S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal 100.000 Zeilen Hass

Keine Partei muss mit solcher Verachtung leben wie die FDP. Der Erfolg bei der Landtagswahl in Kiel zeigt, wie man damit am besten fertig wird: indem man Leute an die Spitze holt, die sich nicht jeden Tag fragen, was wohl die Presse über sie denkt.

Eine Kolumne von


Wer noch immer nicht weiß, warum es sich lohnt, ab und zu die FDP zu wählen, musste am Montag nur in die "Süddeutsche Zeitung" schauen. Acht Prozent für die Freidemokraten in Schleswig-Holstein - und in München setzte Schnappatmung ein. Eine Attrappe sei die Partei, schrieb der Leitartikler und "Erich-Fromm"-Preisträger Heribert Prantl zum Wahlausgang im Norden, ein Plastikersatz, der ständig von irgendwelchen Leuten aufgepumpt werde, die über zu viel heiße Luft verfügten.

"100 Zeilen Hass" hieß die berühmte Mobbing-Kolumne von Maxim Biller; die "SZ" hat das Format aus aktuellem Anlass wiederbelebt.

Die größte Wut entsteht oft aus enttäuschter Erwartung. Wie man sieht, hatte man am Stammsitz des anständigen Deutschlands fest mit dem Ableben der Liberalen gerechnet. Nun musste man nicht nur mit ihrer wundersame Auferstehung fertig werden, sondern auch noch mit der Tatsache, dass diese ausgerechnet von einem solchen Windbeutel wie Wolfgang Kubicki bewerkstelligt wurde, einem Mann, der nach eigenem Bekenntnis zur Entspannung gerne "Steiner, das Eiserne Kreuz" schaut und sich auch sonst wenig schert, was man in den besseren Vierteln von ihm hält. Oder, um in der Diktion der "Süddeutschen" zu bleiben: einem Intriganten, Quertreiber und Egomanen, der für ein fetziges Morgeninterview seine Großmutter verkaufen würde, wenn er noch eine hätte.

Riskantes Bekenntnis

Man darf in Deutschland alles Mögliche wählen, ohne dass dies größere Nachfragen auslöst - grün, rot, orange, zur Not auch mal schwarz. Selbst die Linkspartei mit ihrem Traum vom bankenfreien Sozialismus, wo jeder beim Staat sein Konto hat, findet in den deutschen Leitmedien noch ihre Verteidiger. Nur ein Bekenntnis zur FDP setzt einen verlässlich dem Verdacht aus, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben, beziehungsweise selber ein Vertreter jener Intriganten- und Egomanengesellschaft zu sein, wie sie angeblich die Freidemokratie bevölkert. Ich weiß, wovon ich rede: Seit ich meine Sympathien für die Freunde der Freiheit erkennen ließ, werde ich regelmäßig aufgefordert, mich in Therapie zu begeben.

Die Verachtung geht inzwischen so weit, dass sich die Verächter nicht einmal mehr Mühe geben, näher zu begründen, was genau am deutschen Liberalismus so schlimm ist, dass man ihn sich in den Orkus der Parteiengeschichte wünscht. Um als politischer Outcast zu gelten, reicht es offenbar, dass man die Tarifautonomie bewahren möchte und die Hälfte seines Einkommens lieber selber behält, anstatt es Leuten wie Andrea Nahles, Sigmar Gabriel oder Jürgen Trittin anzuvertrauen, damit die es dann für einen ausgeben.

Ein Herz für Minderheiten

Wer nach den Gründen für den beispiellosen Absturz der FDP sucht, findet ihn auch in diesem medialen Verurteilungskonsens. Die meisten Menschen suchen die Zustimmung ihres Umfelds, nicht die Ablehnung, das schließt politische Fragen ein. Gerade im bürgerlichen Umfeld ist es mit dem Bekenntnismut nicht weit her, das ideologische Rückgrat ist hier naturgemäß eher unterentwickelt. Das macht das Gespräch mit liberal gesonnenen Leuten angenehm, weil sie einem nicht ständig ihre Überzeugungen um die Ohren hauen; es hat aber für die organisierte Politik den unbestreitbaren Nachteil, dass die Anhänger schnell verunsichert sind, wenn sich das Meinungsklima gegen sie wendet.

Unter normalen Umständen sollte es einer Partei helfen, wenn sie ein Herz für Minderheiten zeigt. Verglichen mit der FDP sind selbst die Grünen ein Verein von Spießbürgern. Welche politische Gruppierung kann schon von sich behaupten, erst einen bekennenden Schwulen und dann ein vietnamesisches Waisenkind an ihre Spitze gewählt zu haben?

Im Fall Rösler hat sich diese Entscheidung leider als doppelt fatal erwiesen: In der Presse galt der neue Parteichef schnell als jemand, den man nicht wirklich ernst nehmen muss; im eigenen Lager stieß sein geradezu flehentliches Ringen um Anerkennung auf Befremden. Rösler will partout gefallen, das ist seine große Schwäche. Aus der Unsicherheit des Außenseiters rührt der Hang zu Witzelei, die Unfähigkeit, im richtigen Moment nein zu sagen.

Wenn schon Untergang, dann mit einem Glas in der Hand

Womit wir wieder bei Kubicki wären, dem Helden des vergangenen Wochenendes. Der Mann ist in einem Stadium der Gelassenheit angekommen, das man unverschämt finden kann oder im Gegenteil erfrischend unkonventionell. In jedem Fall aber verschafft diese Unabhängigkeit den Freidemokraten eine Coolness, wie sie keiner der in Berlin verbliebenen Parteifreunde derzeit zustande bringt.

Wer traut sich schon, am Tag nach dem Wahlsieg die Einladung zum Gruppenbild mit der Entschuldigung auszuschlagen, er müsse seinen Rausch ausschlafen? Das muss einem erst einmal einfallen.

Sicher, große Sprünge lassen sich mit solchen Auftritten nicht machen. Aber für den Anfang würde den Freidemokraten ja der Wiedereinzug in den Bundestag reichen. Mit der braven Anbiederei eines Philipp Rösler ist der Erfolg nicht nur sehr ungewiss, sondern der Weg dahin auch noch furchtbar erniedrigend.

Wenn man schon untergeht, dann sollte man das nach Möglichkeit mit einem Glas in der Hand tun und einem guten Spruch auf den Lippen.

insgesamt 417 Beiträge
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Seite 1
acusticusneurinom 10.05.2012
1. Ist das jetzt ein Witz?
Seit wann trägt Herr Fleischhauer eine "Westerwelle"-Brille? Man sollte solche Brillen auch nur tragen, wenn man das passende Gesicht dafür hat... Mehr kann man zu diesem Artikel nicht schreiben... - meiner Meinung nach..
asimo 10.05.2012
2. Asimo sagt:
Zitat von sysopKeine Partei muss mit solcher Verachtung leben wie die FDP. Der Erfolg bei der Landtagswahl in Kiel zeigt, wie man damit am besten fertig wird: Indem man Leute an die Spitze holt, die sich nicht jeden Tag fragen, was wohl die Presse über sie denkt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832393,00.html
Wow - gleich zwei die FPD protegierende Artikel auf der Hauptseite. Die FDP erfährt soviel Verachtung, weil sie dafür die geeignete Vorlage bietet. Wer sich menschenverachtend, elitär und besserwisserisch gibt, muss sich nicht wundern wenn er nicht everybody's darling ist. Ich mache der FDP daher eine lange Nase und rufe ihr zu: Selbst schuld. Macht vernüftige Politik und ihr werdet keine Verachtung, sondern Zustimmung ernten. Ahoi!
frubi 10.05.2012
3. .
Zitat von sysopKeine Partei muss mit solcher Verachtung leben wie die FDP. Der Erfolg bei der Landtagswahl in Kiel zeigt, wie man damit am besten fertig wird: Indem man Leute an die Spitze holt, die sich nicht jeden Tag fragen, was wohl die Presse über sie denkt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832393,00.html
"Indem man Leute an die Spitze holt, die sich nicht jeden Tag fragen, was wohl die Presse über sie denkt." Das ist bei den Piraten von Anfang an so gewesen und es sollte für jeden Politiker denken. Wer sind denn die "Kunden" der Politiker? Journalisten oder Wähler? Die meisten Politiker halten allerdings den Einfluss der Presse auf die Wähler für so stark, dass sie gerne die Abkürzung über die Presse nehmen, um Wähler bzw, Stimmungen positiv zu beeinflussen. Das dies heute im Internetzeitalter und den damit verbundenen Informationsmöglichkeiten nicht mehr funktioniert, kapieren die meisten nicht. Noch haben die etablierten Parteien Zeit denn das Internet und die Generationen, die damit selbstverständlich aufgewachsen sind, ist noch nicht so alt. Spätestens in 20 Jahren sieht das ganz anders aus.
kein Ideologe 10.05.2012
4.
Zitat von acusticusneurinomSeit wann trägt Herr Fleischhauer eine "Westerwelle"-Brille? Man sollte solche Brillen auch nur tragen, wenn man das passende Gesicht dafür hat... Mehr kann man zu diesem Artikel nicht schreiben... - meiner Meinung nach..
tatsächlich, das typische Modell mit den zwei nebeneinander liegenden Gläsern! https://www.google.de/search?q=westerwelle&hl=de&prmd=imvnsul&source=lnms&tbm=isch&ei=m7KrT_j5MofotQbB9rWfBQ&sa=X&oi=mode_link&ct=mode&cd=2&sqi=2&ved=0CBoQ_AUoAQ&biw=1280&bih=929#hl=de&tbm=isch&sa=1&q=Westerwelle&oq=Westerwelle&aq=f&aqi=g10&aql=&gs_l=img.3..0l10.9424.9424.8.10768.1.1.0.0.0.0.51.51.1.1.0...0.0.bo_CtotB44E&pbx=1&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_cp.r_qf.,cf.osb&fp=f3b3d7c1bac7172b&biw=1280&bih=929
Derax 10.05.2012
5. ...
"Selbst die Linkspartei mit ihrem Traum vom bankenfreien Sozialismus, wo jeder beim Staat sein Konto hat,..." haha :)
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