Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Wer wählt eigentlich die Grünen?

Die Grünen sind bis heute stolz darauf, cool, flippig und überhaupt ganz widerständig geblieben zu sein. Man darf nur nicht zu genau auf die Anhängerschaft schauen: Sonst bleibt von dem schönen Selbstbild nicht viel übrig.
Grünen-Spitze Trittin, Göring-Eckardt: Liebe zum Staat hat in der Linken Tradition

Grünen-Spitze Trittin, Göring-Eckardt: Liebe zum Staat hat in der Linken Tradition

Foto: Christian Charisius/ dpa

Es ist immer schmerzhaft, wenn Selbstbild und Fremdbild auseinanderfallen. Das gilt erst recht, wenn das erste weitaus schmeichelhafter ist als das zweite. In meiner letzten Kolumne habe ich darauf hingewiesen, dass man den typischen Grünen-Wähler eher im Staatsdienst als in der Wirtschaft findet. Das haben nicht alle gerne gelesen.

"Ich kann die blödsinnige, shitstormartige Unterstellung, dass es sich bei Grün-Wählern durchweg um Beamte handelt, nicht nachvollziehen", ließ mich "s.treitbar" im Forum wissen. "Ich habe gerade mal die Berufe der grünen Ratsmitglieder meiner Heimat(klein)stadt recherchiert: Acht Köpfe, darunter aber nur EIN Beamter", kommentierte der Leser "vonlipwig" meinen Text.

Kaum etwas ist für das grüne Selbstverständnis so bedeutsam wie die Idee, irgendwie ganz anders zu sein als die anderen. Dass man sich auch nach 30 Jahren Institutionenmarsch die ursprüngliche Aufmüpfigkeit und Unangepasstheit bewahrt habe, ist eine Vorstellung, die der therapeutisch geschulte Beobachter umstandslos dem Kreis der politischen Kollektivneurosen zuordnen wird. Aber wie es manchmal so ist mit Zwangsgedanken: Wenn man sie nur oft genug wiederholt, entwickeln sie ihre eigene Überzeugungskraft.

Enge Hosen, die Haare ganz wild

So verdankt sich die Attraktivität der Bewegung bis heute zu einem nicht geringen Teil der Annahme, dass in jedem Grünen irgendwo noch der Bürgerschreck steckt. Ein Kreuz für die Vertreter der Ökobewegung ist immer auch ein Kreuz gegen die Arriviertheit und Sattheit des etablierten Betriebs.

Verständlich, dass man deshalb nicht genauer über den beruflichen Hintergrund der Anhänger belehrt werden will. Beamtenstatus und Rebellentum vertragen sich schlecht, da kann man noch so oft behaupten, im Herzen aber unheimlich jung geblieben zu sein. Spätestens der Nachwuchswähler, auf dessen Zustimmung keine Partei verzichten mag, durchschaut den Schwindel. Man kennt das aus der Schule: Der Gemeinschaftskundelehrer bleibt immer der Gemeinschaftskundelehrer, auch wenn er sich in zu enge Hosen zwängt und die Haare ganz wild trägt.

Was die Selbstverstaatlichung der Anhängerschaft angeht, sind die Zahlen eindeutig: 20 Prozent der Beamten unterstützen inzwischen die Grünen, womit diese Berufsgruppe heute die mit der stärksten Affinität zur Ökopartei ist. Unter den höheren Beamten sympathisieren 40 Prozent mit den Grünen, wie eine Forsa-Erhebung ergeben hat. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist es der Partei sogar gelungen, in diesem Milieu die CDU abzuhängen: 35 Prozent der Beamtenschaft haben im Ländle für die ehemaligen Aufrührer gestimmt, was für den Wahlsieg von Winfried Kretschmann nicht unbedeutsam war. Nimmt man die Beschäftigten im öffentlichen Dienst hinzu, bei denen die Sympathien für die Ökologen nicht weniger stark ausgeprägt sind, sieht man, wo das Rückgrat dieser Partei liegt.

Deshalb ein kleines Dankeschön

Die Liebe zum Staat hat in der Linken Tradition. Keine Generation hat sich so bedingungslos in die Arme des Staates geworfen wie ausgerechnet die Achtundsechziger, die Gründungsgeneration der Grünen. Tatsächlich hat sich der Öffentliche Dienst in Deutschland nie wieder so rasant entwickelt wie zwischen 1968 und 1978: Innerhalb eines Jahrzehnts kletterte die Zahl der staatlichen Angestellten von 944.000 auf 1.323.000, ein Anstieg von mehr als 40 Prozent. "Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehen", hat Kurt Tucholsky einst bemerkt. "Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen." Die deutsche Linke kann von sich sagen, dieses Ideal im ersten Anlauf fast restbestandsfrei für sich erfüllt zu haben.

Damit wir uns nicht missverstehen: Es spricht überhaupt nichts gegen den Staatsdienst. Eine gute funktionierende Verwaltung ist ein Segen, wie man spätestens dann feststellt, wenn man einmal länger ohne sie auskommen muss. Man sollte mit Blick auf die Interessenlage nur die Proklamationen nicht allzu ernst nehmen, die das Eigendienliche als gemeinnützig ausgeben. Es liegt auf der Hand, dass vor allem diejenigen von einem Ausbau des Staates profitieren, die von ihm leben.

Aber vielleicht muss man die kollektive Heimischwerdung im Staatsdienst ganz anders sehen: nicht als Usurpation, sondern vielmehr als zivilisatorischen Akt, als eine "zweite Staatsgründung", um in der Terminologie der Zeit zu bleiben. Erst den Atom- und dann den Überwachungsstaat in die Knie gezwungen zu haben, gehört auch in der Selbstzuschreibung zu den großen Errungenschaften der alternativen Bewegung. Vor der Zähmung des Kapitalismus steht die Vermenschlichung der Bürokratie.

Verständlich also, dass die Grünen von den Bürgern heute für diese Leistung ein wenig Anerkennung erwarten. Höhere Steuern wären so gesehen ein kleines Dankeschön an die Männer und Frauen, die dem Staat und seinen Organen ihren Schrecken genommen haben.

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