Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Scheidung leichtgemacht

Gute Nachricht für alle, die bislang vor einer kirchlichen Trauung zurückschreckten. Der Satz "Bis dass der Tod euch scheidet" ist nicht mehr wirklich ernstgemeint, wie die Evangelische Kirche festgelegt hat. Die Selbstsäkularisierung der Protestanten strebt einem neuen Höhepunkt zu.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat eine "Orientierungshilfe" für ihre Würdenträger zum Thema Familie herausgegeben. Drei Jahre hat eine 14-köpfige Expertenkommission über die Empfehlungen beraten, wie man hören konnte. Das wichtigste Ergebnis vorneweg: Wer demnächst vor den Traualtar tritt, kann unbekümmert das Eheversprechen ablegen - auch wenn der Pastor sagt, es gelte, "bis dass der Tod euch scheidet". Keine Sorge, das ist nicht länger wirklich ernst gemeint.

Auch die EKD denkt die Ehe nun von ihrem Ende her, also der Trennung. Deshalb empfiehlt sie allen, die sich binden wollen, genau zu bedenken, wie es danach weitergeht und sich beizeiten über den Stand des Scheidungsrechts zu informieren. Das gilt erst recht, wenn einer der beiden Ehepartner in der Karriere aussetzt, um Kinder großzuziehen. Oder wie es in der "Orientierungshilfe"  heißt: "Die neue Rechtslage sollte jungen Menschen klar sein, wenn sie sich für diese Lebensform mit traditioneller Arbeitsteilung entscheiden."

Es wäre zu kurz gegriffen, den familienpolitischen Leitfaden als Kapitulation vor dem Wertewandel zu verstehen. Wir haben hier vielmehr das Dokument eines spektakulären Versuchs der Verweltlichung von innen, wie ihn so noch keine der großen Religionen unternommen hat.

Die Evangelische Kirche will nicht mehr urteilen, sondern nur noch verstehen. "Fühl dich wohl", heißt die frohe Botschaft ihrer Vertreter. Alle sind ihr gleichermaßen lieb: Das treusorgende Paar ebenso wie der Ehebrecher oder die Geschiedene, die vier Kinder von fünf Männern hat. Selbst der Talib kann in dieser Stuhlkreis-Theologie noch auf Anteilnahme hoffen. Mit ein paar guten Worten beziehungsweise ein wenig mehr "Phantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen", wird schließlich alles besser, wie es die unvergessene Margot Käßmann in heiliger Teestubeneinfalt schon vor Jahren verkündete.

Im Wahlkampf fest an der Seite der Grünen

Die Evangelische Kirche ist in der Selbstsäkularisierung schon weit vorangekommen, muss man sagen. Alles, was an den biblischen Texten zu streng oder bevormundend wirkt, hat sie soweit entschärft, dass man sich von ihr heute völlig unbesorgt ein Kerzlein aufstecken lassen kann. Man sollte im Gegenzug nur nicht mehr erwarten, dass man weiterhin auch zu den Fragen verlässlich Auskunft bekommt, für die sie bislang das Privileg besaß - also alle, die über das Diesseits hinaus weisen.

Versuchen Sie mal, Näheres über Himmel und Hölle zu erfahren. Das wird nicht einfach, wie ich aus Erfahrung weiß. Man dürfe das nicht zu wörtlich nehmen, heißt es dann verlegen, die Evangelische Kirche sei schließlich "keine Kirche der Angst". Bei der Konfirmation meines ältesten Sohnes trugen fünf der Jugendlichen im Gottesdienst unter dem aufmunternden Blick der Pastorin selbstformulierte Glaubensbekenntnisse vor. Es waren Bekenntnisse, woran sie alles nicht glauben: die Genesis, die Auferstehung, das Jüngste Gericht. Am Ende erklärten sich die Konfirmanden einverstanden, Gott als eine "positive Kraft" zu sehen. Dann umarmte man sich, die Pastorin sprach ein Gebet, und die Gemeinde versammelte sich zum Abendmahl.

Genau besehen gibt es nur einen Bereich, in dem die Kirche noch für sich in Anspruch nimmt, den Sündern heimzuleuchten, und das ist die Wirtschaft. Wer zu den sogenannten Leistungsträgern zählt und damit irgendwie zu den Reichen, kann auf keine Nachsicht hoffen. Da wird selbst der sanfte Nikolaus Schneider, der Käßmann im Amt des EKD-Ratsvorsitzenden nachfolgte, ganz alttestamentarisch. Die Reichen müssten endlich begreifen, dass weniger mehr sei, donnert es dann von der Kanzel. Weshalb die Evangelische Kirche im Wahlkampf fest an der Seite der Grünen steht, die weniger Wachstum, aber dafür höhere Steuern fordern.

Wer für alles Verständnis zeigt, wird irgendwann sprachlos

Man kann von einer Kirche erwarten, dass sie Veränderungen zur Kenntnis nimmt, schließlich soll sie ihren Schäfchen mit gutem Rat zur Seite stehen. Aber es ist eine Sache, sich der Nöte der Menschen anzunehmen - und etwas ganz anderes, dabei auf jeden normativen Anspruch zu verzichten. Wer für alles Verständnis zeigt, wird irgendwann sprachlos. Dann ist auch der gute Rat nichts mehr wert.

Natürlich zeigt die EKD in ihrer "Orientierungshilfe" viel Mitgefühl für jene, die in neuen Familienkonstellationen leben, allen voran die Alleinerziehende, die Madonna des deutschen Sozialstaats. Leider verlieren die Autoren kein Wort über die Verantwortungslosigkeit, die junge Frauen in die Situation bringt, die in dem Leitfaden wortreich beklagt wird. Auch von den seelischen Kosten einer Scheidung für die Kinder ist mit Rücksicht auf die Geschiedenen nur am Rande die Rede.

Es sind die Zweifel an der Verlässlichkeit des Partners, die Frauen dazu veranlassen, ihren Kinderwunsch aufzuschieben. Darum haben auch alle finanziellen Anreize oder fürsorglichen Betreuungsprogramme so wenig Effekt. Die Heirat ist noch immer das Symbol für die erstrebte Sicherheit, deshalb werden die meisten Kinder nach wie vor in Ehen geboren, allem Gerede über die Vorzüge der Patchwork-Familie zum Trotz.

Die beruhigende Nachricht ist: Wenn man Heranwachsende nach ihren Zukunftsträumen fragt, steht die Ehe ganz weit oben. Gegen die romantische Natur hat auch die kahle Rationalität der EKD keine Chance.