GroKo-Politiker Lauterbach und Spahn Der Professor und sein Minister

Für Jens Spahn und Karl Lauterbach ist die GroKo eine Erfolgsgeschichte. Der CDU-Gesundheitsminister und der SPD-Fraktionsvize treiben ein Gesetz nach dem anderen voran. Wie funktioniert dieses ungewöhnliche Duo?
Minister Spahn, Fraktionsvize Lauterbach: "Wir sind beide voll im Stoff"

Minister Spahn, Fraktionsvize Lauterbach: "Wir sind beide voll im Stoff"

Foto: Felix Zahn/ photothek/ imago images

Karl Lauterbach ist bestens gelaunt. "Wir haben einen Lauf", sagt der SPD-Mann, wenn er über die Gesundheitspolitik der Koalition spricht. "90 Prozent der Vorhaben im Koalitionsvertrag haben wir abgehakt oder zumindest begonnen. Bis zum Sommer werden wir weitere zwölf Gesetze einbringen", sagt Lauterbach, "und da sind richtig dicke Brocken dabei."

"Wir" - damit meint der 56-Jährige nicht etwa seine Partei oder die Große Koalition, sondern CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn und sich selbst.

Impfpflicht gegen Masern, radikaler Umbau der Organspende, Reform der Krankenkassen: Spahn schiebt ein umstrittenes Vorhaben nach dem nächsten an. Im Vergleich mit anderen Unionsministern wirkt er wie der Streber des Kabinetts.

Und Lauterbach? Der Gesundheitsökonom, Arzt und Professor gefällt sich in der Rolle des Taktgebers, der inhaltlich Einfluss nimmt, seine eigene Bedeutung aber auch öffentlich gerne herausstreicht.

De facto ist er nur Fraktionsvize, gefühlt aber mit dem Minister auf Augenhöhe.

Das Bündnis trägt Früchte für beide. So zählte Spahn anfangs zu den unbeliebtesten Ministern. Mit schroffen Äußerungen zu Hartz IV ("Bedeutet nicht Armut") und Abtreibungen zog er massiven Unmut auf sich. Seit sich der 38-Jährige auf seine Gesundheitsthemen konzentriert, läuft es deutlich besser.

Auch seine Bewerbung um den Parteivorsitz im vergangenen Herbst, wenngleich ohne Erfolg, scheint seinem Ansehen dienlich gewesen zu sein. Im aktuellen SPON-Regierungsmonitor legt der CDU-Minister 20 Punkte zu und zählt damit zu den Gewinnern des Rankings.

Und Lauterbach? Je besser es für den Minister läuft, desto größer wird auch das Interesse an dem SPD-Mann. "Ich kann mich nicht beklagen", sagt der Gesundheitsfachmann, "so wie ich werden wahrscheinlich nicht so viele Abgeordnete für ihre Partei wahrgenommen, die nicht Minister sind."

In Sachen Selbstbewusstsein, auch das ist schnell klar geworden, schenken sich Spahn und Lauterbach nichts.

Wie lange aber wird die Große Koalition noch halten - und damit die Zusammenarbeit der beiden? Lauterbach sagt, es sei seine Strategie gewesen, möglichst viele Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag so schnell wie möglich umzusetzen. Wer weiß, wann es nicht mehr weitergeht? Derzeit sehe es eher so aus, als könne die Koalition bis 2021 bestehen, sagt Lauterbach: "Aber wir halten das Tempo hoch. Jetzt beginnt die Kür."

Per Du sind sie nicht

Spahn und Lauterbach kennen sich seit 15 Jahren. "Lauterbach ist verlässlich, kompromissfähig - und er hat den Rückhalt seiner Partei. Deshalb klappt das gut zwischen uns", sagt Spahn.

Ihr Verhältnis ist von gegenseitigem Respekt geprägt, Freunde sind sie nicht, sie duzen sich nicht einmal. "Das Du hat sich einfach nie ergeben", sagt Spahn. "Aber das braucht man auch nicht unbedingt für einen vertrauensvollen Umgang in der Politik." In Sitzungswochen sprechen und kommunizieren die beiden regelmäßig, auch per SMS.

Aus Spahns Sicht war das gemeinsame Schlüsselereignis die Erarbeitung des komplizierten Gesundheitskapitels für den Koalitionsvertrag 2013: "Da haben wir gezeigt, dass wir sowas können: leise und konstruktiv. Unsere Gruppe war als erste fertig", sagt der CDU-Politiker. "Daraus ist gegenseitiges Vertrauen erwachsen."

Spahn war lange Zeit gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, Lauterbach hat sich im Bundestag stets um diesen Bereich gekümmert. "Wir sind beide voll im Stoff", sagt der Sozialdemokrat. Eine Einarbeitungszeit, wie sie etwa Bildungsministerin Anja Karliczek von der CDU reklamierte? Hätten Spahn und er nicht nötig gehabt.

Das helfe, sagt Lauterbach, etwa beim Thema Organspende. Fast wortgleich lehnen der Sozial- und der Christdemokrat eine Alternative zu ihrer Widerspruchslösung ab. Eine Gruppe von Abgeordneten schlägt vor, Bürger sollten mindestens alle zehn Jahre beim Ausweisabholen auf Organspenden angesprochen werden. Das werde nicht reichen, mahnt Lauterbach. Und Spahn sagt, er habe vor ein paar Jahren noch ähnlich argumentiert wie die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock und Linke-Chefin Katja Kipping. Doch hätten mehr Informationen und eine bessere Aufklärung nicht zu mehr Organspendern geführt.

Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Beide galten in ihrer Fraktion lange als Außenseiter. Lauterbach, der vor seinem SPD-Eintritt sogar einige Jahre CDU-Mitglied und Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung war, zog als Quereinsteiger ohne parteipolitische Ochsentour in den Bundestag ein. Seine Genossen verärgerte er häufig, indem er sie sein Überlegenheitsgefühl spüren ließ. Für einen Ministerposten fehlen ihm die Netzwerke in der SPD.

Auch Spahn eckte immer wieder an

Christdemokrat Spahn zog schon mit 22 in den Bundestag ein - da hatte er sich in seinem Wahlkreis im katholischen Münsterland bereits als Homosexueller geoutet. In seiner Partei eckte Spahn immer mal wieder an und stellte sich auch bisweilen gegen die Kanzlerin, vor allem in der Flüchtlingspolitik. "Uns verbindet der Spaß an der Debatte", sagt Spahn mit Blick auf Lauterbach.

Als Merkel ihn im Frühjahr vergangenen Jahres zum Gesundheitsminister machte, glaubten manche an eine Art vergiftete Beförderung: Auf dem Posten hat bislang kaum ein Politiker eine gute Figur gemacht. Aber Spahn beweist bislang das Gegenteil, auch durch kluge Personalentscheidungen in seinem Haus. Er konzentriert sich auf die Ministeraufgabe, mit Blick auf seine weiteren Karrierepläne dürfte das im Moment genau die richtige Entscheidung sein.

Und er hat Lauterbach. Und der ihn. Der Professor und sein Minister.

Oder andersherum.

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