Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Das gekränkte Land

Was erlauben sich die USA? Werben einfach so einen BND-Agenten an. Hinter der deutschen Empörung steckt eine beleidigte Nation.
Kanzlerin Merkel, US-Präsident Obama: Es geht nicht um Spionage, sondern um Kränkung

Kanzlerin Merkel, US-Präsident Obama: Es geht nicht um Spionage, sondern um Kränkung

Foto: KEVIN LAMARQUE/ REUTERS

Manchmal hilft ein Gedankenexperiment, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Stellen wir uns vor, ein Mitarbeiter aus der Registratur der NSA bietet dem BND-Residenten in der deutschen Botschaft in Washington vertrauliche Unterlagen an. Um zu zeigen, dass er kein Aufschneider ist, legt er drei Dokumente bei. Er könne bei Bedarf aber auch mehr liefern, lässt er die Botschaft wissen.

Was soll der BND-Mann tun? Das Angebot zurückweisen und die amerikanische Seite darüber informieren, damit sie das Leck stopfen kann? Oder soll er eingedenk der deutschen Angst vor der NSA in Erwägung ziehen, mit dem Doppelagenten ins Geschäft zu kommen?

Es gibt eine Weisung aus dem Kanzleramt, gegen befreundete Staaten keine nachrichtendienstlichen Mittel einzusetzen, aber diese Weisung stammt aus der Vor-Snowden-Zeit. Man kann sich leicht vorstellen, was los wäre, wenn der BND-Mann den Doppelagenten einfach an die Amerikaner ausliefern würde. Vasallentreue wäre noch der geringste Vorwurf.

Seit wir wissen, dass die CIA für Informationen aus Deutschland, an die sie aller Wahrscheinlichkeit nach eh kommt, auf dem Expressweg auch etwas zahlt, ist im deutsch-amerikanischen Verhältnis mal wieder die Hölle los. Von einem neuen Tiefpunkt ist die Rede, weil es die Amerikaner sind, die sich über alle Empfindlichkeiten hinwegsetzen, und nicht die braven Deutschen. Wer hätte gedacht, dass der Versuch, beim BND einen Agenten zu gewinnen, den Leuten so zu Herzen gehen würde. Aber es geht ja in Wirklichkeit auch nicht um Spionage, sondern um Kränkung.

Es ist kein Zufall, dass die Krise in der Sprache der Familienaufstellung beschrieben wird, nicht in der Sprache der Politik. Die Begriffe, die den Beteiligten einfallen, sind "Vertrauensbruch" und "Enttäuschung"; selbst Mitglieder der Bundesregierung reden, als säßen sie beim Therapeuten und nicht auf der Regierungsbank. Dass Sentimentalität in internationalen Beziehungen nichts zu suchen hat, ist den Deutschen schwer beizubringen. Wir verwechseln gerne Gefühle mit Interessen, weshalb wir auch sofort weiche Knie bekommen, wenn wir irgendwo eine Seelenverwandtschaft zu spüren vermeinen.

Der Aufruf zur Selbstermächtigung

Nach dem Zornausbruch folgt nun der Aufruf zur Selbstermächtigung. "Wir müssen jetzt endlich mal deutlich machen, dass man bei Partnern auf einer Augenhöhe verhandelt", hat die Bundesvorsitzende der Grünen, Simone Peter, gefordert, womit sie zweifellos die Stimmungslage im Bundestag trifft. In einer Welt, in der man über Größenunterschiede aus politischen Gründen hinwegsieht, mag so ein Vorschlag sogar funktionieren. Im Verhältnis von Staaten endet die Macht von Appellen zur Herstellung von Augenhöhe leider an der Landesgrenze, daran ändert auch kein noch so entschiedener Parlamentsbeschluss etwas.

Die ganz Eifrigen sind schon dabei, amerikanisches Botschaftspersonal auszuweisen. Aber auch das bleibt nur eine trotzige Geste, solange wir bereits einen Tag später wieder bei den US-Geheimdiensten mit der Bitte vorstellig werden, uns mitzuteilen, was man an Erkenntnissen zur aktuellen Gefahrenlage hat. Damit bleiben zwei Möglichkeiten: Wir stampfen alle paar Monate wütend mit dem Fuß auf und hoffen insgeheim, dass man uns diese pubertären Auftritte in Washington verzeiht.

Oder wir versuchen aus eigener Kraft, die Sicherheit unseres Landes zu gewährleisten. Wer bezweifelt, dass es zur Terrorabwehr überhaupt der elektronischen Überwachung bedarf, macht eine gefährliche Wette auf. Beim nächsten Anschlag wissen wir, ob sie aufgegangen ist. Wenn die Bombe in Berlin oder Hamburg explodiert, lagen wir falsch.

Eine ganz andere Frage ist, ob es politisch klug ist, wegen ein paar BND-Unterlagen eine freundlich gesonnene Regierung in Schwierigkeiten zu bringen. Geheimdienste darf man dazu nicht fragen: Wenn sie die Chance sehen, einen Spion zu gewinnen, dann nutzen sie diese. Aber eine Ebene höher gehört es zu den Aufgaben, das politische Risiko von Geheimdienstoperationen zu bewerten. Im Fall des enttarnten BND-Mannes würde man wohl eher zu dem Ergebnis kommen, dass er den Ärger nicht wert war.

Die eigentliche Kränkung besteht darin, dass es den Amerikanern offenkundig herzlich egal ist, wie wir denken. Oder vielleicht sollte man besser sagen: den Amerikanern unter Obama. Wie eine Botschaft agiert, spiegelt wider, wie eine Regierung ein Land sieht. Die Ironie dabei ist, dass diese Arroganz die Folge eines Politikwechsels ist, den sich die Deutschen immer gewünscht haben. Nach den Bush-Jahren, in denen die USA als Großmacht auftrat, zieht sich Amerika nun auf sich selbst zurück.

Ein Land, in dem das Gefühl vorherrscht, man brauche die Welt da draußen nicht mehr wirklich, muss allerdings auch weniger Rücksicht auf die Empfindlichkeiten anderer nehmen. "I couldn't care less", heißt im Englischen diese Haltung. Nichts anderes bedeutet die Agentenaffäre, die uns jetzt so aufregt.

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