Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Das Gerede vom "sozialen Holocaust"

Für die neue Regierung in Athen ist die deutsche Sparpolitik eine Fortsetzung des Nationalsozialismus mit anderen Mitteln. Das ist nicht nur töricht, sondern unanständig: Es trivialisiert die Verbrechen des NS-Staates.
Antideutscher Protest in Athen (Archivbild): Harsche Symbolik

Antideutscher Protest in Athen (Archivbild): Harsche Symbolik

Foto: YANNIS BEHRAKIS/ REUTERS

Man muss noch einmal an den vergangenen Dienstag erinnern: Zum 70. Mal jährte sich an diesem Tag der Moment, an dem Soldaten der Roten Armee im Konzentrationslager Auschwitz eintrafen. Der Bundespräsident hielt eine weithin beachtete Rede, in der er festhielt, dass es ohne Auschwitz eine deutsche Identität nicht geben könne. Überall im zivilisierten Teil der Welt gedachten Menschen der Vernichtung der Juden.

Man muss zum Anfang dieser Woche an die Befreiung von Auschwitz erinnern, weil der Jahrestag mit der Amtsübernahme der neuen Regierung in Athen zusammenfiel, die Europa gerade den Atem verschlägt. Dass dieses nicht nur eine Koinzidenz war, sondern dass zwischen beiden Ereignissen eine Linie verläuft, darauf hinzuweisen hat sich diese Regierung selbst zur Pflicht gemacht.

Wenn man dem glauben darf, was uns aus Athen erreicht, dann ist das Deutsche Reich nie untergegangen. Es mag sein Gesicht geändert und sein Personal ausgetauscht haben, aber Europa zittert nach wie vor vor den Befehlen, die aus Berlin kommen.

Die NS-Verbrechen als moralisches Kapital

Zur "Merkel-Schäuble-Doktrin" hat es bei der Linken inzwischen die naive Vorstellung gebracht, wonach Kreditverträge auch über eine Wahl hinaus Gültigkeit haben. Die Behauptung, dass diese "Doktrin" eine Fortführung der nationalsozialistischen Herrschaftspolitik mit anderen Mitteln sei, ist dabei mehr als eine rhetorische Figur. Es ist eine fixe Idee, die sich bei der von Alexis Tsipras geführten Linkspartei Syriza überall wiederfindet.

In der Parteizeitung wird der deutsche Finanzminister als "Gauleiter Schäuble" tituliert. Die deutsche Kanzlerin sieht man in Karikaturen, wie sie mit Hitler telefoniert und ihm ewige Treue gelobt. Tsipras selbst hat davon gesprochen, dass ein "sozialer Holocaust" drohe, wenn man den Deutschen nicht endlich entgegentrete.

In solchen Vergleichen nur das törichte Gerede eines Mannes zu sehen, dessen Kenntnis über das Verbrechen an den Juden offenbar hinter dem jedes deutschen Achtklässlers zurückbleibt, hieße, seine politischen Instinkte zu unterschätzen. Es geht darum, moralisches Kapital aufzubauen, und was wäre dazu besser geeignet, als die Verbrechen des Nationalsozialismus zum eigenen Nutzen zu monetarisieren?

Eine Verhöhnung der Opfer

Sehen wir uns den sozialen Holocaust, von dem der neue griechische Regierungschef redet, genauer an. Die Deutschen haben zum jetzigen Stand 65 Milliarden Euro nach Athen transferiert, damit das Land weiter Löhne und Renten zahlen kann und auch ansonsten seinen Verpflichtungen einigermaßen gerecht wird.

Die Rückzahlung der Kredite ist auf Jahrzehnte gestreckt, die erste Rate wird erst im Jahr 2020 fällig. Die vereinbarten Zinssätze sind so gering, dass Griechenland weit weniger zur Begleichung seiner Schulden ausgibt als andere Mitgliedstaaten in der Eurozone, die viel niedriger verschuldet sind.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Opfer des Nationalsozialismus zu verhöhnen. Man kann die Existenz der Gaskammern bezweifeln oder an der Zahl der Toten herumdeuteln. Man kann aber auch einfach so tun, als ob das Schicksal eines griechischen Staatsbediensteten, dem sein Gehalt gekürzt wurde oder der seine Anstellung verloren hat, mit dem Leid der Unglücklichen vergleichbar sei, die ihr Leben in den Gaskammern in Polen oder einem Massengrab in der Ukraine ließen. Es ist die Frage, welche Methode die perfidere ist.

Zum Holocaust duldet Deutschland kein loses Gerede

Wir haben in Deutschland nicht viele Tabus, die Verharmlosung des Holocaust gehört dazu. So wie es verboten ist, sich mit SS-Runen zu schmücken oder den Hitlergruß zu zeigen, so zuverlässig bringt einen die Relativierung des Schreckens des Nationalsozialismus mit der Justiz in Konflikt.

Der ehemalige RAF-Anwalt Horst Mahler verbüßt derzeit eine mehrjährige Haftstrafe, weil er beharrlich den Mord an den Juden kleingeredet hatte. Diese Härte bildet den Willen des deutschen Staates ab, zu diesem Thema kein loses Gerede zu dulden. Dass nun ausgerechnet auf Seiten der Linken ein stilles Einverständnis zu Tage tritt, wenn von einer europäischen Regierung das Gedenken an die Opfer zu politischen Zwecken trivialisiert wird, ist eine der verrückten Volten dieser Tage.

Die Apologeten der neuen Regierung in Athen wollen uns weismachen, dass es nichts zu bedeuten habe, wenn dort die radikale Linke mit der radikalen Rechten paktiert.

Es findet zusammen, was zusammen gehört

Viel wahrscheinlicher ist, dass nun auch im Süden Europas zusammenfindet, was zusammengehört. Der Historiker Thomas Weber hat in einem Beitrag für "Die Welt" dargelegt, wie weit die Judenfeindlichkeit bei Tsipras und seinen Leuten geht.

Man kann dort zum Beispiel nachlesen, dass der nun zum Finanzmister aufgestiegene Hochschulprofessor Giannis Varoufakis seinen Job als regelmäßiger Kommentator bei einem australischen Sender verlor, weil die Senderleitung zu dem Schluss gelangt war, dass Varoufakis "negative Stereotypen über Juden und besonders über israelische Juden fördere".

Es ist auch alles andere als ein Zufall, wenn man den neuen griechischen Außenminister auf Fotos entdeckt, auf denen er neben Alexander Dugin, dem geistigen Vater des russischen Neofaschismus, steht. Von ganz links nach ganz rechts ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.