Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Wir Trottelbürger

Wir machen uns gerne über die Amerikaner lustig, weil sie auf die Mikrowelle schreiben: Nicht zum Katzentrocknen geeignet. Dabei lassen auch wir uns vom Staat wie Kinder behandeln.

Mein Kollege Alexander Neubacher gehört zu der Gruppe von Menschen, die es nicht als Fortschritt empfinden, wenn einem das Auto sagt, wann man Pause machen soll. Die sich fragen, was es den Staat angeht, wie sie bekleidet sind, wenn sie aufs Fahrrad steigen, und die nie die Logik erkannt haben, warum Einwegflaschen, die Fruchtsaftgetränke und Fruchtschorlen mit Kohlensäure enthalten, der Pfandpflicht unterliegen, Einwegflaschen mit Fruchtsäften, Fruchtnektaren und fruchtsaftähnlichen Getränken mit Kohlensäure aber nicht.

Viele Vorschriften, die ihn vor sich selber beziehungsweise seiner Unvernunft schützen sollen, empfindet Neubacher nicht als hilfreichen Rat, sondern als unzulässige Einmischung in sein Leben. Vermutlich würde er aus Protest gegen den Enthaltsamkeitsstaat, der ihm pausenlos predigt, wie er besser und gesünder leben kann, sofort wieder mit dem Rauchen anfangen, wenn er seiner Frau nicht versprochen hätte, die Finger von Zigaretten zu lassen. Stattdessen schreibt er lieber Bücher.

Nach dem "Ökofimmel", in dem er den grünen Sittenwächtern heimleuchtete, erscheint dieser Tage seine Anklage gegen den "präventiv-bürokratischen Komplex", wie er den Staat nennt, der seine Bürger wie Kinder behandelt. "Total beschränkt" heißt das Buch. Ich habe es über das Wochenende gelesen. Jetzt weiß ich, dass ich auf einem Elektrofahrrad, das nur meinen Pedaltritt unterstützt, 1,6 Promille im Blut haben darf, ohne den Führerschein zu verlieren, auf einem Elektrorad, das auch im Leerlauf arbeitet, aber nur 0,5 Promille. Damit hat sich die Lektüre für mich schon mal gelohnt.

In Deutschland gibt es 246.944 Bundesvorschriften

Die Wucherung der Bürokratie ist ein unerschöpfliches Thema, so unerschöpflich wie die deutsche Friedensliebe. Fachleute des Bundesjustizministeriums haben neulich nachgezählt und sind auf 246.944 Bundesvorschriften gekommen, die von den Bürgern zu beachten sind. Wenn es um die Liebe zum Staat geht, macht den Deutschen niemand etwas vor. An alles ist gedacht, sogar daran, dass die Wartungsmonteure einer Windanlage im Wattenmeer neben haltbaren Keksen ein Kartenspiel vorfinden, wenn sie dort einmal wegen schlechten Wetters länger aushalten müssen.

Die Pointe der allumfassenden Fürsorglichkeit ist, dass sie aus Herablassung erwächst. Hinter der Selbstermächtigung des Staates, sich überall hineinzudrängeln, steht das Bild vom Bürger als Mängelwesen, das unfähig ist, selbst zu entscheiden, was gut oder schlecht für es sei. Er isst und trinkt zu viel, arbeitet bis zum Burn-out und guckt Fernsehsendungen, die ihn verdummen. Im Supermarkt ist er total aufgeschmissen, weil die Auswahl immer größer wird und er alles für bare Münze nimmt, was ihm die Werbung sagt. Vermutlich fährt er auch das falsche Auto. Der zuständige Minister, Heiko Maas, spricht vom "verletzlichen Verbraucher", was eine schöne Umschreibung für den Gegenentwurf zum mündigen Bürger ist.

Warum nicht auch fettiges oder süßes Essen reglementieren?

Wer den Leuten misstraut, dass sie selber die richtigen Entscheidungen treffen können, muss sie mit Warnhinweisen umstellen. Das ist wie auf dem Kinderspielplatz. Der Fischhändler in Hamburg hat jetzt auf gerichtliche Anordnung ein Schild über der Theke, auf dem die Kunden gewarnt werden, dass Fische Gräten enthalten. Am Bügelgerät steht, dass Kleidung nicht am Körper zu bügeln sei. Auf der Erdnusspackung heißt es: "Kann Spuren von Nüssen enthalten."

Irgendwann ist man beim Trottelbürger. "Zu viel Bürokratie verblödet", schreibt Neubacher zu Recht. "Eine überfürsorgliche Politik erzeugt erst die Hilfsbedürftigkeit, die sie den Bürgern fälschlicherweise unterstellt. Die Verbote siegen über den Verstand: Je mehr Beschränkungen, desto mehr Beschränkte."

Wer einmal damit angefangen hat, das Leben der Bürger in die richtige Bahn zu lenken, kann nicht auf halbem Weg stehen bleiben, das ist die Tragik des Totalitären. Deshalb laufen auch alle Versuche der Grünen ins Nichts, sich das Verbieten abzugewöhnen. Wenn man das Rauchen reglementiert, um die Gesundheit der Leute zu schützen: Warum nicht auch den Genuss von zu fettigem oder süßem Essen einschränken? Und sollten uns Seele und Geist nicht mindestens so wichtig sein wie die körperliche Verfassung? Wer den Menschen in seiner Gesamtheit verbessern will, muss ganzheitlich denken: Also Bildungsquote für Privatsender und eine gesetzliche Holzspielrichtlinie für alle Kindertageseinrichtungen.

Eigentlich müsste man auch Leute wie Neubacher verbieten. Wer andere dazu ermuntert, sich der tempogemäßigten, zuckerreduzierten und sicherheitsfixierten Tugendgesellschaft zu entziehen, und sei es nur phasenweise, stellt selber ein Sicherheitsrisiko dar, das man am besten unter Aufsicht nimmt.

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Foto: SPIEGEL ONLINE