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Regionalkonferenz zur Merkel-Nachfolge Ein bisschen Streit muss sein

Der Wettbewerb um den CDU-Vorsitz ist gestartet - und nur einer stört am Ende die Harmonieshow in Lübeck: Jens Spahn kann sich ein paar Spitzen gegen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz nicht verkneifen.

Es ist 20.45 Uhr an diesem Donnerstagabend, als ein junges CDU-Mitglied in der Kulturwerft Gollan in Lübeck an eines der Saalmikrofone tritt: Er würde die drei Kandidaten darum bitten, zum Schluss doch noch mal klarzumachen, worin man sich eigentlich von den anderen unterscheide.

Fast drei Stunden haben sich Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz in Lübeck bis zu diesem Moment als Kandidaten für den CDU-Vorsitz präsentiert. Jeder durfte in der früheren Fabrikhalle zunächst je zehn Minuten sprechen und sich vorstellen. Dann folgten, nach Themenblöcken geordnet, 20 Fragen aus dem Publikum. Mehr als 700 Parteimitglieder sind zu der ersten von acht über ganz Deutschland verteilten Regionalkonferenzen gekommen.

Aber was genau ist jetzt das Profil von Kramp-Karrenbauer - im Gegensatz zu dem von Merz? Und was will Spahn, das die anderen nicht wollen?

Viel schlauer als vor der Veranstaltung ist man am Ende tatsächlich nicht.

Das liegt vor allem daran, dass die CDU in gewisser Weise in einem Luxus-Dilemma steckt: Sie hat gleich drei starke Kandidaten für die Nachfolge von Angela Merkel, die auf dem Hamburger Bundesparteitag Anfang Dezember den Vorsitz abgeben wird. Das beflügelt die Christdemokraten, man muss sie sich nach den vergangenen eher zähen Merkel-Jahren derzeit wie ein politisches Dornröschen vorstellen, das wieder wachgeküsst wurde. Aber gleichzeitig mögen es die Kandidaten bitte nicht übertreiben mit ihrem Wettbewerb. Streiten sollen sie am besten gar nicht, davon haben die Unionsparteien in den vergangenen Monaten ja genug erlebt.

Heraus kommt dann ein Abend wie in Lübeck.

An einer Stelle, gefragt wurde nach dem Thema Amerika unter Trump, dem Umgang mit China und dem Plastikmüll-Problem, teilen sich die Kandidaten die Antworten schließlich sogar auf: Merz sagt etwas zu den USA, Kramp-Karrenbauer zu Peking und Spahn zur Vermüllung der Meere.

"Wir sollten einfach alle drei wählen", sagt ein Zuhörer irgendwann. Aber das geht natürlich nicht. Am Ende wird nur einer gewinnen. Und ob es gelingt, die beiden Unterlegenen dann einzubinden, wird noch spannend zu beobachten sein.

Alle drei Kandidaten kündigen an, die Partei wieder mehr beteiligen und offenere Debatten führen zu wollen. Das kommt an im Saal. Die Basis wirkt wie ausgehungert. Wegen des überraschend hohen Zuspruchs musste die in Mainz geplante Regionalkonferenz jetzt nach Idar-Oberstein in eine größere Halle verlegt werden, zuletzt gab es in der Berliner CDU-Zentrale immer wieder Anfragen wegen der Übertragung ins Internet, etliche Ortsvereine veranstalten offenbar Public-Viewing-Abende.

Aber das Format krankt daran, dass die Kandidaten zu wenig miteinander sprechen. Die Interaktion findet nur zwischen dem Saal und ihnen statt - aber kaum untereinander.

Was die Mitglieder erleben: Kramp-Karrenbauer, 56, ist immer einen Tick konzilianter als die beiden Herren. Der 63-jährige Merz versucht, seinem "Klare Botschaften"-Stil treu zu bleiben. Und Spahn traut sich auch mal ein bisschen was. Er ist mit 38 Jahren mit Abstand der Jüngste des Trios, ihm werden nur Außenseiterchancen auf dem Parteitag nachgesagt, Spahn hat also auch am wenigsten zu verlieren.

Er widerspricht Kramp-Karrenbauer, als diese das Frauen-Defizit in der CDU beklagt und über geeignete Maßnahmen auch bei der Aufstellung von Kandidaten nachdenkt. Nein, sagt er, das müssten doch bitteschön die Verbände vor Ort entscheiden. Und als Kramp-Karrenbauer infrage stellt, ob jede technologische Innovation sinnvoll sei, beispielsweise das fahrerlose Auto, interveniert Spahn: "Darin sehe ich riesige Chancen."

Spahns Spitzen gegen seine Kontrahenten

Und Spahn schreckt auch vor Sticheleichen nicht zurück. "Ich hätte mir gewünscht, wir hätten Sie damals an Bord gehabt", sagt er zu Beginn des Abends zu Merz, nachdem dieser über die Flüchtlingskrise im Sommer 2015 gesprochen hat. Soll heißen: Sein Gegenkandidat, der 2009 aus dem Bundestag ausgeschieden war und in den vergangenen Jahren viel Geld in der Wirtschaft verdiente, hat jetzt gut reden. Nein, er wolle natürlich keinen Streit, sagt Spahn ganz am Ende - um dann noch mal daran zu erinnern, dass Kramp-Karrenbauer die Ehe für alle in die Nähe von Inzucht gestellt habe. Und nein, natürlich nehme er, der mit einem Mann verheiratet ist, das nicht persönlich.

Merz bekommt donnernden Applaus, als er prophezeit, die CDU wieder auf 40 Prozent führen zu können und die AfD-Zustimmung wiederum zu halbieren. Als Kramp-Karrenbauer den Verzicht auf Weihnachtslieder in Kindergärten beklagt, wird sie laut beklatscht. "Das ist keine Form der Toleranz, das ist eine Form der kulturellen Selbstverzwergung", sagt Kramp-Karrenbauer. Und Spahn erntet großen Applaus bei seinem Bekenntnis zur dualen Ausbildung.

Was das mit Blick auf die Wahl am 7. Dezember in Hamburg aussagt? Herzlich wenig. Schon wieder sieht eine Umfrage Kramp-Karrenbauer vorne - aber eben in der Bevölkerung. Bei der CDU-Basis dürfte Merz Favorit sein, aber auch das ist nicht relevant: Auf dem Parteitag entscheiden die 1001 Delegierten.

Und bis Hamburg kann noch viel passieren.

Wer steckt hinter Civey? Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

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