Gegenteil ist wahr. Zuletzt habe ich wie Frank-Walter Steinmeier geredet, der die Deutschen ermahnt, es sich im eigenen Meinungswinkel nicht zu gemütlich zu machen. Nichts ist so drückend wie die Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft. Wenn es einen Grund gibt, warum ich bei der Linken Reißaus genommen habe, dann dieser Hang, sich ständig gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, wie widerständig man doch denke.

Haben mich alle im SPIEGEL geliebt? Ganz sicher nicht, aber darauf kommt es auch nicht an. Meine Chefs haben alles gedruckt, was ich am Kolumnentag an sie geliefert habe, selbst wenn ich damit quer zur Mehrheit der Redaktion lag. Mehr kann man als Journalist nicht erwarten.

Wer als Kolumnist von seinen Kollegen geliebt werden will, hat nach meiner Meinung ohnehin den Beruf verfehlt. Entscheidend ist nicht, ob man gemocht, sondern ob man gelesen wird. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Mir bleibt einstweilen nur, mich bei meinen Lesern zu bedanken: bei denen, die mich geschätzt haben, und bei denen, die mich hassten. Sie haben mir über all die Jahre die Treue gehalten.

Falls es Sie beruhigt: Sie werden weiter von mir hören.

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insgesamt 716 Beiträge
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Seite 1
greiser.ingmar 13.06.2019
1. Schade
Alles Gute Herr Fleischhauer, ich werde Ihre Kolumnen sehr vermissen.
walsch.rene 13.06.2019
2. Vielen Dank und alles Gute!
Ich habe Ihre Kolumnen geliebt, weil sie für mich Unerwartetes enthielten. Im FOCUS wird das, was Sie schreiben, vollkommen erwartbar sein, also wenig interessant und noch weniger provokativ. Sie ziehen sich jetzt also in die Kuhstallwärme Ihrer eigenen Gesinnungsgemeinschaft zurück. Sehr schade. Vielen Dank für erhöhten Blutdruck und viele Denkanstöße!
Preclare 13.06.2019
3. Alles Gute
Lieber Herr Fleischhauer, mir haben Sie immer viel Freude bereitet. Denn nichts ist ja schlimmer als eine Gleichschaltung der Weltsicht. Ich komme aus dem Osten und weiß wovon ich rede. Nichts ist alternativlos. Und wie bei jedem guten Kolumnisten, müssen die Leser ja nicht immer derselben Meinung sein, sollten aber doch versuchen, guten Argumenten (der Gegenseite) zu folgen. Ich lese seit vielen Jahren das konsverative englische Wochenmagazin "The Spectator" (übrigens lange von einem gewissen Boris Johnson herausgegeben) und genau dieser Blick auf die Welt fehlt oft in der deutschen Presselandschaft. Sie haben das stets originell und direkt getan.Danke dafür an Sie (aber auch an die tolerante Hamburger Redaktion)
Sphynx25 13.06.2019
4. Schade
Ich habe (iirc) keine Kolumne vollständig gelesen - dafür war mir ihre Meinung immer viel zu schwarz und auch fast ein wenig vorhersehbar. Trotz allem, im Sinne der Meinungsvielfalt, fand ich es immer gut, jemanden wie Sie bei SPON zu haben.
fisch100 13.06.2019
5. Tschüß
Sie werden mir fehlen. Mal habe ich mich nach der Lektüre Ihrer Kolumne aufgeregt, mal amüsiert, mal über ein Thema nachgedacht, mal mich bestätigt gefühlt. Ich finde, das ist eine gute Bilanz.
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