S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal "Sie sind ein erbärmlicher Journalist"

Warum sind Politiker neuerdings bloß so empfindlich? Jetzt beklagt sich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, wie gemein die Journalisten seien. Aber was ist eigentlich gegen eine schöne Beleidigung zu sagen?

Eine Kolumne von


Horst Seehofer hat dem SPIEGEL ein Interview über schlechten Journalismus gegeben. Es hat mein Bild vom bayerischen Ministerpräsidenten verändert, muss ich gestehen. Ich habe Seehofer immer für einen coolen Hund gehalten - für einen, der sich nichts scheißt, wie man im Süden sagt. Nun lese ich, wie sehr es ihn mitnimmt, wenn Journalisten schlecht über ihn schreiben. Ganz schlimm: Einmal hat ein Redakteur ihn in einem Artikel als "Crazy Horst" bezeichnet. Das lässt ihn bis heute nicht los. Da sei für ihn eine Grenze überschritten, sagt Seehofer im SPIEGEL.

Aus journalistischer Sicht ist es zweifellos schmeichelhaft, wenn sich der Ministerpräsident eines Bundeslandes von der Größe und Bedeutung des bayerischen Freistaats noch ein Jahr später an einen Artikel erinnert, in dem er vorkam. Aber ich hätte von Seehofer mehr Gelassenheit erwartet. Jemand, der bekanntlich eine lebensbedrohliche Krankheit überwunden und auch ansonsten manche Schicksalsprüfung überlebt hat, wäre abgebrühter, sollte man denken.

Angesicht der Umstände ist "Crazy Horst" fast liebevoll. Ich will Seehofer nicht zu nahe treten, aber seine Sprunghaftigkeit versteht außerhalb des Freistaats nicht jeder als Ausdruck besonderer Staatskunst. Ich erinnere mich, wie wir auf dem Höhepunkt seines privaten Tumults für eine SPIEGEL-Geschichte über das Problem sprachen, sich klar zu einer Frau zu bekennen. Ob er sich nicht langsam entscheiden müsse, bei wem er bleiben wolle, seiner Gattin oder seiner Freundin, fragte ich. "Als ich so jung war wie Sie, dachte ich auch 'entweder oder'", antwortete er. "Je älter ich werde, desto mehr denke ich 'sowohl als auch'." Irre. Auch irre cool. Und jetzt klagt ausgerechnet dieser mit allen Wassern gewaschene Polit-Profi über die Verfolgung durch die Medien? Wenn das ein Vorgeschmack auf die Große Koalition ist, in der es sich alle gerade gemütlich machen, kann einem nur angst und bange werden.

Pampigkeit sollte nicht in Wehleidigkeit umschlagen

Ein Journalist kann Freund des Politikers auf Dauer nicht sein, hat Rudolf Augstein einmal gesagt. Nur weil man zusammen einen netten Abend verlebt hat und sich vielleicht auch darüber hinaus ganz sympathisch findet, folgt daraus noch lange nicht, dass es anschließend bei Freundlichkeiten bleibt. Das produziert naturgemäß Enttäuschung. "Scheißblatt" hat Brandt den SPIEGEL genannt, da hatte der den Kanzler als verwittertes Denkmal in den Wolken gezeigt. Von Wegelagerern, Fünf-Mark-Nutten und jubeljaulenden Hofhunden redeten die Herren Schmidt, Fischer und Strauß.

Man sollte solche Abkanzelungen nicht zu ernst nehmen. Pampig zu sein, ist ein gutes Recht von Politikern. Die Pampigkeit sollte nur nicht in Wehleidigkeit umschlagen, das gilt für beide Seiten. Wer sehen will, wie ein Meister des Faches Journalisten abfertigt, sollte sich einen Ausschnitt der Journalistenbeschimpfung ansehen, der von Helmut Kohl auf YouTube zirkuliert. Typischer Dialog: "Von welchem Sender sind Sie denn?" - "Vom Norddeutschen Rundfunk." - "Ja, so sehen Sie aus. So sehen Sie aus, und so sind Sie auch. Sie sind ein ganz erbärmlicher Journalist."

Einige Journalisten nehmen sich die Kritik allerdings so zu Herzen, dass sie Leitartikel verfassen, in denen sie die Branche dazu auffordern, ein neues Verhältnis "zwischen Nähe und Distanz" zu finden. Gerade in Zeiten Großer Koalitionen müssten Journalisten besonders kritisch sein, aber nie hämisch, habe ich in meiner Lieblingswochenzeitung, der "Zeit", gelesen. Als Beispiel für die Häme, die man bei der "Zeit" gerne aus der Welt schaffen würde, wird ein Artikel genannt, in dem die Halstücher der ehemaligen JU-Vorsitzenden Hildegard Müller Erwähnung fanden. Die Autorin hatte diese als "tantig" bezeichnet. Diese Entgleisung tat ihr im Nachhinein so leid, dass sie sich erst bei Müller entschuldigte und nun noch einmal öffentlich.

Freudloser Höhere-Töchter-Journalismus

Von der hämischen Bemerkung zum Verfall der Demokratie ist es im "Zeit"-Leitartikel immer nur ein kleiner Schritt. Wenn die Journalisten zu gemein zu den Politikern sind, werden diese wütend. Wenn die Politiker wütend werden, sehen sie die Journalisten als Feinde anstatt als Gegenspieler: "Das aber ist gefährlich, nicht für Journalisten, sondern für die Demokratie." Man mag sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn Politiker wirklich Grund hätten, sich aufzuregen.

Dass Kritik immer konstruktiv zu sein habe, ist eine Vorstellung von Leuten, die offenkundig nie Karl Kraus gelesen haben, oder wenn doch, dann nur unter der Bettdecke. "Maximilian Harden. Eine Erledigung" hat Kraus seine Abrechnung mit einem ihm besonders verhassten Journalisten genannt. Mit so einem Titel käme man bei den Sittenwächtern des halstuchfreien Journalismus schon vor der Veröffentlichung vor den Presserat, von dem Rest ganz zu schweigen. Wo bereits das Wort "tantig" als zu boshaft gilt, ist einer wie Kraus Sudelliteratur.

Es gab einmal eine Zeit, in der auch in Hamburg nicht bei jedem Satz daran gedacht wurde, ob die Demokratie Schaden nehmen könnte, wenn er zu ungerecht ausfiele. Da war Fritz J. Raddatz der König des Feuilletons und zeigte, wie man so schreibt, dass andere blass werden. Dann wurde Raddatz bei der "Zeit" abgesetzt, angeblich weil er Goethe in die Epoche der Eisenbahn versetzt hatte. Tatsächlich hatte er den unverzeihlichen Fehler begangen, nicht nur eitler, witziger und scharfzüngiger zu sein als seine Kollegen: Er hatte zu allem Überfluss auch noch die glamourösesten Partys in Hamburg veranstaltet, während man zu den Festen seiner Chefin, der Gräfin Dönhoff, die Brötchen selber mitbringen musste.

Am Ende ist der Knigge-Journalismus, der mit Badehose in die Wanne steigt, nicht nur anstrengend, sondern immer auch ein wenig freudlos.

insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
Mügenbert 12.12.2013
1. Naja, die Zeiten der Frechen
Berichte sind auch im Spiegel vorbei. Gar zu vorsichtig, plüschig kommen sie daher, bei all dem, was Journalisten an Intima wissen... Selbst diese s. Stück liest sich leider gar nicht bissig. Da geht noch was.
mm71 12.12.2013
2.
Zitat von sysopWarum sind Politiker neuerdings bloß so empfindlich? Jetzt beklagt sich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, wie gemein die Journalisten seien. Dabei gehört die wechselnde Beleidigung seit jeher zum Geschäft. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-ueber-die-neue-empfindlichkeit-von-politikern-a-938617.html
Sie können davon ausgehen, dass speziell Horst Seehofer ein viel zu abgebrühter Fuchs ist, als dass es hier um seine "Empfindlichkeiten" gehen würde. Erstens mal hat er sich, indem er sich (scheinbar) für Sigmar Gabriel in die Bresche warf, diesem gegenüber als "höherrangiger Beschützer" positioniert. Das war schon mal ein schlauer Zug, den die beteiligten Journalisten von ZDF bis Spiegel gar nicht zu verstehen scheinen. Gabriel steht jetzt als Junior da, Seehofer als Alphatier, das seine Herde schützt... Dann hat er als Nebeneffekt über Bande (Bellut) der guten Frau Slomka noch einen mitgegeben. Achten Sie mal drauf, diese wird zumindest ihm gegenüber künftig handzahm sein, egal welche Statements die Herren Fernsehbosse zwecks Gesichtswahrung öffentlich gerade machen. Also 2:0 Seehofer, und das beste ist, niemand scheint's germekt zu haben. Tipp: Mal "House of Cards" gucken, so geht das nämlich.
jalnew 12.12.2013
3. Die Qualität der Mediengesellschaft
Die Qualität der Mediengesellschaft hat sehr nachgelassen, anders gesagt kann man aber auch von einer Zensur bzw. Diktatur der Medien sprechen, in Hinblick auf Meinungsmache bezüglich Sarrazins, Günther Grass, Steinbrück oder jetzt Seehofer. Man sollte als Medienverlag auch mal selber nachdenken, zitieren wir dumm, verdrehen wir absichtlich alles? Wie kann es sein, dass alle geheimdienstlichen Aktivitäten schlecht gemacht werden, nur, weil die NSA totalen Unfug baut. Immer wird verallgemeinert, nicht differenziert, nicht zu Ende gedacht. Es geht nur noch um Schnelligkeit und Masse, nicht mehr um Klasse. Ein riesen Problem nicht nur für die Politiker, vor allem doch für die auf die Medien angewiesenen Bürger.
Watchtower 12.12.2013
4. Ist doch schön...
von außen zu kommentieren, ohne agieren zu müssen...oder?
Superbeowulf 12.12.2013
5. Überschätzte Schreibtischtäter
Ich frage mich auch, ob der eine oder andere Politiker nicht die Bedeutung von diversen Journalisten und Medien maßlos überschätzt. Die hier genannte Zeit ist z.B. ein Blatt, welches mehr von Familie von und zu Sonstwoburg gelesen wird, zumindest aber von akademischen Bildungsbürgern konsumiert wird. Tante Frieda und Hans Wurst stopfen aber mit der "Zeit" bestenfalls den Käfig ihres Kanarienvogels aus. Und der Großteil des wahlentscheidenden Stimmviehs besteht aus den bildungsfernen Schichten, die lieber RTL2 schauen als den neusten Geistesblitzen intellektueller Leitartikler zu fröhnen. Erst wenn Politiker aus der Haut und ihrer Rolle fallen und anfangen zu pöbeln, können nämlich auch diese Schreiberlinge eben jene Aufmerksamkeit von Tante Frieda und Co. erfahren. Vielleicht täten die beleidigten Politiker besser daran, eben jenen ungeliebten Journalisten nicht mehr Aufmerksamkeit zu schenken als sie verdienen.
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