Grüner Landwirtschaftsminister Albrecht über Bauernproteste "Wir brauchen eine krasse Kehrtwende"

Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht hat Verständnis für die Proteste der Bauern, warnt aber: "Eskalation führt nicht weiter." Der Bundesregierung wirft der Grünenpolitiker Versäumnisse vor.

Maisernte bei Rammingen: "Die Bauern demonstrieren aus nachvollziehbaren Gründen"
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Maisernte bei Rammingen: "Die Bauern demonstrieren aus nachvollziehbaren Gründen"

Ein Interview von und


Zur Person
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    Jan Philipp Albrecht, Jahrgang 1982, ist seit September 2018 Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung in der Jamaika-Regierung von Schleswig-Holstein. Zuvor saß der Grünen-Politiker neun Jahre im Europäischen Parlament.

SPIEGEL: Herr Albrecht, haben Sie Mitleid mit CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, wenn sie von Tausenden Bauern ausgebuht wird?

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Heft 49/2019
Warum alle Welt ihn bis heute vergöttert

Albrecht: Nein. Die Probleme sind seit Jahren bekannt, die Bundesregierung hat sie viel zu lange nicht angepackt. Jetzt hat sie ein Agrarpaket beschlossen, das wichtige Anreize enthält, ökologischer zu wirtschaften. Aber viele Betriebe haben inzwischen investiert und nicht auf nachhaltigeres Wirtschaften gesetzt. Nun protestieren sie, weil sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Auch für die Bundesrepublik wird das zum Problem, denn es drohen Strafzahlungen an die EU.

SPIEGEL: Also protestieren die Bauern zu Recht?

Albrecht: Was von ihnen erwartet wird, können viele Betriebe allein nicht leisten. Ich will damit nicht vernebeln, dass manchem Bauer der Schutz von Gewässern und Böden egal sein mag. In den vergangenen Jahren wurde ihnen vonseiten der Politik nicht verständlich gemacht, warum dieser Schutz notwendig ist - auch für die eigene Zukunft. Die allermeisten wissen genau, dass wir eine Riesenveränderung vor uns haben. Aber sie können ohne Hilfe ihren Hof nicht umbauen.

SPIEGEL: Kaum ein Sektor wird so stark subventioniert wie die Landwirtschaft.

Albrecht: Ich finde es richtig, dass hier Steuergeld fließt. Doch in den vergangenen Jahren haben wir nach wie vor selbst große Betriebe mit Prämien gefördert. Teil des Problems ist, dass Lebensmittel bei uns zu billig sind. Der Einzelhandel konnte die Preise bis in die Würdelosigkeit drücken. Auch das ist Politikversagen.

SPIEGEL: Was halten Sie von dem Agrarpaket selbst?

Albrecht: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, bleibt aber insgesamt zu kurzsichtig. Es enthält wichtige ökologische Vorgaben, etwa für Pflanzenschutzmittel. Und es werden mehr Mittel für ökologische Anreize und Tierwohlaspekte in der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt.

SPIEGEL: In Ihrer Partei sind viele unzufrieden damit.

Albrecht: Man hat versäumt, vorher die grundsätzlichen Fragen zu stellen: Welche landwirtschaftlichen Betriebe wollen wir in Zukunft? Welche Umweltstandards? Inwieweit wollen wir den Weltmarkt bedienen? Und was wollen die Verbraucher?

SPIEGEL: Die Fronten sind verhärtet. Ist es für friedliche Fragerunden jetzt zu spät?

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Thilo Schmuelgen / REUTERS

Albrecht: Die Bauern demonstrieren aus nachvollziehbaren Gründen. Aber Eskalation führt nicht weiter. Die Landwirte und ihre Verbände müssen auch zuhören und offen für neue Wege sein.

SPIEGEL: Wie handhaben Sie dieses Dilemma in Schleswig-Holstein?

Albrecht: Wir haben Umweltverbände gemeinsam mit Bauern an einen Tisch gesetzt und gefragt: Wo soll die Landwirtschaft in 20 Jahren stehen? Wenn heute ein junger Landwirt einen Betrieb übernimmt, muss er entscheiden, ob er in einen neuen Stall investieren soll, in eine Fotovoltaik- oder in eine Biogasanlage. Oder er stellt seinen Hof eben auf ökologische Landwirtschaft um. Er muss also jetzt wissen, was sich für ihn lohnt.

SPIEGEL: Sie sind auf Robert Habeck gefolgt, seit bald acht Jahren sitzt in Kiel ein grüner Landwirtschaftsminister. Aber auch in Ihrem Land werden immer noch zu viele Nutztiere auf zu kleinem Raum gehalten.

Albrecht: Die Böden in Schleswig-Holstein sind sehr fruchtbar, wir können viel produzieren. Das wird ausgenutzt. Aber natürlich diskutieren wir darüber, wie wir weniger Tiere pro Fläche halten und die Nitratbelastung der Böden senken können. Dafür müssen wir die Betriebe verkleinern; das dauert.

SPIEGEL: Weiter sind Sie damit nicht?

Albrecht: In Schleswig-Holstein sind wir bei der Umsetzung der Düngeregeln durchaus weit gegangen. Wir haben ein intensives Monitoring und Standards über dem Bundesniveau.

SPIEGEL: Bevor Sie nach Kiel gingen, waren Sie Europaabgeordneter. Auch in der EU ist die Agrarpolitik ein Zankapfel.

Albrecht: Vor allem die EU-Kommission fängt an umzudenken. Die Mitgliedstaaten setzen leider nach wie vor auf den Status quo, was die Agrarsubventionen angeht. Ich erwarte von der Bundesregierung eigentlich seit Langem ein Machtwort, dass es so nicht weitergehen kann. Aber das einflussreichste EU-Mitglied Deutschland bleibt merkwürdig still. Wir tun immer noch so, als wären wir in den Fünfzigerjahren, als es darum ging, die Lebensmittelversorgung zu sichern.

SPIEGEL: Auch wenn die CSU sich mit Markus Söder jetzt offiziell der Artenvielfalt verschrieben hat, ist eine schwarz-grüne Agrarwende überhaupt denkbar?

Albrecht: In der Union gibt es immer noch einige, die jede Veränderung abwehren wollen. Das ist verantwortungslos und hat die Landwirte in diese Sackgasse getrieben. Aber mittlerweile gibt es da andere, die das Problem erkannt haben. Wenn wir die Jobs in der Landwirtschaft sichern wollen, dann brauchen wir eine krasse Kehrtwende bei der Frage, wie und vor allem welche Art von Landwirtschaft gefördert werden soll.

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Leeoos 29.11.2019
1. Unter
Habeck wurde nichts gegen das "immer mehr, immer größer, immer enger" (= immer tierqälender) gemacht, Albrecht ist nicht besser,das hat nix mit GRÜNE zu tun!
leo19 29.11.2019
2. Herr Albrecht hat recht!
Die Bundesregierung hat bisher alles falsch gemacht und speziell die Grossagrarier unterstützt, die Böden, Grundwasser und Lebensmittel vergiften. Jetzt beginnt das grosse Weinen und Wehklagen, weil endlich umgesteuert werden soll. Und so ein landwirtschaftlicher Betrieb braucht zuverlässige Rahmenbedingungen um langfristig wirtschaften zu können. Als erstes sollten die Subventionen für Diesel gestrichen werden und zwar sofort.
ultramontan 29.11.2019
3. Bauernprotest
Toll unsere grünen Bauernversteher! Was soll man da noch erklären? Es geht auch um ihr Trinkwasser und das sollten die Herren auf den hohen Traktoren einfach schon längst kapiert haben! Vor kurzem sollte ich noch die AfD-Ossis verstehen! Für wen soll ich als Nächstes Verständnis haben?
melvd 29.11.2019
4. Und dann?
Landwirte und Umweltverbände wurden an einen Tisch gesetzt, aber was kam dabei heraus? Danach wusste man, wo investiert werden muss?
aggro_aggro 29.11.2019
5. Ökologie
Die deutschen Bauern haben durchaus ein ökologisches Bewusstsein, sie sind doch diejenigen, die in, mit und von der Natur leben. Niedrige Einnahmen (trotz Subventionen), ausländische Konkurrenz und auch inländische Konkurrenz von Riesen-Konzernen machen das Umsetzen von ökologischen Änderungen schwer. Außerdem befördert der wirtschaftliche Druck (und wieder die Subventionen) eine in manchen Bereichen bedenkliche Überproduktion, die nebenbei noch die Märkte in Entwicklungsländern zerstört. Es gibt eine einfache Lösung. Um regionalen Anbau (auch in kleineren Größenordnungen) wieder konkurrenzfähig zu machen, muss der Transport teurer werden. Zölle an dern Grenzen und vor allem Erhöhung der Logistikkosten (hallo, CO2-Steuer!) können bewirken, dass die Marktmacht von Aldi sinkt, weil sie regional einkaufen müssen, dass Bauern mehr direkt an Kunden verkaufen können und dass die Einnahmen nicht nur durch Masse generiert werden. Eine Familie muss auch von 1000 Hühnern (gut) leben können, Fabriken mit 100.000 Hühnern sollten unnötig werden. Dann werden Eier eben nicht mehr aus Litauen versendet, sondern aus dem Nachbarort.
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