Spitzenduo Wissler und Bartsch Ungleich links

Janine Wissler und Dietmar Bartsch sollen die Linke in den Bundestagswahlkampf führen. Kann das grundverschiedene Spitzenpaar die Partei aus dem Umfragekeller holen?
Linken-Spitzenkandidaten Janine Wissler und Dietmar Bartsch

Linken-Spitzenkandidaten Janine Wissler und Dietmar Bartsch

Foto: MICHELE TANTUSSI / REUTERS

Nach ihrem gemeinsamen Auftritt gingen Dietmar Bartsch und Janine Wissler schnell getrennte Wege. Bartsch verließ die Bühne nach links, Wissler nach rechts. Umgedreht haben sich die beiden nicht noch mal. Dass die Inszenierung der beiden neuen Spitzenkandidaten zwischenzeitig so endete, als wollten die Gekürten in unterschiedliche Richtungen, war ein kleiner Schönheitsfehler bei dem Pressetermin am Montagmittag in der Kulturbrauerei im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Einer, der aber doch ins Bild passt.

Denn tatsächlich ist es ein ziemlich ungleiches Paar, das die Linke jetzt in den Bundestagswahlkampf führen soll. Es ist der Versuch, die ganze Breite der Partei zu vertreten. Auf der einen Seite steht der 63-jährige Oberpragmatiker Bartsch, der für eine klare Regierungsperspektive steht und auch die älteren PDS-Wähler im Osten anspricht.

Auf der anderen Seite Janine Wissler, die 39-jährige West-Linke, die in der Vergangenheit auch schon über Revolutionen sinnierte und sich der Unterstützung der Antirassismus- und Klimaaktivisten an den Universitäten sicher sein kann.

Für die Mobilisierung der Partei und ihrer Klientel ist das Duo also zunächst einmal klug gewählt. Ob die beiden aber im Wahlkampf harmonieren und auch gemeinsam neue Wähler überzeugen können, wird sich in den kommenden Monaten zeigen müssen.

Wissler und Bartsch kennen sich zwar schon lange, allzu viel hatten sie in der Vergangenheit aber nicht miteinander zu tun. Dementsprechend ungewohnt wirkten nun die ersten Fotos der beiden, fast ein wenig, als würde sich die Partei mal wieder neu erfinden. Einen solchen Aufbruch hätte die Linke dringend nötig, zuletzt setzte die Partei zum Sinkflug in den Umfragen an, in manchen Erhebungen liegt sie nur noch bei sechs Prozent. Nun muss das Spitzenduo die Genossen vor dem Sturz Richtung Fünfprozenthürde bewahren.

Am Montag gab man sich selbstbewusst: Ein »zweistelliges« Ergebnis visiere man an, versicherte Bartsch und verwies auf die »volatile« Umfragelage. Zweistellig war die Partei allerdings erst einmal: Bei der Bundestagswahl 2009 holte sie 11,9 Prozent. Vor vier Jahren waren es 9,2 Prozent.

Bartsch kündigte an, mit zwei Kernbotschaften in den Wahlkampf ziehen zu wollen: Erstens als Anwalt der Arbeitenden, der Rentner, der Arbeitsuchenden, all jener, die ein gerechteres Land bräuchten. »Wir brauchen ein neues Wir-Gefühl«, mahnte der Linksfraktionschef. Zweitens brauche der Staat eine Modernisierung.

Wissler sprach sich für eine »mutige, radikale und realistische« Politik der Linken aus. Als zentrale Anliegen nannte sie die Abschaffung der Rente mit 67 und von Hartz IV, einen Mietenstopp, die Aufwertung der »maroden Infrastruktur«, Ab- statt Aufrüstung. Die »Superreichen und Krisengewinner wie Amazon« sollten für die Folgen der Coronakrise bezahlen. »Wir wollen die Prämissen der Politik grundlegend ändern«, so Wissler.

Aufbruchstimmung war beim ersten Auftritt der beiden noch nicht zu spüren. Insgesamt verlief die Kür aber zumindest innerparteilich reibungslos. Offenbar war man sich in der Parteispitze früh einig, dass Bartsch und Wissler den Wahlkampf anführen soll, die Konstellation war schon seit Wochen im Gespräch.

Die beiden anderen potenziellen Anwärter, Fraktionschefin Amira Mohamed Ali und Co-Parteivorsitzende Susanne Hennig-Wellsow, müssen nun vor allem in die eigenen Reihen hineinwirken. So soll Hennig-Wellsow die Linke auf eine mögliche rot-rot-grüne Regierungsverantwortung im Bund vorbereiten.

Zuletzt hatte Grünenchef Robert Habeck ein Bekenntnis zur Nato von den Linken gefordert, was deren Spitze kühl abwies. Als echte Absage an ein Linksbündnis will man die Grünenforderung dort ohnehin nicht verstanden wissen: Die Grünen wollten eben an die Unionswähler ran, deswegen brauchten sie Distanz zur Linken.

Allerdings weiß man in der Partei, wie schwer es würde, die eigenen Genossen bei schwierigen Verhandlungen mit SPD und Grünen nach der Bundestagswahl mitzunehmen. Da soll nun Hennig-Wellsow Vorarbeit leisten.

Bartschs Co-Partnerin an der Fraktionsspitze, Mohamed Ali, wiederum repräsentiert das zuletzt geschwächte Lager um Sahra Wagenknecht. Die Gruppe hatte zahlreiche, empfindliche Niederlagen in der Partei erlitten. Mohamed Ali wird es nun gelingen müssen, das Wagenknecht-Lager im Wahlkampf bei der Partei zu halten. Erst am Sonntagabend kamen in der ZDF-Sendung »Berlin direkt« wieder Genossen zu Wort, die davor warnten, die Linke vernachlässige das Arbeitermilieu. Auch Wagenknecht selbst war einmal mehr dabei.

Bisher richten sich die Angriffe nicht gegen die neue Parteispitze, wie es bei ihren Vorgängern Katja Kipping und Bernd Riexinger der Fall war. Aber wie lange noch? Geraten auch Hennig-Wellsow und Wissler ins Visier, könnte die Linke in die alten Machtkämpfe zurückfallen.

Trotz der schwelenden Konflikte – im Parteivorstand, so berichten es Teilnehmer, lief die Kür der Spitzenkandidaten am Montagmorgen verhältnismäßig reibungslos und schnell ab. Ein Antrag, im Wahlkampf einfach komplett auf Spitzenkandidaten zu verzichten, fand mit fünf Stimmen keine Mehrheit. Schließlich votierten rund 86 Prozent für das Duo Wissler und Bartsch – für die Linke ist das ein gutes Ergebnis.

Bei der Vorstellung am Montag gingen Wissler und Bartsch später noch einmal auf die Bühne, um für die Fotografen zu posieren. Am Ende verließen sie das Podest dann sogar gemeinsam, in dieselbe Richtung: nach links.